Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 6. (8.2.1882)
- Date
- 1882-02-08
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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Gesellschaft spaltete sich, wie uns Tieck erzählt, in zwei Parteien; während die Jüngeren sich im Lobe und in der Verherrlichung Goethe's nicht genug thun kopntat, verspotteten die Aelteren das, was jene LieföTiar Poesie nannten? als Schwindel der unerfahrenen JuggeiS. Jetzt zum erstenmale fasste Goethe durch die jüdisehen Kreise iejier Stadt der Aufklärung, mitten unter den Nikolaiten, festen Fuss, während man sich in den christlichen Häusern an der Lectüre Haller's, Hagedorn’s,•- G®llert’8, Ewald Kleists und an den Dramatikern der Gottsched’schen Schule ergötzte, Lessing aber schon als einen Neuerer betrachtete. Gelangweilt in der Familie oder bei einem Glase' Bier ernst und pedantisch über gelehrte Gegenstände discutirend, bildete sich der christliche Gelehrte immer mehr zu dem Typus heraus, den später Brentano als Gegensatz des Juden, als Philister, verspottet hat. Die geistige Beschränktheit und Unbildung im christlichen Mittelstände stand in zu grellem Gegensätze zu der geistreichen Beweglichkeit der jüdischen Kreise. Und vor Aiiem: die norddeutschen protestantischen Frauen, welche Rahel als stolze, steife, brummige, leere, untaugliehe Gänse bezeichnet, konnten sich nicht mit den ge- .bildeten und schönen Jüdinnen vergleichen, welche dort in ihren Salons den Ton angaben. Während die christliche Frau nach wie vor von den geistigen Interessen der Männer ausgeschlossen blieb, hatte die jüdische mit dem genialen Instinct, mit welchem dieser Stamm alles Ideelle sogleich wieder zu verwerthen weiss, die modernsten Gedanken über Weiblichkeit sich angeeignet und zur Erscheinung gebracht. Damals bildete sich ein neues Ideal von Weiblichkeit in der Literatur und im Lehen heraus. Die hervortretende Stellung, welche die Fratfen in der Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts einnehmen, der hervorragende Einfluss, den sie auf die Dichter der classischen Periode ausüben und der wieder heue Frauen-Ideale in der Dichtung zur Folge hatte, konnte nicht ohne Einfluss auf die gesellschaftliche Stellung der Frauen bleiben. Goethe hatte im TGötz* die dämonische Frau geschildert, und sie fehlt fast in keinem der folgenden Sturm- und Drangdramen. Friedrich Schlegel entwickelt in seinem Aufsatze ,über die Diotima* das Wesen echter Weiblichkeit aus der historisehen Erscheinung der dorischen Frau; nach ihm ist nicht sanfte und hingebende, sondern selbstständige und willensstarke Weiblichkeit das Ideal der Frau. Hier haben die interessanten, die amazonenhaften Frauen unserer Novellen und Romane, hier hat die Emancipation der Frauen überhaupt ihren Ausgangspunkt. Und solche interessante, selbstständige, eigensinnige Charaktere waren diese jüdischen Frauen, welche in den Berliner Salons den Ton angaben. Kein Wunder, dass sich Alles, vom jungen Gelehrten bis zu den Prinzen ■des königlichen Hofes, in diese Gesellschaftszimmer (80 hiessen sie damals noch) drängte). Die jüdischen Familien t waren die beiweitem reichsten bürgerlichen Familien, fast die einzigen, die ein offenes Haus hielten nnd bei denen man, ihrer ausgebreiteten Verbindungen wegen, Fremce aus allen .Ländern und Einheimische aus allen Ständen traf. Zunächst schloss sich natürlich die Jugend, besonders der junge Adel, an diese von den modernen Ideen bewegten Kreise an. Junge Gelehrte und Elegants 'besuchten diese Häuser, die einen von dem Geiste, die anderen von der Schönheit der Frauen angezogen. Bald aber liess sich, wer immer