Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 43. (26.10.1883)
- Date
- 1883-10-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift" (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark! kostet) erhalten das ״Jüdische litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit M Pf. für die gespaltene Petitzeile berechnet uhd von der Expedition dieses Blattes sowie durch die Central•■Annonoen-Expeditian ▼on 6. L. Danke 4 Ce., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Cöln, Hamburg, München, Zürich, Wien, Paris befördert Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Anstand nncl Etiquette im jüdischen Alterthum. Von Dr. S. Gronemann in Danzig. (Fortsetzung.) — Ein last vergessener Sohn Moses Mendelssohns. Von J. Loewenberg. (Schluss.) Litteraturberichte: Herzfeld, Dr. L., Einblicke in das Sprachliche der semitischen Urzeit etc. — R6nan, Emst. Judenthum und Christenthum, ihre ursprüngliche Identität und allmälige Scheidung. Anstand und Etiquette im jüdischen Alterthum. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. S. Gronemann. (Fortsetzung.) Sie sprechen von dem ״Frommen aas Vortheil“, dem die Frömmigkeit za materiellem Nutzten verhelfen 8011 und der nur aus diesem Grunde, wider die Neigung seines Herzens,, sie übt — dann von dem frommen Steinschläger, der schleichend wie eine Satze und die Füsse kaum über die Erde erhebend, mit denselben immerfort an den Stein anschlägt und am Stein sie sich zerschlägt, — dem frommen ״!Schleicher “, wie wir ihn nennen würden, — ferner vorn frommen Aderlasser, der seine Augen nicht hoch genug erheben kann, um nur ja keinem schönen Frauenigesichte zu begegnen und dabei unversehens an! die Mauer rennt, dass ihm das Blut von der Stirne fliesst, — dann von dem Buckelheiligen, dem die fromjne Demuth, in der er stets einhergeht, schon einen krummen Rücken angesehafft hat, un^ endlich von <jlem Gegenbilde desselben, ״dem Frommen, was soll ich noch für (Jebote erfüllen“, dem frommen Dünkel, der sich stolz in die Brust wirft, als ob er Jedem Vorübergehenden zurufen wollte, sage mir, was giebt es noch für eine religiöse Handlung, die ich zu thun wohl unterlassen?*) Derartige Auswüchse sind! in jenen Zeiten, wie wir aus dieser Schilderung ersahen, nicht minder verspottet und verlaoht worden, wie!in unseren Tagen, und gar manche typische Bezeichnung, die wir als moderne Erfindung betrachten, ist uralt und kommt schon in dem Talmud vor. Wenn wir z. B. von der ״Betschwester“ sprechen, um damit die himmelnde Frömmigkeit zu bezeichnen, wie säe sich am häufigsten bei schwärmerischen Frauen Entwickelt, welche von der-Erde kaum noch etwas wissen wollen und von Nichts weiter als vom Himmel reden, 80 ahnt man gewiss nioht, dass dieser Name schon im Talmud gebraucht und über die Träger desselben nichts weniger 'als. schmeichelhaft geurtheilt wird. ״Drei Personen sind es, so lautet daselbst ein Aussprach, welche die Welt zu Grande richten: ״eine beständig betende Jungfer, ferner eine aus Mangel an häuslicher Beschäftigung stets auf Nachbarbesuch ausgehende, mit Stadtklatsch unterhaltende WittWe und endlich ein junger Bursche mit nicht ▼oller Semesterzahl, ein unreifer junger Mensch, der, der Schulbank etwas zu früh entsprungen, mit seinen angesammelten Wissensbrocken um sich wirft und als grosser Kenner und (Jelehrter eine Rolle spielen will*) Aus dieser Schilderung des Frommen, wie er nicht sein soll, erkennen wir auch das Bild des Frommen, wie ihn sioh das Volk gedacht; er ist fromm und gottesfürohtig, streng, peinlich streng in der Uebnng der religiösen Formen, — dabei aber nicht blos für * den Himmel lebend, sondern auch den edlen Genüssen der Erd«- nicht abgeneigt. Er ist also durchaus nioht der Störenfried in der heiteren Gesellschaft, sondern giebt derselben erst durch seine Anwesenheit die rechte Würze. Er zieht sich freilioh von Gelagen gewöhnlioher Art zurück, denen kein religiöses Motiv zu Grunde liegt**) — solche scheinen auch unter den damaligen Jaden selten vorgekommen zu sein, denn nicht einmal von der Geburtstagsfeier ist irgendwo in den jüdischen Quellen die Rede —aber bei den durch religiöse Anlässe hervorgerufenen Festmahlen weilte er gerne und hielt es sogar für eine Sünde, diesen-4 seine Anwesenheit zu entziehen. Bei solchen nahm aber nicht er den ersten Platz an der Tafel *in, sondern Derjenige, dem sie galten, also bei Hochzeiten das Brautpaar, bei dem kargen Mahle, das nach Beerdigungen von Trauernden in Gesellschaft der tröstenden Freunde eingenommen wurde, der Trauernde. Der Weise hielt es dabei für seine Päicht, von seinem Wissen den Anwesenden mitzutheilen, aber es war keine trockene Kathedergelehrsamkeit, die er bot, ') Sota a. a. O. *) Sota a. a, O. **) Pesachim 48.