Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1879-07-09 · No. 28. (9.7.1879) · p. Seite 112

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
8 (1879)
Issue
No. 28. (9.7.1879)
Date
1879-07-09
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/5367336-6488236-8755761--1320-4854716
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

— 112 — dass dije Monographien, die sich eigens auf das sogen. Jonathan-T^rgum beschränken, eine rara avis sind. Ausser Seligaohn’8 und Traub's Abhandlung ״über den Geist des Jonathan“ wäre, so viel wir wissen, von Monographieni nur noch Bacher's Aufsatz ״über das gegenseitige Verhältniss der pentateuchischen Targumim“ (Zeitsch. d. d. m. Ges 1874) zu nennen. Zunz, Luzzato, Frankel u!|1d Geiger äussern sich nur gelegentlich über die uns hier interessirende Paraphrase. Deren Beziehungen zur Halacha sind hier erst recht en passant oder gar nicht gewürdigt. Darum füllt die uns vorliegende Schrift wirklich eine wissenschaftliche Lücke aus, zumal der Verf. sich mit hingebender Liebe in sein Thema versenkt hat. Er hat bei jedem controversen Punkte gewissenhaft die Primärquellen zu Rathe gezogen. Um io nuce seine Ergebnisse, denen man im Ganzen und und Grossen beipflichten muss, anzudeuten, findet er bei Jonathan die Nötbignng, auf die Halacha — gleichviel ob sie der recipirten No An entspricht oder nicht — zu recurriren in 4 Fällen, 1) um ״das Allgemeine, Dunkle und Lückenhafte zu specialisiren, 'aufzuhellen und zt\ ergänzen, 2) um das Üeberflüssige in der Darstellung zu deuten, 3) um das Nebeneinanderstehen von nicht Zusammengehörigem zu erklären und 4) um das jüdischreligiöse Moment mehr hervorzukehren.“ Was ,über Punkt 3,-die Deutung der סמיכות, gesagt ist, betrachten wir als ein höre d’oeuvre. Verf. bekennt selbst (pg. 89), dass die von ihm citirten Beispiele nicht auf die Halacha reflectiren. Die Interpretationsregel der סמיכות scheint, überhaupt ihrer ganzen Natur naclragadischen Ursprungs zu sein. Dass diese Version eine volksthümliche ist, leuchtet auf den ersten Blick ein. Der volksthümliche Midrasch und die populäre Agada sind bei jedjjr passenden und auch bei mancher unpassenden Gelegenheit mit dem Worte der Schrift verquickt. Aber auch der Redactor oder richtiger d i e Redactoren dieser Paraphrase sind Kinder des Volkes, mit der populären Halacha, soweit sie in’s Volksbewusstsein gedrungen war, wohl genügend vertraut, jedoch nicht ausreichend orientirt, in streitigen Fällen das pro und contra sorgsam abzuwägen und sich ein motivirtes Urtheil zu bilden. Das beweisen die häufigen, oft groben und schülerhafien Verstösse gegen die Norm der massgebenden Halacha. Dass es nicht möglich ist, trotz der Erörterungen Geiger's und Bachers die Version in eine möglichst frühe Zeit hinnufzurücken, hat Hr. G klar erwiesen. Ausser den relativ modernen Namen Lombardei, Constantinopel, Fatime und Chadidja (Gen. 21, 21) — die auch Jalkut z. St ohne nähere Quellenangabe nennt —, die sich in unserer Paraphrase finden, deutet, darauf ihre Abhängigkeit von der Version des Onkelös, die zu paraphrasiren und dem westaramäischen Idiome näher zu bringen sie sich veranlasst gefühlt, sicherlich erst nach Ablauf eines sehr langen Zeitraumes seit dem Bekanntwerdea der Uebersetzung Onkelos. Treffend widerlegt der Vf. Geiger’s willkürliche Annahme, der in seiner ״Urschrift“ fast in jeder fehlerhaften, von der halacbischen Norm abweichenden Angabe des Jon Tendenz wittert und eine Bestimmung jener älteren Halacha erblickt, zu der nach seiner längst überwundenen Hypothese die jüngere in der Mischna und im babylonischen Talmud zu Tage tretende Halacha in bewussten Gegensatz tritt und aus der sich schliesslich die Lehrmeinungen der Sadducäer und Pharisäer entwickeln. Wenn der Verf. behauptet, die Version des älteren Jeruschalmi berücksichtige nie die Halacha, so lässt sich diese