Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 17. (16.4.1879)
- Date
- 1879-04-16
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir sind sicherlich keine Vertheidiger der Dogmen und glauben wie M., dass die unabänderliche Gleichförmigkeit ein Beweis von Sterben sei in jeder Religion, auch wir sagen: eine Religion, die nicht mit uns wachsen und leben kann, wie wir wachsen und leben, ist schon todt Wenn von irgend einer Religion, so kann vom Judenthum gesagt werden, dass es gewachsen ist und' gelebt hat mit dem jüd. Stamme, dass es ein Band der Liebe gewesen zwischen Weisen und Einfältigen, zwischen Alt und Jung, dass es sich dehnbar und schmiegsam, gezeigt, dass es sieh mit jeder Zeitrichtung, mity jeder Philosophie friedlich auseinander zu setzen gewusst, ohne dabei etwas von seinem inneren Wesen aufgeben zu müssen. Wenn es trotzdem nicht eine Weltreligion geworden, wie das Christenthum, so ist dies keineswegs aus einem inneren Mangel zu erklären, 80 wenig als man die beispiellose Verbreitung des Christenthums einzig und allein auf Rechnung seiner Vorzüge setzen darf. Nicht das Besondere, Unterscheidende am Chrislenthume hat ihm. solche Triumphe gebracht, sondern das was es mit dem Judenthuuie gemeinsam, was es von diesem entlehnt hat. Aber auch diese adoptirten Elemente hätten das nicht zu Wege gebracht, wenn nicht etwas Anderes, was sich unter Menschen oft stärker erweist, als aller Zauber der Wahrheit, wenn nicht die Macht der Gewalt, der Bekehrung hinzugetreten wäre. Ob das Chrtstenthum, wenn es gewartet hätte, bis die Gläubigen freiwil lig zu ihm gekommen wären, heute nicht noch eine bescheidenere Stellung einnehmen würde in der Welt als selbst das Judenthum, wage ich nicht zu entscheiden; aber dass es dann nicht zu seiner heutigen weltgebietenden Stellung gelangt wäre, scheint mir unzweifelhaft. Wenn wir, wie ans dem Gesagten zu ersehen, in einzelnen Punkten M. widersprechen mussten, so bleibt in seinem Vortrage des Belehrenden und Wahren noch recht viel übrig, das jeden denkenden Leser vollauf zu befriedigen vermag, und wäre es auch nur die eine Lehre der Toleraaz, die .M. in so überaus schöner ansprechender Form vorgetragen, so verlohnt es sich schon um dieser Willen die allgemeine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, weil ja leider׳ auch in unserer freien Zeit von der Toleranz nicht schön und nicht ausdrücklich genug gepredigt werden kann. Oulm. ן Dr. M. Salzberger, Rabbiner. Catalogo dei manoscritti ebraici della biblioteca della commanitä di Mantova compilato dal Rabbino maggiore Marco Mortara. _ Livorno 1879. (Italienisch in der za Corfu erscheinenden Monatsschrift Mose.) Italien ist das gelobte Land der jüdischen Hand- Schriften, der classische Boden der hebräischen Bibliographie. Die Namen Pasini, Biscioni, Assemani, de Rossi sind Jedem geläufig, der über unsere Bücherkunde sich ernstlich zu unterrichten bestrebt. Aber wie überhaupt ein Rückgang Italiens in der Theilnahme und Arbeit für jüdische Literatur in den letzten Jahrzehnten zu bemerken ist, so ist auf die Jahre der Fruchtbarkeit auch in der Bibliographie eine Zeit des Stillstandes, um nicht zu zagen, der Dürre gefolgt Wohl haben ausgezeichnete Kenner des Semitismus und des Hebräischen Iin Besonderen, wie ProC Fausto Lasinio in Florenz und Abb. Pietro Perreau in Parma4 schätzbare Beiträge auch auf diesem Gebiete geleistet, wohl lebt es unvergessen im dankbaren Andenken der jüdischen Wissenschaft, was der einzige Samuel David L u z z a 110 für Sammlung, Beschreibung, Veröffentlichung der kostbarsten Handschuften geleistet hat, aber grössere bibliographische Schriften, eingehende Mitteilungen über öffentliche Sam mlungen waren aus