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Das jüdische Literaturblatt · 1882-03-01 · No. 9. (1.3.1882) · p. Seite 34

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
11 (1882)
Issue
No. 9. (1.3.1882)
Date
1882-03-01
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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streitbar, dass_es sittliche Gebete giebt, welche unser eigenes Gemüth von uns fordert, welche unser, eigenes GemOtb, abgesehen von jedem äusseren Gesetz, für bindend hält. So z B. das Gebot, ״Du sollst nicht lügenj nicht betrügen etc.“ . Ja, wir gehen noch weiter und sagen. dass diese sittliche Autonomie sich nicht nur auf solch^ einfache, dem gewöhnlichsten. Menschen einleuchtende Forderungen, wie die der Wahrhaftigkeit, sondern auch auf feinere Beziehungen — z. B. völkerrechtliche, geschlechtliche u. a. — erstrekt. Aber ist für diese autonome Fähigkeit eine dieselbe weckender, ihr zu Hülfe kommende, fördernde Heteronomie etwa überflüssig? Muss der Mensch, selbst der. bestbeanlagte, nicht etwa belehrt, erzogen werden? Nichts anderes aber als eine solche Erziehungsheterono mie will die Offenbarungslehre sein. Sie leugnet so wenig die Autonomie, dass sie sogar an dieselbe appellirt (z. B. Deut. 11,26 f., 3Ö, 19), wie sie andererseits sich selber als Erziehungsheteronoinie ausgiebt (ib. 8, 5 u. a.) Die Th&tsache, dass die Mensehen nicht als sittliche Muster geboren werden, sondern von Anderen belehrt, erzöge ג werden müssen, beweist, dass ihre sittliche Autonomie vorwiegend eine die sittliche.. Postulate begreifende, für 'dieselben organisirte, ihnen adaequate Anlage sei, mehr annehmend. als schaffend. Das Kategorische; der sittlichen Forderungen, das Wesen der Ethik, findet auch bei _ dieser beschränkenden Fassung der Autonomie' seine vollkommene Erklärung. Der et hisebe » Gesichtspunkt also drängt hier in Wahrheit zu keinerlei gegen die Offenbarungslehre führenden Consequenzen. .Es bleibt also nur der metaphysische Gesichtspunkt des Monismus, der die Offenbarungslehre selber als - Evolution des Qnenschliehen Geistes und den menschliehen Geist als äbsoluten Geist setzt. (Schluss folgt.) * Literaturbericht. Kteeasioze■. Denkschrift über die Entstehung un’d den Charakter der in den südlichen Provinzen vorgefallenen Unruhen. Auf Veranlassung Sr. Durchlaucht des Herrn Regie rungscommissärs, Senators u. s. w. Grafen Kutaisoff, verfasst vom Odessaer Stadtrabbiner Dr. Schwabachej. Odessa,: Buchdruckerei von P. Frenzow, Puschkinstr. 20 1881. 4 S. gr. 8. Der Inhalt' dieser Denkschrift' ist War gedacht, warm gefühlt Jind deutlich ausgesprochen. Dass ein Theil der Presse, welche Dr. Sch. die schlechte?resse nennt, die Hauptschuld an den Judenhetzen trägt, ist auch anderweit schon erwiesen worden, ebenso, dass ein Zusammenhang mit nihilistischen Bestrebungen unabweisbar ist. Wie aber steht die russische Regierung dazu? Das sagt der Verf. nur 80 nebenher aber deutlich genug: ״Diese Unruhen mussten sich aber zugleich in solchen Formen und gegen solche Objekte erheben, von denen man voraussetzen konnte, dass zu ihrem Schutze man sich nicht allzusehr echauffiren würde“. Der Nachweis soll geführt werden, dass das Volk nur verleitet, oft mit Widerstreben die falschen Ukase befolgte, welche Plünderung der Juden/.anbefohlen hatten, und werden dafür einige drastische Belege gebracht. Nach einem sehr schönen geschichtlichen Resumd, wie der Judenhass im westliehen Europa entstanden ist, nach einem interessanten Hinblick auf die Judenverfolgungen durch die Kosakeu im 17. Jahrhundert, wird das Verhalten der russischen Herrscher seit Peter dem Grossen gegen die Juden kurz gezeichnet. Von Katharina II. heisst es; ״wie vorurteilsfrei ihr Geist — ihr Herz war deutsch — 8ie konnte die Juden nicht leiden.