Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 14. (3.4.1884)
- Date
- 1884-04-03
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-6488249-8756121--0363-4855728- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
selbstentworfene Bild bezielte, nicht angleich berechtigter als das Ihrige? Uebrigens g »be ich gerne zn, dass ich und viele Andere, höherstehende Männer, Sie eigentlich wenig kennen, eigentlich wenig von Ihrer früheren Wirksamkeit als Helfer*) iji Munderkingen und von Ihrer jetzigen als Gymnasiallehrer in Ulm wissen. Ich werde wohl auch nicht die Ehre, die grosse Ehre haben, von Ihnen näher gekannt zu sein, und so bitte ich Sie, Einiges über mjich zur Kenntniss nehmen zu wollen: , ״Ich habe“ das Christenthum in Wqrt und Schrift gegen seine ״christlich-arischen“ Verächter vertheidigt; ״ich habe“ ebensolche Jünglinge, die, durch die ״Antisemiterei“ am Christenthum irre geworden, sich vertrauensvoll an mich mit religiösen Fragen wandten, von atheistischen und materialistischen Anschauungen befreit, nicht etwa um sie zum Judenthum zu ״bekehren“ — wie konnte mir das bei dem jüdischen Verbot der Bekehrungssacht auch in den Sinn kommen! — sondern um sie zum Gottesglauben und zur Tugend zurückzi führen; ״ich habe“, als diese Jünglinge einige auf ihren dringenden Wunsch ihnen gegebene deutsche Seht lbücher der jüdischen Religion gelesen hatten und mir bemerkten, sie müssten sich nunmehr im Hinblick auf die Antisemiterei Christen zu sein schämen, ihnen entgegnet, ihre Scham sei durchaus grundlos, und ich bewies ihnen auf Grund des Christenthums und der Erfahrung, dass Antisemiten auf den Namen Christen gar keinen Anspruch hätten, bezw. haben wo'lten, ja dass schon die SelbstbezeichnuDg Antisemijten die gröbste Verspottung des Christenthums, seines semitischen Stifters und der semitischen Jünger desselben sei. Wollen Sie mehr dergleichen Fakta wissen, ich kann Ihnen damit dienen. Zudem finde ich mich veranlasst, Ihnen zu bemerken, dass ich Deutschland mindestens ebtnso gut als mein Vater- und, um mit Alcibiades zu reden, Mutterland (prjxp:?) nachweisen kann, wie Sie; und dass christlich-deutsche Gelehrte und hohe Staatsbeamte mein Leben, Wirken und Können in einer Weise gewürdigt haben, die mich über Ihren Angriff völlig beruhigen kann. Die verehrliche Redaction vermag dies zu bestätigen.**)! Ich will Sie nicht fragen, was Sie zu Ihrem unmotivirten Angrifi auf mich berechtigt; ich veiss es: Ebendasselbe, was Sie zu Ihrer qu. Recension, was Justus zu seinen Ausfällen berechtigt — Ihr beider Wille; Sie denken beide: Stat pro ratione voluntas. Nun, ich beneide Sie beide nicht daruifa. Ich will Sie auch nicht fragen, wenn ein Jude das Buch eines Christen ungerecht recensirt ujid dabei glühenden Hass gegen alle ״Arier“ in entsprechender Weise kundgegeben hätte, ob man auf schejinchristlicher Seite nicht von einer gewissen pathologischen Erscheinung, von langage des halles und dergl. mehr gesprochen hätte. Denn ich weiss es: werjn Antisemit und Jude dasselbe thut, ist es in deti Augen des erstem bei weitem nicht dasselbe. Obgleich zum Beispiel der Antisemitenführer Verhovay gerichtlich als Gauner entlarvt ist, bleibt er doch ein ehrenhafter *) Protestantischer Vicar. **) Wenn es dessen noch bedart, so können wir j das Obige allerdings in vollstem Maasse bestätigen, denn wir hattep Gelegenbeit, Einsicht von den amtlich documentirten Anerkennungen, die unserem gescliätzten Collegen und Mitarbeiter in seinem früheren und jetzigen Wirkungskreise von hochgestellten Gelehrten und Staatsbeamten zu Theil wurden, zu nehmen, und hören fast täglich aus unserer Nachbargemeinde, wie viel Vertrauen und Verehrung demselben nicht blos von jüdischen, sondeni auch von distmguirten christlichen Häusern ob seiner allgemein