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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1884-03-20 · No. 12. (20.3.1884) · p. Seite 48

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
13 (1884)
Issue
No. 12. (20.3.1884)
Date
1884-03-20
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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Doch hatte aaeh unser Antor das Gefühl, dass eigentlich eine Behandlung der Jaden als eines besonderen Yolksstammes inmitten der anderen, versohiedenen Nationalitäten des Kaiserstaates einer Beohtfertigang bedürfe, da ihnen die charäcteris tischen Merkmale, die man mit dem Begriffe Volk verbindet abgehen, indem sie ״keine eigene Sprache, kein Land etc. haben“, weshalb ״sie blos als Volkstamm gelten können“ eine Ansicht, die Dr. Goldbanm in seiner Schlussbetrachtung noch schärfer in dem Satz formulirt: ״Die Jaden sind keine Nation, denn es verknüpft sie keines von den Bändern, welche man als die Merkmale einer nationalen Gemeinschaft kennt,“ was in dieser Ansdehnnng sogar keineswegs richtig ist, da die geschichtliche Ehinnerung an gemeinsam ausgefochtene Kämpfe für ideale Güter gewiss ein starkes Element nationalen Selbstbewusstseins für lange Dauer bildet. ־Wenn nun. die programmgemässe Behandlung der Juden in der Weise der anderen Völker Oesterreichs nicht möglich war, weil viele Momente, die bei Jenen in Frage kommen, wie der Einfluss des Landes auf den Ch&racter seiner Bewohner, Geschichte seiner Anfänge, seiner staatlichen Gestaltung, seiner Culturentwicklung u. s. w. bei diesen gar nicht in Frage kommen, da ja die eingewanderten Juden die Beste einer uralten Nation bildeten, deren Staatsleben längst abgeschlossen und. die so zerstreut im ganzen Beiche lebten, dass von einer Beeinflussung durch geographisehe oder klimatische Verhältnisse bei ihnen keine Bede sein kann, ebenso-wenig von specifischen socialen, volkswirtschaftlichen- oder Cnlturbildungen, die sich von denen der anderen Juden Mitteleuropas unterscheiden — wie, fragen wir, hat sich alsdann unser Autor seine Aufgabe zurechtgelegt, wie, möchten wir sagen, hat er sich aus der Aflaire gezogen, um einem Programm gerecht zu werden, für das eine Lösung überhaupt vollständig nicht "gegeben werden konnte? Er that das auf eine sehr geschickte Weise, wie eine Andeutung des Inhalts zeigen wird. Der erste Abschnitt, der vorsichtig die Aufschrift: ״Geschiehtliebes * trägt, erzählt in anspruchsloser, objectiv ruhiger "Weise, was aus der Geschichte der Juden in Oesterreich in älterer und — mit Maria Theresia beginnend — in neuerer Zeit bekannt ist, ohne auf Originalstudien öder die Förderung neuerer Daten Anspruch zu machen, wobei allenfalls aus der Zeit der grossen Kaiserin und ihres Sohnes, Kaiser Josef II., manches neues dankenswerthe Detail beigebracht wurde, das dem Verfasser aus seinem reichhaltigen, archivalischen Materiale zugänglich ist (so insbesondere die etwas za ausführliche Bevölkernngs - Statistik unter Kaiser Josef, ferner die Zulassung der Juden zum academischen Studium, und nachher zu den academischen Aemtera). Im zweiten Abschnitte ״Culturverhältnisse“ wird des Antheils gedacht, den die österreichischen Juden am Geistesleben der Juden im Allgemeinen genommen, der Geschichte des. Studiums der Beligionswissenschaft und der namhaftesten Babbiner und Gelehrten, des Erwachens des neuen Geistes in unserer Zeit auf dem Gebiete des Btldungswesens, der gottesdienstlichen 'Einrichtungen, der neueren wissenschaftlichen Bestrebangen und mit einem Bückblicke auf das Gemeindet wesen, die Verfassung und Organisation derselben bis auf die diesfälligen Verhältnisse unserer Tage abgeschlossen. Der dritte und letzte Abschnitt endlich: ״Sitten, Gebräuche, Character“ giebt eine anschauliche Beschreibung der jüdischen