Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 29. (16.7.1879)
- Date
- 1879-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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i\o. *9. .,x ׳!j: Jahrg. vm.? ץ- Zar Beleachtang aller Jaden• tbnm and Jaden betreffenden literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,The• ologle.OrientaUn, Exegese, Homtletik, Lltarglk, Pädagogik. v__ Ilerausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. ״►> ♦״־ VInjfdebura:, IO. .Tull 1H71>. BBcher der einschlägige■ LI• teretnr, welche der Redaetloa *□gesandt werde■, lade■ ia diesen Blatte ein geh. Besprachung. Bel Einsendung tob swel Recenalonsexesplmren erfolgt anch Erwähn. L d. Wochensehr. PM Llleralarblatl“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen BucMuuHllsagsn (in Lei pzig bei Robert Friese) pro Jahrgang:$Uk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift* (die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 8 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblati* gratis. — Inserate werden mit 20 Pt fttr die dreigespaltene Petitzeile, bucbhändleriscbe Beilagen mit 15 Mark berechnet. Die Expedition der ,.Israelitische* Wochenschrift“ Inhalt! Wissenschaftliche Aufsätze: Wie is| Saulus zum Paulus geworden? — Noch einige Bemerkungen Zu dem Herzfeld'schen Artikel in Nr. 26. — Bemerkungen zu Gjenes c. 23. Literaturbericht: Recensionen; Lewy,J., Dr. Ueber die Spuren des griechischen und römischen Altertliu^is im' talmadiscben Schriftthum. — Beck, Dr. M., Invat&tura religiuna Mosaice pentru usul jemimei israelite. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Wie ist Saulus zum Paulus geworden? (S c 111 u s 8.) Dringen wir ein wenig tiefer ein| in den Geist der Hebräer und ihrer Sprache. Der Hebräer mochte den Gegenstand seines Unwillens, seines Hasses und seiner Verachtung nicht nennen, sondern blo^ bezeichnen. ״Der Name der Frevler verwese“ (Spr. 10,7) erklären die Rabbinen, man gebe die Missethäter dadurch der Vergessenheit preis, dass inan ihren Namejn nicht ausspreche. (Raschi zur Stelle). Man belegte si£ jedoch mit dem allgemeinen Namen ״ein Anderer“ (אחך). Schon Jacob bezeichnete so seinen Sohn Simeon, dem er seine an die Sichernden begangene Grausamkeit nicht verzeihen konnte. ״Mein Sohn, der andere (Ach$r)“ (Genes. 43,14). Mit den Worten: rDu bist der Sohnj einer ״Anderen“ (אשה אחרת)“ Richter 11,2, fertigte(! die Brüder Jephtah ab, sie wollten damit sagen: Dühastkein Erbrecht, weil du der Sohn eines ״feilen Weibes“ (das. 11,1) bist ״Grosses Herzleid jenen, die einem ״Aiudern“ (אחר) Spenden biingcn, ich will ihren!(amen nicht im Munde fuhren“ (Psalm 16,4). ,(Die Scheinheiligen und Reinthuenden in den Gärten, ih deren Mitte ein ״Anderer“ (אחר), fressen Schweinefleisch, Gräuel und Ratten“ (Jesaja 6(5,17). Elisa ben Abujah, den״Fau6t“ der jüdischen Sage, kennt der Talmud nur• unter dem Namen ״Acher“, ein ״Anderer“. Auch jenes eheliche Anstandsverhältniss, das, um mit Götfle zu reden, keusche Herzen nicht können entbehren, keusche Ohren jedoch nicht mögen hören, הכל •ורעים למד כלה נכנסה לחוסה׳ אלא כל המנבל את פיו אפילו נגזר עליו ג״ד של דגר־ (Kethubo(h) wird im Talmud Jurcl (דבר אחר) gekennzeichnet. Nun bra mehr lange zu rOkhen, wer jener ״Etwas Anderes‘‘ uchen wir auch nicht ,Andere“ unter den Jüngern Gamliels gewesea sein kann. Es ist Saulus und kein Anderer. Dafür sprechen noch andere Um* stände. Rabban Gamliel der Aeltere repräsentirte den ־ von seinem erlauchten Grossvater Hillel zur Geltung gebrachten Pharisäismus. ״Wäs Dir verhasst ist, thue Andern nicht, ist der Kern der israelitischen Religion*- lehre; alles Andere muss nur im Zusammenhänge mit diesem ausgelegt werden“ (Sabbath 31), lehrte Hillel ganz unumwunden. Und diese, den Menschen zu seiner wahren Würde Erhebende Lehre Iverhallte nicht in R. Gamliels Lehrhajus wie leerer Schall. Nein! er hielt vielmehr fest an ihr und war sehr bemüht, ihr Geltung zu: verschaffen. Er trug den Zeitbedürfnissen Rechnung, ־׳^ Süchte manche religiös-sociale Schranken, die geeignet wa-. ren, Feindschaft zwischen Juden und NicKtjuden (damals Heiden) zu erregen, aufzuheben, um so das fried. liehe Nebeneinanderleben zu ermöglichen — משום איבה und משום תקון העולם, wie sich die Rabbinen ausdrücken. So traf er auch viele humane Anordnungen, die armen und nothleidenden Heiden betreffend (Gittin), und übte religiöse־Toleranz, vor der viele hohe Würdenträger der hochgepriesenen Religion der Liebe unseres neunzehnten Jahrhunderts tief erröthen müssen. Letzteres bezeugen; selbst die pharisäergehässigen Evangelien. Petrus und Genossen standen auf dem Sprunge, als Gotteslästerer; 3 zum Tode verurteilt zu werden. Rabban Gamliel, da-!, mals Präsident des Synhedriums, redete der religiösen Toleranz und Denkfreiheit das Wort, und das im neuen Testament so arg verschriene Pharisäer-Synhedrium hörte auf seine Stimme und sprach das Nich tsc huldig aus. (Apg. 5, 34, 37). ״Es komme der Herr des Weinberges > (der Schöpfer des Alls) und reinige ihn selbst von ‘dftri .י Auswüchsen“ (Baba Meziah), pflegten die TalmudweiseA bei ähnlichen Anlässen za sagen. Ein Mann, der also; denkt, spricht lind handelt, konnte schwerlich an dem ®.ן Treiben eines Saulus Gefallen haben. Dieser musste { vielmehr Gegenstand tiefeter Verachtung sein, und die» % um 80 mehr, als er sein-Jünger war und sich obendrein \ als einen der bevorzugten geberdete, indem er Bich er- -1 kühnte, zu einer so wichtigen Amtshandlung, wie die ,;j Kalenderregelung, ungeladen einzudrängen. 3 Gerade zu jener Zeit nahm aber auch in der That -3 die Verleumdunggsucht und Angeberei entsetzlich über- ,3 hand. Saulus stand, obgleich eine traurige Berühmtheit, :jj