auf einet recht ungenirte Art gate Gesellschaft sehen wollte, in solchen Häusern einführen, wo jeder Mensch von Talenten, wenn es auch nur gesellige Talente waren, gerne gesehen wurde und sicher waPj sich zu amüsiren, weil die gebildeten Jüdinnen von Allem zu sprechen wussten und gewöhnlieh noch die eine oder die andere schöne Kunst in hohem Grade besassen. Als es nun gar noch Mode wurde, diese Kreise zu besuchen, verschmähten selbst fremde Diplomaten nicht, sich in dieselben einführen zu lassen. Ja, noch mehr: der Geist, der in diesen Gesellschaften herrschte, arbeitete sich nach Aussen und drang in die übrigen Gesellschaftskreise, selbst bis in die höchsten Sphären Berlins. Der Satz lässt sich historisch beweisen: Berlin verdankt, was es in Bezug auf Gese 11 igkeit und schöne Literatur geworden ist, seinen Juden.*) (Schluss folgt.) Das religiöse Bewasstsein der Menschheit im Stafengang seiner Entwicklung. (Fortsetzung.) Wir kommen jedoch auf die ungeschichtliche Auffassung des Deuteronomium wieder zurück, hier haben wir vorerst noch die Behauptung zurückzuwei- 8en, dass in der vorjosijanischen Zeit der reine Monotheismus noch gar nicht gelehrt worden wäre. Einer der unerlässlichen Begleitsätze dieser Behauptung ist für H. die kühne Aufstellung, dass das Leviticus nadhexilisch sei. Natürlich, wie wären denn sonst die herrlichen Sittengesetze gerade dieses Buches mit dem bösen ״Gluthhitzegoit“ zusammenzureimen? Und worauf gründet H. diese Aufstellung? Auf eine ganz unbewiesene Hypothese über die Entstehung des Priesterthums. ״Als die Mehrzahl des Volkes sich! aus Nützlichkeitsgründen von Hirten zu Bauern umgewandelt hatte, da blieb auf der nomadisch fortlebenden Minderheit ein Schimmer aliväterischer Heiligkeit haften, und da diese Minderheit zu Opferbandlungen am besten Zeit und Gelegenheit hatte, so bildete sich aus ihr allmählich ein Priesterstand ohne bäuerlichen Grundbesitz, der . . . für seine cultischen Bemühungen einen Zehent von dem Bodenertrage empfing.'•‘ Ich frage, ob es gewissenhaft sei, auf solche; .d u r c h Nichts belegte, willkürliche Phantasiegebilde hin, die Berichte der Bibel als F'alschmünzerei .hinzustellen? — Diese Hypothese steigert sich nun zu der Verlfiumdung, — weil ebenfalls ganz unbewiesen, — dass die so entstandene Priesterkaste in der nachekiliscben Zeit, um ihre Existenz besorgt, durch die Abfassung des Levit. gesucht haben soll, sich sicher zu stellen. Die Specialitäten der Opfer, Sund- und Schuldopfer seien demnach nachexilisch. Dagegen sprechen nun zahlreiche Stellen in auch nach Hartm. vorexiliseben Büchern. So Jes. 1,11, Hos. 4,8, 2. Kön. 12,17 spricht vpn כסף אשם וכסף חטאות. Selbst das buch nach H. vorexilische und in prophetischem Sinne gefasste Deuter, widerlegt diese den Priestern insinuirte Unterstellung. Vgl. besonders 5. ß. M. 18,1—9. Auch wird in diesem Buche öfter ganz allgemein von verschiedenen Opferarten gesprochen, von Brandopfern, Schlachtopfern, Zehnten, Heben, Gelübden, Spenden, Erstlingen. Vgl. ib. 12, 6 f. Diese allgemein genannten, aber ganz festen Specialitäten setzen doch irgendwo schon vorkommende Specificirungen voraus. Es ist deinnach unzweifelhaft, dass das Deut, auf das Lev. sich stützt. An einer früheren Stelle sagt H., dass der Glaube ׳ an einen verderblichen Wüstengott so fest im Volke gewurzelt habe, dass auch das nachexilische Lev. *) Ueber diesen hochbedeutsamen Ausspruch de• gesch. Literarhistorikers ist uns eine grössere Corresp. aus Wien — obige Abhandlung Uinor's erschien zuerst in der ״N. Fr. Pr.“ — zugegangen, die wir Raummangels wegen erst in nächster Woche zum Abdruck bringen können. (Red.)