Gebräuche, die zumeist religiöser Natur und deshalb allgemein verbreitet sind, — eine Beschreibung die wohl der älteren Generation nur Bekanntes bietet, dem jüngeren Geschlechte aber ganz neue Bilder aus dem jüdischen Familien- und Gemeindeleben entrollt. Die Gruppirung des Stoffes reiht sich recht passend an die Lebensalter der Menschen von der Geburt bis zum Tode und sodann an die Fest• und Fasttage des jüdischen Kalenders. Es ist gut, dass sich Schilderer dieses gemüthvollen ״religiösen Kleinlebens“ — möchten wir sagen — Anden, denn, wie es scheint, wird es ja bald ganz der Geschichte angehören und Herr Wolf hat es verstanden, hierbei, wie überhaupt in unserem Buche einen so anziehenden, beinahe behaglichen Ton anzuschlagen, dass man demselben zahlreiche Leser prognosticiren darf, die es mit Dankbarkeit lesen und gerne wieder darnach greifen werden. Entgegen der ruhigen, jede Polemik vermeidenden Art des Verfassers, hat Dr. Goldbaum in der Schlussbetrachtung einen Gang mit den Antisemiten gewagt, und dabei manches grelle Streiflicht auf die Motive und Tendenzen nieder sauberen Sippe fallen lassen, hinter denen er die politischen Feinde des Liberalismus entdecken will. Ob politisch, national, social oder religiös — eine lichtfeindliche, reactionäre Bande von Freischärlern ist’s, die nichts anders zusammenführt, als der gemeinsame anerzogene, oder erworbene — Judenhass, der eine psychopathische, periodisch auftretende, ansteckende Krankheitserscheinung der christliehen Völkerwelt bildet. Wer möchte den hellen lichten Wahn auf seine Elemente analysiren!? Wer es versuchen, seine ״Methode“ zu erforschen, oder gar ihn zu widerlegen?! Darum that Dr. Wolf besser, den Antisemitismus ausser Auge zu lassen. — m. Der Talmud. Drei Beden von Dr. M. Horwitz, Babbiner. Frankfurt a. M. M. Slobotzky. 1883. Dass wir es nur gleich zu Anfang sagen: die Form der Beden ist bei dem wuchtigen und ge- , wichtigen Inhalt etwas in die Bruche gegangen. Aber, wenn je, so ist hier das Talmudwort berechtigt: ״Sieh’ nicht auf den Krug, sondern auf das, was darin ist!“ Die Deutung des Feststrausses durch den' Talmud, die selbst im verkommensten Menschen noch Spuren des Edlen sucht und findet, die Deutung der 70 Opfer als Fürbitten für alle Völker der Welt, dass die Succah bekundet, wer am heiligen Gottesgesetze festgehalten — das ist der Inhalt der ersten Bede. Knecht und Magd sind dein, gleich deinen Kindern — Gottes Hut über alle Menschen — Alle Menschen in Freude geeint, so oft der Begen erfrischend niederfallt — von der Unsterblichkeit ist Niemand ausgeschlossen, selbst die Heiden nicht — das sind die Grundgedanken der zweiten Bede. Aus der Ethik in die Jurisprudenz, aus dem Gebiete der Theorie in das der Praxis führt uns die dritte Bede, die an den Kauf der Höhle Machpela durch Abraham auknüpft. Die Söhne Cheth’s sind 10 mal genannt, um dir zu sagen, dass, wer einem gerechten Mann zu einem ehrlichen Kauf verhilft, gleich zu achten sei dem, der die 10 Gebote Gottes hält — die scharfe und feine Definition der Ehrlichkeit durch den Talmud — die Täuschung, geschieden in Selbsttäuschung und Täuschung Anderer! Zinsennehmen ist sittlich verpönt, die Erlaubnis» der Schrift lautet: ״Dem Heiden darfst du Zinsen geben, aber nicht von ihm nehmen!“ Von Wucher ist überhaupt niemals die Bede, stets nur von Zinsen! Mit dem Hinweise auf Montefiore und die von allen Seiten ihm entgegengebrachten Ehren schliesst das Heft, das Juden und Nichtjuden Achtung vor dem verunglimpften Talmud einzuflössen vollauf geeignet ist. Gewünscht hätten wir, der Nichtjuden wegen, dass die Stellenangaben sorgfältiger und reichhaltiger wären. a. Verantwortlicher Redactenr Dr. fiatmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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