Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 38. (22.9.1883)
- Date
- 1883-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei k kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratar-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit and von der Expedition dieses Blattes sowie dnreh die Central-Annoncen-Expeditioh 4gdebnrg, Berlin, Cöln, Hambnrg, München, Zürich, Wien, Paris befördert. 4■ Inhalt: i Wissenschaftliche Aufsätze: Anstand Und Etiquette im 4 jüdischen Alterthum. Von Dr, S. Groneipann in Danzig. — Geographische und ethnographische Spitznamen und Spottgeschichten. — Der Splitter und Balken im Ange. Von Dr. Sidon in Wersohetz. (Schluss.) M L itteraturberichte: Delitzsch, Franz, Professor. TheHebrew Testament of the british and foreigne pible society. — .־1ר^פזים ממדרש אבכיר ממני שלמה באבער Notizen.! Anstand und Etiquette im jüdische^ Alterthum. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. S. Gro^iemann. Hochgeehrte Anwesende! Es sei Imir gestattet. Sie auf ein Gebiet zu fuhren, Welches nach * . ’ \ meiner Ansicht lange noch nicht die ihm gebührende Beachtung gefunden hat.! Man spricht und hört viel von den Kriegs- und Erbberungszügen grosser Völker, auch wohl von ihren ]Kämpfen und Streitigkeiten um Verfassung und Gesletz, allenfalls auch noch von ihren Bestrebungen iix Kunst und Wissenschaft, — aber ihr häusliches j und privates Leben, ihre gesellschaftlichen Verhältnisse, die Formen, in denen sich die Einzelnen bewegen,! mit einander verkehren, sind im Allgemeinen eine t^rra incognita, ein unbekanntes Land, in welches sich selbst der gelehrte Fachmann nur selten verliert. tTnd doch ist auch dieses nicht etwas rein Aensserlichjes und Nebensächliches, auf das man berechtigt w|äre, mit vornehmer Geringschätzung herabzublickjen. So sehr auch Manche über Formen spötteln mögen, so sind diese es doch, welche die Welt äusserliih zusammenhalten und ein festeres Band um ihre Bewohner schlingen, — und zwar nicht bloss di« religiösen Formen, welche ihren Ursprung von G(j>tt selber herleiten, sondern auch die gesellschaftlichen Formen, welche die Menschen in freier Wahl sich selber geschaffen haben. Nur das Thier bewegti sich völlig frei und ungezwungen, aber des Menschen schöner Vorzug ist es, auch seinem Nebenmenschen ein Recht zuzuerkennen und in Anerkenntniss dessel bjen sich selber jenem gegenüber ge wissermassen einen frei **illigenZwang aufzuerlegen. — Es sind deshalb auch! die Formen zur Kenntniss der Menschen, wie sie zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Himmelsstrichen gelebt, zur rechten Würdigung der, "einzelnen Völker von nicht zn unterschätzender Bedeutung. Mehr vielleicht als im Getümmel der Schlachten, oder auch im Gerausche öffentlicher Volksversammlungen nnd im. Sturme aufgeregter Debatten, regt sioh in der Stille des Hauses, in dem geräuschlos sioh vollziehenden geselligen Verkehr der rechte Geist einer Nation, offenbart sich hier die wahre Volksseele. Aus diesemv Grunde wird es keiner weiteren Rechtfertigung hedürfen, wenn wir eine kleine. Umschau halten über die gesellschaftlichen Sitten, wie sie sich bei dem• ältesten Kulturvolke des Alterthums, den Israeliten, im talmudischen Zeitalter ausgebildet hatten und beidieser: Gelegenheit auch hin und wieder auf die anderen beiden hervorragendsten Nationen des Alterthums* einen streifenden Blick fallen lassen. Die Gesellschaftsformen nnd Anstandsregeln, für welche wir das zusammenfassende Wort ״Etiquette!“ haben, sind in ihren ersten Anfängen uralt und traten, sicherlich schon frühzeitig mehr oder weniger entwickelt in jedem Volke hervor. Aber es lässt sioh wob, nicht verkennen, dass jede Nation auch ihren gesell-! schaftlichen Sitten den Stempel ihrer Individualität aufdrückt. Bei den alten, kunstsinnigen Griechen werden wir es von Hause aus annehmen, dass der . ästhetische Gesichtspunkt in der Form ihres Verkehrs , der vorwaltende gewesen ist. In der Etiquette der Römer hingegen liegt etwas Festes, und Strenges, selbst in dem Wesen des Weibes prägt sioh diese Strenge aus, das, was man in einem schwer wiederzugebenden lateinischen Ausdrucke die ״austerifcas“,־ nennt; die römische Frau ׳ der guten alten Zeit ist sogar in der vollsten Blüthe des Lebens die Matrone, würdig und ehrbar, sittlich makellos, aber ihr fehlt die Grazie der Griechinnen und jene Heitere Liebens- Würdigkeit, die das. Glück des Mannes apsmaeht.*)' Hinwiederum dürfen wir" bei den alten Israeliten nie ausser Acht lassen, dass, wie die Hellenen daa Volk der Kunst, die Römer das Volk des Krieges, so sie das Volk des Glaubens gewesen sind. Auch die gute gesellschaftliche Sitte wird von ihnen vom *) Marquardt, Privateben der Börner L p. 69.