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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-07-28 · No. 30. (28.7.1883) · p. Seite 120

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 30. (28.7.1883)
Date
1883-07-28
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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1' f. ''ZJBbensgenfhme. Wie dam Stammvater des Menschengeechlechts für den Fall der Uebertretang des be> nnnten ersten Verbote das Hot tamat angedroht ■ward, so ranbt auch heut and immerdar die Genusssucht dem Einseinen, der Familie, dem Volk, dem Menschengeschlecht alles echte und rechte Lebensgftick. Die Mässigkeit־ aller Volkskreise hinsichtlich aller Lebensgenösse ist und bleibt — wir wiederholen es — erste und wesentlichste Bedingung zur Lösung der sozialen Frage. (Herr St. und Genossen werden diese Ansicht als ״naive ־Weltanschauung der jödisoh-cbristliehen Mythologie, die sich noch nicht zur wissenschaftlichen Weltanschauung erhoben“, zweifellos be- Ucbeln; aber das ficht uns wenig an). Mit 'der Gewöhnung an Mässigkeit soll eine gediegene körperliehe, geistige, ethische und berufliche, eine harmonische Volksbildung Hand in Hand gehen. Dann wird der unheilvolle Klassen-, Bassen- und Beligionshass, sowie manch ,anderer IJnhold allgemach höherer Gesittung weichen; dann wird aber auch der unheilvolle Missbrauch des Bodens sur Production von Spiritus, Opium und dergL ״Kulturer*engni88en “ allgemach auf hören, so dass gewisse Staaten nicht mehr in wenigen Jahren eine ganze Kartoffel- ■ bezw. Boggenernte in Fusel vertrinken. Wörde überhaupt deroereits angebaute Boden, sowie die noch unbebauten kulturfahigen weiten Länderstrecken natur- und vernunftgemäss bearbeitet, wie viel mehr Individuen könnten menschenwürdig leben! S. Jesaja 45,18: Lo-tohu etc. Wenn wir auch keineswegs der leichtsinnigen Eheschliessung und der sexualen Unmässigkpit aas Wort reden, so erwarten wir doch von einer Volks- Verminderung nicht so zuversichtlich eine Steigerung des Volkswohls, wie die Anhänger der Bevölkerangslehre des englischen Geistlichen Malthus. Seiner Behauptung, die Bevölkerung eines Landes verdoppele sich von 2& zu 25 Jahren in arithmetischer Progression, hat er ausdrücklich die Bedingung hinzugefügt: wenn die Bevölkerung durch nichts gehindert Wird. Sind aber die Zustände ununterbrochen und durchweg in einem oder gar in vielen Ländern so noirtnal? Gewiss nicht, und daher sind auch fitst alle Wahrscheinlichkeit« - Berechnungen jener Art mehr oder weniger Spielereien Daneben sei daran erinnert, dass die Geburtenziffer noch nirgends die Höhe erreicht hat; wälche sie naturgesetzlich haben könnte. Andererseits ist jedoch wohl zu erwägen, dass eine gewisse Volksdichtigkeit für die Volks Wohlfahrt entschieden nothwendig sei; denn eine über weite Gebiete zerstreute dünne Bevölkerung ist ausser Stande, die Naturkräfte dieser Gebiete zu beherrschen, sondern muss Bich denselben fugen und verwildern. Es werden die natürlichen Beichthumsquellen nicht ausgenützt, Industrie, Handel und Verkehr, geselliges Leben und die ganze geistig-sittliche Cultur bleiben in rohem, unentwickeltem Zustande. Ferner sinkt mit der Volks- Verminderung nach unserem Dafürhalten die Nachfrage nadh Arbeitsproducten und Arbeitern, und somit auch der Arbeitslohn. ״ Falls aber auch der Arbeitslohn erhöht werden müsste, würden nichts desto weniger *ffi1־ Preise entsprechend steigen, wie wir in den Schwindeljahren nach dem franz. Kriege gesehen Weitere naheliegende Consequenzen aus dem alten und dem neuen Malthusianismus