These freilich nicht anfechten, zumal er die wenigen, Halachisches enthaltenden 8tellen des Jeruschalmi dem Jon. *vindicirt und sie als Varianten zur Jon.'sehen Paraphrase ansieht. Ob man bei den wenigen, dazu noch in so lückenhaftem Zustande Veraatwörtlicher Bad»ctemr Dr. Rahmcr in Magdeburg. Druck ▼on H. Horbach in Bsrby. Verlag von Robert Frisse in Leipzigl* auf uns gekommene Fragmententrümmern zu einer entscheidenden Ansicht über die Anlage des ganzen Targums berechtigt ist, möchten wir allerdings bestreiteu. Bei der Stelle Lev. 1,2, wo Jpnathan הבהמה in בעירא דכיא zerlegt, hätte Hr. G. aujeh auf מכם exemplificiren können, was Jon. speciallsirend wiedergiebt mit ולא מן מומריא פלחי אלילא. Was mag wohl unsere Version veranlasst haben, Exod. 22,!1 ונמכר בגנבתו wiederzugeben mit ויזדבן ליה ב״ד וע(ד שתא ד ש מ י ט ת א? Diese Uebersetzung steht im Widerspruche zu ihrer eigenen Angabe Exod. 21, 2, woselbst es richtig heisst ובמעלי שב*פתא• Deut. 7, 3 braucht man für den Zusatz des Jon. nicht gerade einen störenden Pleonasmus anzunehmen, vielmehr vermittelter den Causalnexus mit V. 4. Die Angabe (aufpg. dl), Lev. 4,3 sei פר בן בקר wiedergegeben mit תור בר תורי דלא עירובין ist unrichtig, im Texte steht תמיא und die Uebersetzung stimmt genau mit der des Onke'os überein. Desgleichen bedarf was pg. 65 über Deut. 23, 24 ausgeführt wird, der Richtigstellung. Jon. geht hier keineswegs selbstständig vor. Seine Deutung schliesst sich freilich dem Sifre z. St. nicht an, folgt aber genau der Deduction in Babli Rosch haschana fol. 6a; nur fehlt bei Jon. die Deutung des Wortes ועשית. Die pg. 96 zur Ueber- Setzung der Worte ומלרען־ לא תתן להעכיר im Namen von Seligsohn und Traub gebrachte Bemerkung macht schon Israel Lipschütz, früher Rabbiner der Weinberger und der anderen Danziger Gemeinden. (Vgl seinen Mischna-Commentar zu 3Iegilla IV, 9 Glosse 69.) Die pg. 119 bezüglich des im Jon. sich findenden Wortes סנהדריו auf R. Jacob Emden zurückgeführte richtige Erklärung, es sei dies die Randbemerkung einesscribulus, giebt unabhängig von Etnden auch Wolf Heidenheim in seinem הבנת המקרא z St. Wenn Verf. pg. 144 mit Recht auf das Auffällige hinweist, dass Jon Num. 9,6 ויקרבו לפני משה ולפני אהרן wörtlich übersetzt, während er das analoge לפני משה ולפני אלעזר ib. 27, 2 wiedergiebt mit קדם משה בתר דקמו קדם אלעזר, so wird Jon. zur wörtl. Fassung der ersten Stelle vielleicht durch den Umstand veranlasst, dass dort noch ביום ההוא steht, was auf die völlige Gleichzeitigkeit der Hintretens vor Mose und Ahron deutet Gern bekennen wir schliesslieh, dass des Verf’s Conjectur (pg. 127 Anm. 1) zu Lev. 15,18, in dem תניתא des Jon z. St. eine Variante von אנתתא und איתתא zu erblicken, uns sehr plausibel erscheint. Wir legen das höchst anregende und werthvolle Buch aus der Hand mit dem Gefühle, dass es Hrn. G. gelungen ist, die von den Fachgenossen allzu stiefmütterlich behandelte Paraphrase des Jon. zu rehabilitiren. Seine Schrift ist ein bedeutsamer Beitrag zur Geschichte der ältesten Schriftexegese Möge sie bei Literarhistorikern und Exegeten der h. Schrift die wohlverdiente Würdigung finden. Sohrau O.-S. Dr. Immanuel Deutsch. Notiz. Folgender Beschluss des Raths von Frankfurt a. M. vom 28. Hai 1779 feierte jüngst sein lOOjäbriges Jubiläum: ״Resolution coram Deputatione ord. Brachte der ältere Herr Bürgermeister mündlich vor, was massen in letzter Leipziger Hesse von dem Gott hei ff (sic!) Ephraim Lessing ein Drama unter dem Titel: ״Der weisse Nathan“ erschienen seie, welches den skandaleusesten Inhalt in Rücksicht der Religion enthielte, wesshslben Er anheim stellen woltc, was gegen dieses verdächtige Buch vorzuhebmen seie. Committatur dem älteren Herrn Bürgermeister, sogleich bei allen hiesigen Buchhändlern bernmzaschicken und dieses Drama nachdrucksamst zn v.erbiethen.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.