Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 20. (14.5.1879)
- Date
- 1879-05-14
- Page
- Seite 80 (sequence 4)
- Language
- German
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— 80 — merkung zu begründen. Was hat Herr Dr. Freund• bewiesen? Dass im Vulgärlatein die Neigung vorgeherrscht habe, das lateinische I in E zu wandeln. Eine Thatsache, die nicht zu bestreiten und auch nicht unbekannt ist. Nur berechtigt sie zu der Folgerung nicht, die Dr. Freund daran knüpft Es handelt sich hier um Sueton, der Vulgärlatein nicht gesprochen und, wenn gesprochen, sicher nicht geschrieben hat und der die Christen im! Leben des Nero (c 16) Christiani nennt, also keinen Grund hat, an unserer Stelle Christus in Chrestus zu wandeln Und an den gebildeten Römer dachte ich, als ich den Satz aufstellte, dass man eher das griechische XpTjsri; wie Christus, als umgekehrt das griechische Xp-.r:׳;; "wie Chrestus gelesen habe. Aber selbst zugegeben, dass Sueton trotz der unbestrittenen Form Christiani an jener Stelle den Stifter der Christliehen Kirche irrthümlich so habe nennea können, so sprechen doch meiner Ansicht nach gewichtige Redenken und nicht, wie mein Gegner meint, ״übel angebrachte Scheu neuerer Interpreten vor historischen Thatsachen“ gegen die Auffassung, dass an der Stelle im Claudius c. 25, .,Jiidaeos impnlsore ChrestQ assidue tuinultuantes Roma expulit“ in Chrestus der Sftfter der christlichen Kirche zu sehen sei. Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, dass das Wort ״impul80re“,~wie schon ErnCsti bemerkt, einen in Rom gegenwärtigen Agitator andentet. ־ Die Beschuldigung ״assidue tumultuantes“ stimmt gleichfalls wenig zu der Vorstellung, die wir von den ersten Christen haben, welche um jene Zeit sicherlich an alles eher als an ein ״assidue tumultuari“, an anhaltenden Aufruhr, gedacht haben werden. Zudem spricht der Umstand, dass Christus damals bereits todt war, selbst wenn man Sueton eine gewisse Unbekanntheit mit der eben sich bildenden Religion und den Lebensverhältuissen ihres Stifters zu gute halten möchte, verbunden mit jenen anderen Schwierigkeiten auch nicht gerade für die Idqntificirung der beiden Namen. Nur wenn der Name Chrestus sonst nicht vorkäme, läge vielleicht einige Veranlassung vor, zu diesem auch dann angesichts der eben hervorgehobenen Schwierigkeiten immer noch bedenklichen kritischen Auskunftsmittel. Glücklicher Weise aber ist uns, wie ich ן in der Recension bereits hervorgehoben habe, dieser Eigenname mehrfach überliefert (vgl. Cic. Fam. 2, 8, 1 und das Lexicon von Passow s. v. Xpi;3to;). Wie Herr Dr. Freund weiss auch ich — allerdings ich für meine Person nur smj׳ der mir vorliegenden Ausgabe des Sueton von, Baumgarten- Crusius — , _dass diese Stelle ״antiqui omnes de Christo intellexere“, ״dass alle älteren Commentatoren diese Stelle so aufgefasst haben.“ Aber ich habe mich vergeblich bemüht, jene von Herrn Dr. Fr. getadelte ״Scheu vor historischen Thatsachen“ bei denen zu entdecken, die unter Chrestus nicht Christus verstehen. Im Gegentheil: ״Scheu vor historischen Thatsachen“, insofern sie auf den durch dieselben begründeten VViderspruch keine Rücksicht nimmt, verdient eher die gegentheilige Ansicht. — Historische Thatsachen sprechen gegen dieselbe, und wem es gefällt, dieselbe aufrecht zu erhalten, der hat zu allerletzt das Recht, sich auf den ״heutigen Standpunkt der historischen Kritik“ zu berufen, von dem aus die Ansicht, dass Chrestus eben Chrestus und nicht Christus sei, ״einer •ernsten Widerlegung nicht werth“ sei Mir steht besonderes Bücher-! material im Augenblick nicht zu Gebote und ich will durch