Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 1. (4.1.1882)
- Date
- 1882-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Reiche■•«, Wilhelm ▼on. Die monistische Philosophie ▼on Spinoza bis auf unsere Tage, Gekrönte Preisschrift. Köln und Leipzig, Verlag ▼on Eduard Heinrich Mayer. 1881. Die kritische Prüfung streng philosophischer Werke ist nicht unmittelbare Aufgabe dieses Literaturblattes. .;Dennoch muss es sein Auge auch auf solche■ Werke (lenken, welche zum Zwecke haben, die gegenwärtigen religiösen Begriffe zu erörtern und auf dem Wege des Schlussverfahrens zur Erkenntniss dessen ▼orzudriBgen, was hinter dieser sichtbaren Welt als wirkliches Wesen waltet, die Entstehung dieser Welt zu erklären. Denn das Judenthum empfängt entweder ▼on der Philosopbie Unterstützung, oder es erfährt Anfeindung, mindestens Aburtheilung und um so mehr ist auch eine Besprechung in diesem Blatte am Platze. Anzuerkennen ist in erster Linie, dass der Verfug« 8er in seinen Stoff mit Fleiss sich hineingearbeitet und! die wesentlichen Lehrsätze der ▼orgeführten Philosophen ▼on Cartesios bis Max Maller aus gründlicher Durchdenkung ihrer Werke klar erfasst und mit kriti» scher Schärfe dargestellt hat. Auch der Zusammenhang zwischen den einzelnen philosophischen Theorien wird ▼on ihm scharf hervorgehoben, so dass er in der That ein klares und fesselndes Bild ▼on der allmähliehen Entwickelung des Monismus entwirft Verschiedenemal hebter die Bedeutung Spinoza's und Lazar Geiger’s in derselben hervor, die in der That den Dualismus als Hypostasirung scharf zurückgewiesen haben. Verfasser hat mit seiner Darstellung bewiesen, wiedas 1 philosophische Denken, welches die Welt in ihrem Innern durch das innere Leben des Menschen zu erklären sucht, den grossen monistischen Gedanken, welehen das jüdische, biblische Schriftthum in seiner ungetrübten Reinheit zuerst aufstellte, immer mehr bestätigt und befestigt. Freilich nennt Spinoza das Monon die ״Spbst&nz“, Schoppenhauer den ״Willen*, die V(eda'8 das 8״elbst“; aber besser als es das Quadrilitierum'a^Sdrückt, hat es noch keiner bezeichnet; die beiden Eigenschaften dieses Monon, Bewegung und Empfindung sind in Wirklichkeit ungetrennt, das erstere nur'die äussere Erscheinung, das zweite das innere Leben, aber beide unzertrennlich, und Millionen Formen, in denen dieses Monon sich zeigt, um in dem Menschen für den Men- *eben selbst zu immer grösserer Vollkapimenheit sich zu entwickeln, und doch immer dasselbe Monon bleibt, das in Allem ist und in dem Alles ist, es sind dies abstract gefasst dieselben Gedanken, welche der Monismus des Judenthums mit seiner 8chöpfungsthe0rie ausgesprochen hat Somit ist obiges Werk nur eine neue Kräftigung des Judenthums. Wenn Verfasser nach Max Müller nun den biblischen Gott als Bachegott hinstellt, die Liebe mit Christenthum idenlificirt und -die Liebe zu Gott als die höchste Ethik jeder einzelnen menschlichen Monade dem Allmonon gegenüber ▼erlangt und die Nächstenliebe eben daraus herleitef, dabei aber dies Alles als Nichtjudenfhum; ja sogar als — Atheismus bezeichnet, so können wir nur bedauern, dass die Unkenntniss des Judenthums selbst in solchen aufgeklärten Kreisen noch immer nicht weichen will. Ann«aire de la soeiete des etudes jaives. Premiöre annde. Paris. Librairie, A. Dur lach er. 83 bis Rue de Lafapette. 1881. 