zu ziehen, müssen W/Lr hier unterlassen. Herr St. will Gottvertrauen und Gebet, durch güten Öumor, Poesie und Philosophie ersetzen. Poesie Und Philosophie stehen ihm also sehr hoch und er wird nickte dagegen zu erinnern finden, wenn wir nun einige unserer grossen Denker und Dichter zu Wort kommen lassen. Bei nnsern Sitten und Leidenschaften, bei anserm Elend stirbt der Mensch nicht, er’ tödtet sich, sagt Fl oa re ns in seiner trefflichen Abhandlung ״de Ta longävitä de la vie humame “. Und ein geistvoller Comment&tor fügt hinzu: Gesunde Seele, gesunder Geist, gesunde Sitte, gesundes Gesetz können nur da verlangt werden, wo ein gesunder Leib die Grundlage dazu liefert. Man darf sich darum nicht wundem, wenn da, wo fast jeder Einzelne vorwiegend in thierischer Sinnlichkeit und Selbstsucht sein Dasein dahinsohleppt, sich die von Flonrens angedeutete Erscheinung in erschreckendem Umfange zeigt. Wenn bei dem grossen Haufen das Vergnügen mit der Tugend zu streiten scheint, sagt Aristoteles, 80 ist es nur darum, weil seine Vergnügungen nicht die natürlichen sind. Pythagoras nannte die Mässigkeit die Mutter aller Tagenden. Keiner und wahrer geniesst Niemand, als der freiwillig Entbehrende. (Fenchtersleben.) Der Arzt, den die Natur mit eigner Hand geweiht, Der unbetrügllchste ist uns’re Mässigkeit. (Engel.) Prüft das Geschick Dich, weiss es wohl, warum — Es wünscht Dich enthaltsam! Folge drum! (Göthe.) Wenn Freiheit Du begehrst, des Menschen grösste Zierde Herrsch’ über Leidenschaft and Neigung und Begierde. (Bückert.) Nicht an die Güter hänge Dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren. (Schiller.) Ja, in allen möglichen, in zahllosen Variationen haben Dichter and Denker das obenerwähnte Mässigkeitsgesetz ihrer Mit- und Nachwelt vorgehalten, und wenn man Schriften wie die von uus besprochene liest, so möchte man meinen, dass jene Dichter und Denker nie gelebt, oder doch nie Mässigkeit, Enthaltsamkeit, naturgemässe Lebensweise gelehrt haben.- Wir schliessen mit einem köstlichen Gebet von Victor Hugo, einem Gebet, in das wir Juden — trotz Stern — gern einstimmen, da, wie wir rückhaltlos gestehen, einen der hehrsten Lichtpunkte jüdischen Lebens und Liebens die Kinderwelt bildet: Seigneur, preservez-moi, preservez ceux que j’aime, Parents, freres, amis et mes ennemis meme Dans 16 mal triomphant, De jamais voir, Seigneur, l’efce sans fleurs vermeilles, La cage sans oiseaux, la rache sans abeilles, La maison sans enfants . . . Hp. Bk. Notizen. 1. In seinen ״Erinnerungen“ spricht sich H. Laube über seinen verstorbenen Freund und Collegen B. Auerbach u. A. folgendermassen aas: .Vergessen darf man bei dem Namen Berthold Auerbach nicht, dass er ein Warmer Deutscher war und an der nationalen Entwickelung unseres Vaterlandes den regsten Antheil nahm. Ja, er war ein Beweis gegen diejenigen der neuesten Aera, welche den Juden ausschliessen wollen aus unserer nationalen Gemeinschaft, er war ein schlagender Beweis, dass der Jude sich vollständig vereinigen kann mit einer Nationalität, welche nicht aus Palästina stammt'. 2. Jerusalem Der russische Archimandrit, der sich weigert, den Kauf der Prophetengräber rückgängig zu machen, soll einer Judendeputation, die ihn bittend darum anging, die höhnische Antwort gegeben haben, er sei auch Willens, das Abrahams ha us bei der Höhle Machpelah zu kaufen und in eine griechische Kirche mnzuwandeln. (Hameliz.) *VerantWortliaher Bedacteur Dr. Bah'mer, Magdeburg Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzi

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