die Beschaffung desselben diese Replik nicht verzögern, aber ich sollte meinen, dass eine Ansicht, die, wie ich nachträglich bemerke, ausser Ernesti auch Friedr. August Wolf unter den Philologen und Grätz (Bd. in, 282) unter den Geschichtsforschern zu ihren Anhängern zählt, wohl ״einer ernsten Widerlegung werth“ wäre. Ob man |sich übrigens unter jenem Chrestus des Sueton einen ziim Judenthum bekehrten Griechen vorzustellen habe, bder einen Juden griechischen Namens, wie es deren viele gegeben, das lasse ich dahingestellt. Aber ich werde trotz des hohen Tons, in welchem Herr Dr Fr. für die von mir angefochtene Ansicht des Herrn Dr. J. eintritt, mir das Recht nicht nehmen lassen, meinen Sueton zu lesen, wie ■ich ihn verstehe. Herr Dr. Fr. wird [vielleicht einwenden, dass er nur die auch von mir nicht eben gebilligte Ficiion, jenen Chrestos als griechischen Proselyten anzusehen, welcher die Juden zu Aufständen veranlasst habe, «da einer ernsten Widerlegung un werth bezeichnet habe. Aber abgesehen davon, dass t.ueh diese ,,Fiction“ eine solche Abfertigung nicht verdie nt, ist sein Verdict gegen die ״neueren Interpreten“ 80 gehalten, dass nach ihm den letzteren, da sie sich m t der Identificirung nicht einverstanden erklären, k5׳in anderer Ausweg als diese Fiction bleibt. — Man cann ein sehr gelehrter Mann, ein sehr bedeutender Ltxicograph sein, aber das giebt noch nicht das Recht, wchlbegründete Ansichten Anderer von oben herab als einer ernsten Widerlegung un werth zu bezeichnen. B. Von Literarische Notizen. Dr. L. L< wysohn in Stockholm. (Fortsetzung vo:1 Nr. 39 vor. Jahrg.'s.) 89)^1ת der bekannter Stelle Moed Kaan 25b, welche lautet: בנחל שוטף נפלה חכה מה יעשו מי גבים, sahen Einige eine Schwierigkeit, die meiner Ansicht nach gar nicht stattfindet und nur durch Missverständniss entstanden ist. Jacob Reif nann (מועדי ערב S. 41) einendirt nach seiner bekann en kühnen Weise in: נחל שוטף לחכה mit Bezug auf jedoch, dass תעלה tnchl ein natürlicher Strom, sondern gemachte Graben ist. Der Vf. citirt, liest: נפלה חרבה• Es ie hier das Einfache übersehen der von Menschenhand des שערי דמעה, den Bf. ist mir unbegreiflich, w|: 1. Kön. 18,38, vergisst hierbei wird; מה יעשו מי גבים bedeutet: was nützen die Wasser in den Cisternen? עשה nützen wie K0I1. 2,2, die Ordnung in den Talmudstellen braucht daher nicht geändert zu werden, urd ist der Sinn: Der Liwjatan wird geangelt, was s0113n die Schlammfische machen? Die Angel sinkt im ]•eissenden Strome, was helfen (nützen) die (stehenden Wasser in den Cisternen? d. h. um wie viel weniger können hier Wasserthiere der Angel entgehen. 90) In Jellinek’s Bet. ham. 3. Th. S. 174 sagt der Midrasch: עשרה חולדות בתורה; hierzu bemerkt der Herausgeber inderAnm.: בפרטן אתה מוצא י״ב בתורה; allein der Midrasch dei kt sicher nur an die Stellen, in welchen das Schlagworl vorkommt, und welche genealogisch belichten, was in den beiden ersten Stellen אלה ת' השמים (Gen. 2,-r) und זה ספר ת' אדם (ibid 5,1) nicht der Fall ist. 91) Ebendaselbst Seite 176 heisst der Midrasch: ענוים בישועה (תהל׳ קמ״ט) ואיך י טועה אלא קרבן שני ואל קין ואל מנחתו לא שעה; wie sehr man auch an derartige heterogene Etymologien im Midrasch gewöhnt ist, so ist doch besonders a jffallend, dass der M. nicht schon an den vorhergehender Vers (Gen. 4,4) 'וישע ה anknüpft; sollte hier der phonisene Wortklang (schuuh) zu Grunde (iegen, so widerspräche dies der gewöhnlichen Annahme, dass man ehemals Kamez nicht u (= 1), sondern a aussprach. [(Fortsetz, folgt.) *TSI^Mroittieba K*Wtear Dr. Rahater in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Viirlag von Robert Frisse in Leipzig.