281 S. kl- 8. Mit diesem Jahrbuche hat die Gesellschaft zur ־Verbreitung jüdischer Wissenschaft, wie sie selbst es gefühlt hat, keinen glücklichen Wurf getban. Lesbar und interessant für das weitere Publikum, sind allein die beiden Aufsätze: SJ. Salvador“ ▼on Jules Darmestetter und Hirtzel Levy“ von Isidore Loeb. Auf den Enteren aber bezieht sich sicherlich die Verwahrung, dass die Gesellschaft die _Verantwortlichkeit für den Inhalt den Verfassern überlässt. Herr Darmestetter schildert nach dem schätzbaren Werk des Obersten Herrn Gabriel Salvador das Leben und die literarische Wirksamkeit des Schriftstellers Joseph Salvador. Den Lesern d. Bl. haben wir ebenfalls ausführlich darüber berichtet. Nachzuholen hätten wir höchstens, dass der Bericht Uber die Judenheizen in Deutschland (von 1819?) mit ihrem Hepp - Hepp-Geschrei den älteren Salvador zu seinen religionsgeschichtlichen Studien veranlasst hat. Aber Herr Darmestetter ist noch katholischer, als der Papst, er übertrumpft Salvador in seiner Definirung des Göttlichen im Unterschiede von^ Gott — er steht schon mit einem Fusse im Deismus. Und die Majorität der Juden dürfte mit uns in einem solchen Aufgeben der jüdischen Grundideen keinen Sieg des Judenthumes sehen. Hirtzel L4vy ist eine aktenmässige Darstellung eines im Jahre 1754 in Colmar an einem Juden begangenen Justizmordes. Die beiden anderen Artikel ״Die Luxusgesetze der Gemeinde Metz“ vom Ende des 17. Jahrhunderts und ״Die Statuten der Gemeinde Avignon“ von 1779 sind für den Forscher höchst interessant. Die Ersteren erinnern an die Luxiisgesetze der deutschen Städte überhaupt und sprechen es unumwunden aus, wie die Entfaltung ▼on Pracht bei den Juden den Hass der Andersgläu• bigen erregt *und somit die Gesammtheit gefährdet. Sie geben eine Fülle von Notizen für das Leben der deutscheu Juden im Mittelalter, wie der Schlussartikel für die Sitten der Sephardim. Hinweisen wollen wir nur darauf, dass auch an den Miltelfeiertagen, an Chanuca und Purim, am 28. Schewat und 24. Thammus (jocalen Fasttagen mit noch nicht klar liegender Beziehung) das Geschäftsleben sistirt war — dass aber den Tanzenden verboten war, den Hut auf dem Kopfe zu behalten und am Jom Kippur die Vorsteher der Metaharim ausgeloost wurden! Diese Avignoner Statuten sind eine dankenswerthe Ergänzung zu der Arbeit des Herrn Leon Bardinet im ersten Hefte der Revue die- 8er Gesellschaft. Ist es also diesem ersten Jahrbuche auch noch nicht gelungen, seiner Aufgabe ganz zu entsprechen, so begrüssen wir es doch mit Freuden; möge es sich fortentwickeln und immer Tüchtigeres leisten. Dr. L e w i n. Jeilinek, Dr. Ad. Reden auf Veranlassung der beim Theaterbrande in der Nacht des 8. December 1881 Verunglückten auf dem Ceniralfriedhofe und im alten Bethause der Wiener israelitischen Cultusgemeinde am 11., 12. u. 15 December. Preis 5 Kr Wien 1881. Druck und Verlag von M. Waizner, Giselastr. 11. 1 Bg. Durch die politischen Zeitungen sind die ersten beiden dieser Reden, die am Grabe des Ehepaares Groag und die bei dem Gesammtbegräbnisse gehaltene, ganz oder auszugsweise schon bekannt geworden. Wir haben nichts von der ״kolossalen Raceneitelkeit* darin gefunden, welche Antisemiterei gewittert hat, sondern allein das jüd. Herz und die jüd. Friedensliebe. Am gewaltigsten aber wirkt die in aller Schlichtheit kunstvoll angelegte und geradezu packende Rede bei der Trauerfeier im Tempel, die in der Einleitung Wien als die in ״Mära“ verwandelt ״Naomi“ zeichnet und dann in ihren 3 Theilen aufruft ״den Todten unsre Thränen, den Trauernden unsere Theilnahme, den Verlassenen und Verwaisten unsere Liebe und unser Erbarmen* zu widmen. Mögen diese Reden die weitmögliohste Verbreitung finden. L. ▼eraniwortlieher Reäactetir Dr. Ktknr in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barbj. Verlag von Robert Frieie in Leipeif.