Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 23. (4.6.1879)
- Date
- 1879-06-04
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
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beherrschte, geschlagen — in der Epopöe der Menschheit war die glänzendste und beredteste Verteidigungsschrift fürs Judentum erschienen, weshalb auch der hundertste Geburtstag des Meisterwerkes allenhalben Gegenstand der Feiet war. Von jüd. Standpunkte aus betrachte#, war es aber kein schlechter Griff, bei dieser Gelegenheit auch der Zeit und der anderen Kämpfer, die es wagten, ftlr das gebeugte und langverkannte Israel eine Lanze zu brechen, zu gedenken, wie solches Dr. •ß. in dem von uns oben genannten Vortrag, den er im Afike Jehuda- 'Vereine in Prag gehalten, unternommen. Er geht von Manasse b. Israel aus, feiert Montesquieu, den unvergleichliehen Dohm, Mendelsohn, Herz, Wessely, Cerf Berr, Gregoire und seine Gesinnungsgenossen und behande|t södann etwas eingehender das unter Napoleon I. tagende Synhedrion. Wie der Völker goldener Freiheitsmorgen in Frankreich anbrach, so sollte auch die theoretische Behandlung der Emancipationsfrage Israels and die thatsächliche Erfüllung dieses grössen Gedankens von Frankreich ausgehen — Napoleon war auch berufen, der Cyrus der europäischen Juden zu werden. Die Anregung hierzu ging von deutschen — Judenhassern aus. Die Einwohner Strassburg’s sandten eine Deputation an den grossen Ueldenkaiser, dass er die Emancipationsgesetze, die Errungenschaften der Revolutionsjahre, wieder aufhebe; Napoleon aber war kein gefügiges Werkzeug, er wollte die Frage in vollzähliger Ver- Sammlung des Staatsrathes unter eigenem Vorsitz regelp und berief nach diesen Versammlungen eine Notablenconferenz zum 26. Juli 1806 in Paris zusammen. Zwö|f Fragen waren es, die dem Synhedrion zur Beantwortung Vorlagen, von denen die 4., 5. und 6. )das Verhältniss des Judenthums zum -Staate praecisiren sollten. Diie Beantwortung derselben gefiel und konnte Graf Nold, als die Versammlung am 18. September wieder einbeirufen ward, die Zufriedenheit des Kaisers mit dem Geist«, der in den Antworten herrscht, ausdrücken. Napoleon beabsichtigte nach dem Vorbilde des grossen Synhedrin’e zu Jerusalem einen Mittelpunkt für die gesammte Judenheit Europa’s zu schaffen und erliess zu diesem Zwecke die Notablenversammlung am 6. Oktober 1806 einen Aufruf an sämmtliche Gemeinden Europa’s, der überall das freudigste Erstaunen hervorrief; allein die Zeit ,War für ein solch grosses Beginnen keine günstige; der kriegensche Geist Napoleons vermochte nur die Welt zu bewegen, nicht aber zur Verinnerlichung und Vertiefung grosser Culturgedanken gelangen zu lassen — nur wenige Gemeinden beschickten das Gynhedrion, dass am 9. Februar 1807 feierlich eröffnet wurde und einen Monat lang tagte. Wenngleich wir heute nicht Alles, was sie damalsbeschlossen, als heilsam für die gesunde Entwicklung und Erhaltung des Judenthums erachten können, 80 müssen wir doch anerkennen, dass die Versammlung Grosses füFs Judenthum geleistet, da sie den Geist de»■ selben den Fürsten und Völkern kundgethan. Die Sprache in dem Vortrage ist eine einfache und gefällige; nur hätten wir gewünscht, dass der Titel richtiger gelautet hätte: ״Die ersten Emancipationsbestrebungen und das Synhedrion“ u. 8. w, da da3 erstere Thema einen bedeutend grösseren Raum in dem Vortrage einnimmt, als das von dem Verfasser an die Spitze gestellte, das erst mit S. 19 beginnt. Die Darstellung ist eine an Grätz’ Geschichtswerk sich eng anlehnende. Die Ausstattung ist eine recht gute. Teplitz, 20.•Mai Dr. Aj. Rosenzweig. Jellinek, Dr. Ad״ Rede zur Feier der silbernen Hochzeit Ihrer Majestäten am 24. April 1879. Wien 1879. M. Waizner. 