Italien nicht zu verzeichnen. Dies fällt um so meir in die Augen, wenn man den Eifer wahrnimmt, mit dem andere Länder ihre Versäumnisse auf diesem Felde gutzumachen bestrebt waren, wie Deutschland beispielsweise durch die unvergleichliehe Arbeitskraft und Sachkenn'nis9 Moritz Steinschneider’s in kurzer Zeit drei meisterhafte Cataloge über die hebräische 1 Schätze der öffentlichen Bibliotheken von München, Hamburg, Berlin auf den Markt brachte, wie Paris, Cambridge. Petersburg, Oxford, um nach der Zeitfolge des Erscheinens die Bücher zu ordnen, ihre Handschriften beschreiben zu lassen nngefangen haben. Sollte Italien allein auf dem alten Lorbeer ruhen wollen, während ringsum frisches Leben, junge Bewegung nach neuem Lorbeer greift? Man hat es längst einsehen gelernt, dass es nicht genug ist, Handschrif en zu sammeln und aufzubewahren; diese wollen vielmehr beschrieben und bekannt gemacht sein. Eine Handseh ■ift ist eine Perle auf dem Meeresgründe, deren nur zufällig einmal ein seltener Taucher froh werden kann. Kataloge ist dat Lo->ungswort der Literatur! Wir Juden sollten besonders an dem, was in unserem eigenen Besitz geblieben ist, die Pflicht der Liebe erfüllen, dass wir es ans Licht ziehen und dafür Sorge tragen, dass es bekannt werde. Wir haben eine grosse Schuld abzutiagen, denn wir haben Vieles von dem verderben und untergehen lassen, was Geist von unserem Geiste war. Einst hitten wir freilich eine Entschuldigung. Wer f ir sein Leben zu kämpfen hat, ist der Sor.ce für seine Bücher überhoben. Aber heute vermag Nichts'uns zu entschuldigen; wir müssen leisten, wenn wir nicht Anklagen auf uns laden wollen. Sollten wir allein von dem Schutze, den die Buchdruckerkunst. für die Werk« des Geistes erfunden hat, dass sie der Laune verderbli :her Zufälle sie entreisst, indem sie dieselben verbreitet, sollten wir allein von diesem Schulze keinen Gebrauch machen? Wie viele Unica hat die WTuth des Feuers, die Rohheit der Verfolgungen zu Grunde gerichtet? Wie wichtig wäre es für uns, wenn wir für beklagte Verluste wenigstens den Trost zur Verfügung hätten, neben dem leeren Titel auch noch ungefähr eine Skizze des Inhalts zu besitzen. Es ist daher unzweifelhaft die Pflicht aller Gemeinden und Privaten in Israel, von ihrem Be-itze an geistigem Gute der Nation öffentlich ienntniss und Rechenschaft zu geben. Es sei mir verstauet, des kalten Schauers zu gedenken, mit dem icr am 22 Juli 1877 bei einem mehrständigen Besuche in Mantua in den Räumen der jüdisehen Gemeinjlebibliothek aus dem Munde von Mortara und Jard die Mitthdlung entgegennahm, dass all die Schätze, die uns di, umgaben, nahe daran waren, ein Raub der Flammen zu werden, und dass es nur der Hingebung der Gemeinde gelungen ist, durch Aufbietung aller Kraft dem Verderben Einhalt zu thun. Aber die kostbaren Bücher sollten auch diesmal nicht mit dem blossen Schrecken davonkommen; manche Verlöschung, mancher entstellend!! Wasserfleck wird von den Rettungsstrahlen zeugen, die inan nothgedrungen in die gefährdeten Räume hineiiileiten musste. Dieser Thatsache musste ich gedenken, als ich den Catalog der Gemeiudebibliothek von Mantua vor mir hatte. Erst jetzt haben diese Schätze ihie wahre Bedeutung erlangt, indem sie der Oeflfentlichkeit unter die Augen gerückt wuiden. Wohl hatte der rastlose Fleiss Mortara's bereits in Steinschneiders hebräischer Bibliographie diese Sammlung zu beschreiben angefangen, aber erst hier wirc uns ein erschöpfender Bericht gegeben, der uns, üben ichtlich geordnet, mit einem unentbehrlichen Register versehen, Kunde bringt von dem, was die jüdische Wissenschaft in Mantua zu suchen hat. Es bedarf daher keines Wortes, wie sehr diese Leistung den Dank des Kenners verdient.