Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 33. (13.8.1879)
- Date
- 1879-08-13
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5367336-6488236-8755767--1343-4854734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
130 — Figur machen, dass sie kaum beantwortet zu werden I verdienen Nein, schliesst er, solche Philosophie hat 1 unmöglich in dem Haupte des weisen Königs erzeugt werden können: Aber als ein Nachahmer hat der Dichter die Freiheit, die Denkart seines Originals anzunehmen, ohne für ihre Richtigkeit einzustehen — So sagt e> dem Könige die stärksten Dinge unter dem Scheine, als ob er einen Epikuraer des Alterthums tadle, und zuletzt erklärt er gar, dass er überhaupt von Philosopie in Gedichten nicht viel halte. Es ehrt den grossen König, dass man so viel glaubte gegen ihn wagen zu können; aber, das Wagniss war doch von einem Juden zu gross; ein Prediger Justi verklagte ihn beim Könige, und Mendelssohn erjiielt Befehl, sich in Sanssouci zu vertheidigen. Er musste bekennen, dass er der Verfasser dieser Kritiken sei, aber, sagte er, wer Verse macht, schiebt Kegel, und wer Kegel schiebt, sei er König oder Bauer, muss sich gefallen^ lassen, dass der Kegeljunge sagt, wie er schiebt. Der Humor, der Freiinuth des sonst so schüchternen! Mannes, dem aber, wie allen bedeutenden Naturen im rechten Momente nie das rechte Wort und der rechte Math fehlte, imponirte dem philosophischen Könige und Mendelssohn blieb unbehelligt. Im Jahre 1763 gewann er einen von der Königl. Akademie gestellten Preis durch eine Arbeit .über die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften; sein Mithewerber war Immanuel Kant; jedoch *lautet das Urtheil der Nachwelt anders als das der Akademie; Mendelssohn verfügt über eine klare vortreffliche Dar- Stellung; et war nächst Lessing der beste deutsche Stilist; aber die Tiefe der Gedanken finden wir bei Kant; in demselben Jahre wurde auch eine von M. verfasste Friedenspredigt in der Synagoge verlesen. Die Höhe seines Ruhmes erreichte er durch den Phaedon eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele; sie erregte ungeheures Aufsehen und wurde in die meisten europäischen Sprachen übersetzt. Die Klarheit und die Eleganz, des Stils erregte in weitesten Kreisen Bewunderung, obgleich gegen den Phaedon schon einige Jahrzehnte später die Spottlust Schillers einen. recht spitzen Pfeil gerichtet hat. Mendelssohn wurde einer der am meisten gefeierten Schriftsteller in Deutschland: der Erbprinz von Braunschweig, der Fürst von Schaumburg verkehrten mit ihm yvie ״mit einem Freunde-; pls er auf einer Reise nach Pyrmont in Göttingen übernachtete, begrüssten ihn die Studenten mit besondereil Feierlichkeit; die Akademie der Wissenschäften ernannte ihn zu ihrem Mitglied, wenn freilich auch Friedrich der Grosse die Bestätigung versagte; wer nur immer von Gelehrten nach Berlin kam'- besachte ihn. . — Einer dieser Besuche war für Mendelssohn yerhängnissvoll und führte ihn von seinen allgemein-literarischen Leistungen wieder zum Judenthume zurück. Lavater, von dem Göthe das Urtheil abgab: Schade, dass die Natur nur einen Menschen aas Dir schuf, Denn zum würdigen Manne war und zum Schelmen der Stoff, war auf seinen Reisen nach Berlin gekommen und hatte in seiner schwärmerischen Manier eine lebhafte Zuneigung zu Mendelssohn gefasst, die aber bei diesem aus Schwärmerei und Schelmeiei zusammengesetzten Charakter bald in Bekehrungslust umschlug. Kr hielt Mendelssohn’s durchgeistetes Angesicht für eine schlagende Bestätigung der göttlichen Wahrheit der Physiognomik, mit der er bekanntlich viel Humbug trieb. Um ihn zu bekehren, widmete er die Uebersetzung eines Werkes von Bonnet, einem Professor in Genf: Uber die Beweise für das Christenthum, Mendelssohn und forderte ihn auf, diese Schrift zu widerlegen oder zu tliiin, was ein Sokrates gethan hätte, wenn er diese Schritt gelesen und unwiderleglich gefunden hätte. Das war für Mendelssolin eine gefährliche Geschichte; denn eine gründliche Widerlegung hätte den Hass aller Theologen wachgerufen, und wir sehen an Lessings Streit mit Götze, wie mächtig diese Orthodoxie in Deutschland war, sie hätte die schwersten Gefahren über Mendelssohn und seine Glaubensgenossen herautbeschworen; so aufgeklärt die Herren sich geberdeten, in der Verwaltung herrschte das Mittelalter mit geringen Modificalionen fort, Aber Mendelssohn nahm die Fehde auf und bekannte sich frei und offen zum Glauben seiner Väter; dadurch gewann er bei seinen Glaubensgenossen und in den Augen der Welt; die Juden verehrten ihn und fassten zu ilnn Zutrauen, da er ihrer Religion so gar nichts vergeben, so warm sich ihrer angenommen hatte. ״Ich werde es nicht läugnen, sagt er, dass ich bei meiner Religion tnenschliehe Zusätze und Missbrauche wahrgenommen habe, die leider ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln. Welcher Freund der Wahrheit kann sich rühmen, seine Religion von schädlichen Menschensatzungen frei gefunden zu haben. Wir erkennen ihn alle, den vergiftenden Hauch der Heuchelei und des Aberglaubens, so viel unserer sind,־ die die Wahrheit suchen. Aber von dem Wesentliehen meiner Religion bin ich so fest überzeugt, als sie nur immer von der ihrigen sein können und ich bezeuge hiermit vor dem Gott der Wahrheit, dass ich bei diesen Grundsätzen bleiben werde, so lange meine Seele keine andere Natur annimmt!“ Er spricht seine Abscheu gegen alle religiöse Polemik aus. ״Ohne den mindesten Widerspruch von meiner Seite hätte jeder Kenner oder Halbkenner des Rabbinischen aus Scharteken, die kein vernünftiger Jude liest noch kennt, sich und seinen Lesern den lächerlichsten Begriff vom Judenthuin machen mögen. Die verächtliche Meinung, die man von einem Juden hat, wünschte ich durch Tugend, nicht durch Streitschriften widerlegen zu können!“ Erweist darauf hin,t wie gefährlich dem Juden die Polemik werden könne, und neckend sagt er zu Lavater, dass er als Jude ihn nicht einmal in Zürich besuchen dürfe. Eine gewaltige Fehde entwickelte sich, für und wider wurde geschrieben, Mendelssohn blieb Sieger, Bonuet und Lavater leisteten beide Abbitte. Dieses offene männliche Bekenntniss hob ihn ausser■ ordentlich in der Achtung der Glaubensgenossen; es war ihr Stolz, dass der deutsche Sokrates, wie er wol genannt wurde, so mannhaft sich zu seinem Glauben bekannt hatte, und hiermit beginnt sein reforrnatoirischer '1•