Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1882-07-19 · No. 29. (19.7.1882) · p. Seite 114

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
11 (1882)
Issue
No. 29. (19.7.1882)
Date
1882-07-19
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5367336-6488244-8755982--2130-4855362
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mes der Mann entsprossen ist, den fast die halbe Welt als'einen Gottmewchen and als ihren E rlda er verehrt. Die Lehre des Gfcristenthums, soweit sie das Verhalten des Menschen zum Menschen betrifft, ist ja eine wesentlieh jadische, von Jesus dem Judenthume entnommene. Allerdings will Delitzsch solches nicht anerkennen, er wirft der Sittenlehre des Judentums!'vor, dass sie nur partikularistisch gelten solle, während die Christliehe Ethik eine allumfassende sei. Hiergegen möehte ich doch dem berühmten Theologen Einiges entgegenhalten. Zunächst scheint uns oft übersehe«'' zu werden, dass die mosaische Gesetzgebung nicht blos religiöse and sittliche, sondern auch staatliche und p o I i t i- Sehe Gebote enthält, bei welchen das partikularistisehe, d> h. das für das, damalige jüdische Gemeinwesen angeschnittene Element nothwendig vorherrschen musste, wenn' der auf diesen Gesetzen' begründete Staat existenzfähig werden und bleiben sollte. _ Sodann vindicirt die\Thora den Israeliten insofern eine besondere Stellung, als sie ein providentielles Priestervolk werden sollten, und legt ihnen in dieser Hinsicht bestimmte Verpflichtungen auf, welche für .Nicbtisr&eliten keine Wirksamkeit haben sollen, wie ja auch wieder den Priestern besondere Verpflichtungen auferlegt werden, die für die übrigen Israeliten nicht gelten. Mit diesen beschränkenden Verpflichtungen der Israeliten bängt offenbar die ganze Gesetz- -gebang über die verbotenen Speisen, und auch die Stelle 5. B. M. C. 14 V. 21 zusammen, deren Inhalt Herr Professor Delitzsch anstössig findet. Die Heiligkeit, deren die Israeliten sich üefleissigen sollen, bildet Oben einen Tfcei^ ihres priesterlichen Berufes. Die is« raeliten sollten als Gott erkennendes Volk, als einziges, inmitten der,abgöttischen und unzüchtigen Völker Vorderasiens heilig sein, denn, wie Leviticu« 19,1 gesagt wird: ,Ich ener Gott, bin heilig.“ Das ganze Ceremonialgesetz ist überhfiupt nur für die Juden selb9t verbindlich, nicht für die Nichtjuden. Erstere haben aber darch das Beobachten des Ceremonialgesetzes keinen Vorzug vor den Nichfjuden zu beanspruchen, denn nach dem Aussprache des Talmuds haben die rechtschaffen handelnden Nichtjuden den gleichen Anspruch auf Seligkeit wie die Juden. Die Ethik des Judenthams, soweit sie sich auf das Verhalten gegen den Mitmenschen bezieht, zeigt schon in den ältesten Urkünden und noch mehr in den Propheten und im Talmad ihren allgemeinen, alle Menschen umfassenden Cbaracter, obgleich der Verkehr der alten Israeliten mit den amgebenden Völkern mehr ein kriegerischer als ein friedlicher war. Das Jadenthum hat allerdings die Feindesliebe, als ein inneres Moment, nirgends anbefohlen. Dagegen hat es als positives Gebot aufgestellt, dass man auch dein Feinde Wohlthaten zu erweisen, ~ also werkthätige Liebe gegen ihn auszuüben habe.'' Den sichersten MaassStab für die u 11 g e' m eine ,Humanität des Jadentbnms gibt übrigens schon der Umstand, dass in demselben Capitei II) das 3. Buch Mos., in welchem V. 18 unter andern socialen Bestimmangen das herrliche Gebot, ,hebe deinen Nächsten, wie dich selbst*, aufgestellt ist, dieses Gebot der Nächstenliebe im V. 34 ausdrücklich auf den Fremdling ausgedehnt wird. Mag man nnn die Abfassung des Buches Leviticus noch 80 spät stellen, so ist doch auf jeden Fall viele Jahrhunderte vor der Bergpredigt, zu einer Zeit, wo der Fremdling bei fast allen andern Völkern völlig rechtslos war, der Grundsatz der allgemeinen, auch den nichtisraelitischen Fiemdling umfassenden Nächsten- und Menschenliebe als eine positive Pflicht proclamirt. Wenn in späleru Zeilen, in Zeiten schwerer Verfölgung, wo die Bekenner des' Judenthhms, wie rechtloses Wild gehetzt wurden, und die Dränger und Peiniger, auch wenn sie sich rühmlen, der Religion der Liebe anzugehören, jedes menschliche Mitgefühl für die Leiden der Verfolgten unterdrückten einzelne Rabbinen, deren Lehren niemals allgemeine Gültigkeit erlangt haben, Aussprüche gethan haben, welche im Widerspruche mit den humanen Lehren der Torah und der Propheten stechen, 80 kann dies doch den Charaefer des Judemhums als einer von der werktätigsten allgemeinen Menschenliebe durchdrungenen Religion in keiner Weise alteriren. Wollte man in deu Christliehen Kircheuvälern, in den Schriften der Scholastiker des Mittelalters, in den Kasuistiken der Jesuiten oder in den Streitschriften der lutherischen und reformirten Theologen des 16. und 17. Jahrhunderts eine ähnliche Blumenlese aussuchen, wie dies von christlicher Seite im Talmud und den Schriften der spätem Rabbinen geschehen ist, so würde man sicherlich ein Bild erhalten, welches Allem ähnlicher wäre, als dem wahren Christen th um. Zum Schlüsse noch eine Bemerkung. Im Vorworte sagt der Verfasser: ,Wenn nun aber die Synagoge trotzdem, dass die Kirche ihre Bundesgenossin in Sachen des alten Testaments ist, die neutestamentliche Geschichte ebenso in den Koth tritt, wie der Antisemitismus die alttestamentliche, dann macht sie ihre besten Freunde in ebenso frivoler als unkluger Weise zu ihrer Feindin.* Dieser Ausspruch ist hypothetisch gehalten, es scheint aber fast, als solle er, wenigstens theilweise, positiv gelten. Indessen bin ich überzeugt, das dieses eben nur scheint. Niemand weiss es doch besser, als Herr Professor Delitzsch, dass der ״Synagoge“, d. h. dem ganzen, so zu sagen offiziellen JudeVthum mit seinen Rabinern, Predigern und Religionslehrern, seinen religiösen Einric htungen, seinen Religionshandbüchern für den Unterricht, seine Predigten, seinen Vorträgen in religiösen Gemeinschaften, wie sich alles 'dies in der Jetztzeit gestaltet, nichts ferner liegt, als das neue Testament in den Koth zu ziehen. Ich fürchte aber, dass dieses Wort des Verfassers als ein Zeugniss wird aufgerufen werden gegen uns Juden von den Leuten, welche die Schmähung und die Erniedrigung des Judenthums und der Juden als ihre Lebensaufgabe zu betrachten scheinen. Nachschrift der Redactisn. Es ist ja leider nur za klar, was Delitzsch zur Herausgabe dieser Broschüre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.