5 S. Unter allen Oelegenheitareden erfordern die patriotischen und Huldigungsreden am meisten dasjenige, was der spinitus rector aller Casualreden sein soll: Geschmack und Tact. Es ist, möchte ich sagen, ein gewisser Situationss<nn, der hiebei dem Redner als Wegweiser zu dienen hat, hier von der Verfolgung einer Fährte ab-, mahnend, vor dem Anstossen an einer scharfen Ecke schützend, dort auf ansprechende, anmuthige Gänge hinweisend, sowohl in der Darlegung des veranlassenden Ereignisses, in der Charakteristik der handelnden!־,ersonen, als in der Ausführung der erläuternden Schriftstellen, Bilder und Legenden, wie endlich in der An- Wendung. Um nur diejenigen Geschmackssünden zu erwähnen, denen man auf diesem Gebiete am häutigsten begegnet — welche Ueberschwänglichkeit, welch’ ein Aufwand von lästigen superlativischen und byzantinischen Schildereien wird nicht bei den Huldigungsreden zu Ehren der Landesfürsten zumeist entwickelt, wie abstossend wirken nicht die masslosen Selbsterhebungen und die gift gesell wollenen Ausfälle gegen augenblickliche Feinde bei patriotischen Reden (an Busstagen, bei Siegesfeiern)!! Und wie selten linden sich sinn- oder lehrreiche Beziehungen auf Momente aus der jüdischen Vergangenheit, aus der jüdischen Lehre oder dem nationalen Charakter, die dem Ganzen doch ein specifischeres und zudem ein sachgemässeres Gepräge zu verleihen vermöchten! Mit dem jedesmal breit getretenen Citat ans Jeremias (29,7): ״Fördert das Wohl des Staates“ und ähnlichen apologetischen Sprüchen ist es wahrhaftig nicht gethan. Als Beispiel einer würdig gehaltenen und dazu charakteristisch jüdischen Casualrede mag die vorliegende angeführt werden. Das Wort der Haftara (2 Kön. 7,9): ״Der heutige Tag ist ein Tag freudiger Botschaft“ zum Leitwort nehmenfi, schildert der Redner in vornehmer, alle Anpreisung und Verhimmelung vermeidender Sprache die Bedeutung des Familienfestes des Herrscherpaares für alle Völker des Reiches, das Menschlich-Beseligende desselben, das wahrhaft Göttliche — und das ist die Liebe, die Liebe, die Gatten, Eltern und Kinder umschlingt — das Eins ist in allen gottähnlichen Wesen, wer fühlt es tiefer und inniger, wärmer und lebendiger, als wir, die Nachkommen eines Stammes, dem Gott in Familienzügen seine Herrlichkeit offenbaret, dessen Propheten dem Ehebund die rührendsten Bilder entlehnen, dessen heilige Sänger Psalter und Leier höher stimmen, wenn sie die Familienliebe preisen? Nähere Ausführung nach der heiligen Schrift. Ein 'kurzes prägnantes Gebet schliesst die ebenfalls kurze — nur 4 Seiten füllende — Rede, was nicht das mindeste Lob ist. das einer Casualrede nachgesagt werden kann. m. Notizen. 1) In der in Nr. 21 mitgetheilten hebräischen Inschrift auf dem in England aufgefundenen Leichenstein macht dem Einsender das Schlusswort ^211 Schwierigkeit. Er übersetzt es: ״Wehe!“ Sollte nicht vielleicht ח5ל zu lesen und ״Steuermann“ zu übersetzen sein Damit wäre auch das Auffallende, wie ein Palmyrener nach der britischen Küste gekommen sei, erklärt. Magdeburg. S. Winter. 2) Eine talmudische chronologische Notiz in Erachin 12 und Megillah li über die Regierungszeit Nebukadnezar’8 hat durch die Forschungen J. W. Bosanquets (The Full of Nineveh) eine beinahe volle Bestätigung erhalten. Nach ihm hat Neb. Nineveh im Jahre 578 oder 579 zerstört und innerhalb Jahresfrist den Thron bestiegen. 3) Die Bibelgesellschaft beabsichtigt eine neue und revidirte Ausgabe der Peschittho zu veranstalten. TliBlwnillkhrr Badaeteor Dr. Sthner in Magdeburg. Druck voa H. Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese ln Leipzig.'