wissenschaftuchen und pädagogischen Fähigkeiten und Leistungen entgegengebracht wird.; (Bed.) Mensch und Freund der deutschen Antisemitenführer. Einem Lasker zum Exempel missgönnte dieses Gelichter die staatsbürgerlichen Rechte, jeden nichtjüdischen Trunkenbold, Tagedieb, Messerhelden, Defraudanten hält es derselben für würdiger. Nun, ich beneide die Herren Antisemiten auch um diese Anschaumigen nicht. Sie, Herr Nestle, beneide ich am wenigsten um eine Ihrer Herzensfreuden: Wenn ich aus dem tiefsten Osten stammte, nie eine höhere Schule besucht hätte und gänzlich mittellos wäre, um alle Kenntnisse und Güter der Erde wollte ich mein Gewissen nicht mit der Schuld belastet fühlen, ohne Grund einen —ja-' diseben oder nichtjüdischen — ehrwürdigen Greis, der bis zum Grabe den höchsten Idealen nachstrebte, kurz vor seinWtn Hinsoheiden tief gekränkt, alle seine Glaubensgenossen und somit auch alle seine Verwandten, die seinem Herzen am theuersten waren, gefühllos verspottet zu haben . . . Lesen Sie doch einmal in einem von Judenhass freien Augenbliok seine Erwiderung (in Nummer Zwölf dieses Bl.), das Letzte vielleicht, das seine zitternde Hand geschrieben, lesen Sie insbesondere den ergreifenden Schluss und dann Kap. 13 des ersten Korintherbriefes und fragen Sie sich, ob Sie christlich gehandelt haben . . . Doch Verzeihung, ich habe wieder vergessen, dass Sie weniger gern christlich — was im Grunde ja ״semitisch“ heisst — viel lieber ״arisch“ handeln. Schliesslich bekenne ich Ihnen als meine feste Ueberzeugung, die ungeachtet der trüben Zeiterscheinungen, der Verfinsterung und Verrohung der Geister, der Verdächtigung der höheren Errungenschaften, des Cultus der die gottentstammte Vernunft verachtenden Selbstentmannung unerschütterlich in mir lebt, dass das Licht rechter Erkenntniss sich bald überall emporringen und auch das blödeste Auge den Antisemitismus als ״eine Schmach für Deutschland und unser Jahrhundert“, wie erleuchtete und erlauchte Männer ihn genannt, erkennen lassen wird. Allerdings phantasirt der Antisemitismus, dass Andere die Ansicht, die er ihnen von Personen und Dingen aüfdrängen will, auch ohne Weiteres theilen müssen. Aber es giebt nur e i n wahres Müssen, das Müssen der siph entwickelnden höheren Idee, sagt ein geistvoller Mann, der übrigens kein.Semit ist. Wer auch nur eiuen Augenblick wahrhaft einer höheren Idee ins Antlitz schaute, der ist ihr für immer verfallen mit seinem ganzen Leben, seiner Kraft und seinen Hoffnungen. Rücksichtslos erfasst sie ihn und schreitet über ihn hinweg, ihrer Vollendung entgegen. Ob er es vermag, ihre Last zu tragen oder nicht, ob er leidet, ob er siegt, ob er untergeht: sie achtet es nicht, denn sie muss sioh erfüllen. Wo wir einem solchen Leben begegnen, das den glühenden Stempel einer unendliehen Aufgabe trägt, da verweilen wir so'gern in dem gerechten Stolze unserer höchsten Bestimmung — Dr. Krön er, Rabbiner in Brandenburg a. d. Havel. III. Nachbemerkung der Redaction. Der obigen Beleuchtung Ihres Bildes, geehrter Herr Professor, haben wir nur weniges hinzuzufügen. Sie glauben also, ein von einem Nichtjuden redigirtes Blatt (Centralbl.) habe das Becht, eine ungerechte Kritik, begleitet von der Kundgebung gemeinsten Judenhasses, aufzunehmen und eine Erwiderung dagegen abzulehnen — wir aber hätten nicht das Becht, einer wahrheitsgetreuen Kennzeichnung jener Tendenzen die Spalten unseres Blattes zu öffnen. Sie sinnen uns ferner an, Ihren Artikel aufzunehmen, in dem sie fortgesetzt in die Latrinen des Ba^enhasses hinabsteigen. Und hei all dem werfen Sie Andern Unverfrorenheit und Selbstüberhebung vor? Wahrlich, das gemahnt uns an das talmudische ,JT3 טובל ושרץ“, das Sie vielleicht verstehen, wenn Sie wirklich von ״Jüngfingen ans dem Osten“ Talmudunterricht empfangen haben. Die