“ So denkt man selbst in Russland Uber die Deutschen! Nicolaus Verhalten gegen die Juden wird als ein civilisatorisches geschildert — Credat Judäus Apella! Weshalb der Jude nicht den Acker baut? Auf diese alte Krage erfolgt die alte Antwort. Woher kommt die ״Geldmacherei“ der Juden? Die Geschichte antwortet: ״Dies war die Macht des Hasses, welcher sie ruhelos verfolgte — und wo er ihnen für schweres Gold das elende Leben zu fri sten gestattete, sie erniedrigte und zur verächtlichen Thätigkeit des Trödels und Wuchers zwang. . . . Und nun richtet man uns für die Entehrung, die man an uns begangen, nun verdammt man uns für die Verbrechen, zu denen man uns gezwungen — ohne zu bedenken, dass die sorgfältigste Muhe in Oecennien den Rost nicht entfernen kann, der durch Jahrhunderte in den edelsten Volksstahl sich eingefressen hat. Uebrigeos darf man nur die Augen öffnen, um zu sehen, dass es jetzt Tausende giebt, die Landbau treiben, und nicht nur Schneider, Schuster, Mützenmacher, Buchbinder und Goldarbeiter, sondern Schwärzarbener (?) Wasser- und Lastträger, Schlosser, Tischler, Steinklopfer und Getreideträger, Kutscher, Schmiede, Klempner, Holzhauer, Kaminfeger, Ziinmerleuie u. s. w sind.“ Ztfdem ist der Handel eine Lebensbedingung des Staates. — Aber die Exploitation. Drastisch schildert Dr. 1 Sch. wie der ״exploitirende“ Jude dem Consumenten die Waaren billiger liefert, den Gutsbesitzer und den Bauern vor dem sonst unvermeidlichen Ruine rettet — wie das Schnapssaufen in den von Juden nicht bewohnten Distrikten nicht weniger im Schwünge steht, wie der christliche Wucherer dem jüdischen an Herzlosigkeit Nichts nachgiebt. Und wenn den Juden Valerlandsliebe fehlt — sie haben kein Vaterland in Russland, nicht einmal einen Zustand der Dinge, die Allen ermöglicht, im Banne der Gesetze leben zu können. Die Juden sind dort der vou der Stiefmutter angefeindete, von den Stiefbruder gezwackte und gequälte Prügeljunge. __ ״Wenn die Anklagen gegen uns wahr wären, wie sie es nicht sind, wenn wir Alle Materialisten, Gold- Sucher, Wucherer, Fälscher, Contrabandisten, gefühllos gegen das Land, in dein, gegen die Leute, mit denen wir leben, wenn wir Alle Militärflüchtliuge, feige in der Schlacht,! gleichgültig gegen ihren Erfolg, gegen Sieg und Fahnenehre wären — so hätten wir ein Wort, das uns sühnte, das lins losspräche von aller Schuld, und dieses Wort lautet:: Vestra culpa!“ (Durch Euere Schuld!) Schliessitch fordert Dr. Sch. als eine grosse Wohlthat füdie Juden, aber als eine noch viel grössere für Russland1 selbst, die vollständige Gleichstellung der Juden mit allen Unterthanen des Reiches uüd eine Colonisation Vieler derselben im Osten des Reiches! Wir wünschten — freilich wohl leider vergeblich — dass sein Ruf bei den Czuren und dessen Ministern gehört und örhört werde!*) Schwarz, D1-. Adolf, Stadt- und Conlerenz-Rabbiner in Karlsruhe. Sabbath-Predigten zu den Wochenabschnitten des vierten Buches Moses. Karlsruhe, A. Bielefeld’b Hofbuchhandluug 1882. 142 S. Lex. Diese Anzeige kann, wollen wir nicht wiederholen, was wir über den III. Band gesagt haben, kaum mehr enthalten, als den Ausdruck der breude über sein Erscheinen und die Hoffnung, dass der 5. Band recht bald folgen möge. Die Perle dieser auch da- *) Auf die anderen vom geehrten Autor uns jüngst übersandten Schriften kommen wir demnächst zurück.

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