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Das jüdische Literaturblatt · 1878-09-04 · No. 36. (4.9.1878) · p. Seite 142

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
7 (1878)
Issue
No. 36. (4.9.1878)
Date
1878-09-04
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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Ich vernahm von einem der Ungläubigen, dass er irgend einem der Gläubigen entgegen trat und gegen diesen Beweis Folgendes einwimdte. Wie wäre es demnach möglich, dass der Men{ eh gehend einen-| Raum durchschreite, da er ja in's Unendliche theilbär ist? Denn jede Meile, welche der llensch durchwandert,' oder auch nur Elle, finden wir, 86! >ald wir uns dieselbe in unserem Denken vor stellen, in unendliche Theile theilbär.* *) Einige der Gläubigei sahen sich daher genöthigt, untheilbare Theilchen anzunehmen; Andere haben den Sprung*) angenomnen, d. h. das Ueberspringen von Unten nach Oben; noch Andere nehmen an, dass viele Theilchen mit anderen zusammenfallen. Ich ha־be nun diesen Einwurf w >bl erwogen und fand .ihn übereilt, weil die unendliche Theilbarkeit eines Dinges nur im Denken vorkomnit, nicht aber in Wirk- - lichkeit vorgenommen werden kann, da die Theile zu fein sind, als dass eine Thätigke t oder eine Theilung mit ihnen vorgenommen werden könnte. In meinen Augen erscheint der Einwurf etwa so, als ob jenes Sein -die vergangene Zeit inGedanken, nicht in Wirklich- Mit, durchmessen hätte; wenn aber das Sein in Wirklichkeit die Zeit durch!dessen hat, bist|es zu uns herab gelangte, dann wird cieser Einwurf unsere | Behauptungen nicht widerlegen, weil er nur dem Gedanken gilt Ausser diesen Beweisen stehen mir noch 'andere zu Gebot, einige derselben hafip ich im 1C0m- mentar zur Genesis, andere in meiner Erläuterung der ‘^Hilchoth Jezirah und in meiner Replik gegen Chiwi ha Balohi angeführt, nebst anderen Auslassungen, welche du in meinen übrigen Schriften finden wirst. Ueber-!die« sage ich, dass die Gegenargumente, die ich in diesem Traktat gegen diejenigen vorbringe, welche diese :unsere Ansicht bestreifen, sämmtlich dieselbe kräftigen und befestigen; man hat daher wohl auf sie zu achten . und mit dieser Ansicht in Verbindung zu bringen, was sich ihr nähert. \ (Forts, folgt.) ^Einiges über die Stellung der Tosefta. Von Dr. J. S. Bl och; in Brüx. IX Kehren wir. zurück zu der Detail Untersuchung, Sie -*oll durch Beispiele erhärten, was wir als allgemeine : Anschauung ausgesprochen haben. Einzelne Fälle sind, rxWCnn sie richtig gewürdigt, mit den Parallelste!len kritiseh verglichen und geprüft werden, am meisten geeig-!»et, die Richtigkeit dessen zu erproben, was wir als allgemeine Meinung und Anschauung glaubwürdig zu machen bestrebt waren. Die von uns aufgestellte Behauptung, wonach die Mündlichkeit des tradirten Lehrstoffes, die Schäden und 14ie Unzulänglichkeiten eines bloa im Gedächtnis« aut- .bewahrten, bloss von Mund zu Mund überlieferten Ge- :«etZbuches, welches naturgemäss nicht ohne Schmäle- ,׳ruijg seines Inhaltes, nicht ohne werttragende Verändejung an Form und Geist, nicht ohne starke Hinzufügung fremder, spätere Elemente — was oft bewusst, oft auch unbewusst geschehen — weiter vererbt werden konnte, Ursache waren, dass verschiedene Halacha- Sammlungen entstanden, als verschiedene, von einander oft sehr abweichende Recensionen eines uralten Codex’, ’) Dieses Argument ist unter dem Namen .Achilles“ bekannt . und ron Zeno suerst angewandt worden, um die Bewegung za . leugnen. Durch dasselbe 8011 hier erwiesen werden, dass eine .Thateache sich wohl im Denken undurchführbar da rateilen und doch in Wirklichkeit stattfinden kann, wie die . räumliche Bewegung lehrt. *) Der arabische Terminus hierfür, den auch Saad. an führt, . heisst: tafra. Durch den Sprung werden — wie der Vertreter die* «er Ansicht meint — die nnend liehen Theile des za überschreitenden Baumes eiiminirt. VgL hierüber Haarbrücker's deutsche Ueber* aeUung des Schahrestani 8. 56. der in jedem Lehrhaus nur mit vielen Abweichungen und Veränderungen vorgetragen wurde, und dem entsprechend in dem Geiste und in den Erinnernng^n eines jeden Gesetzeslehrers eine andere Gestalt annejinaea musste. Dieses Alles werden wir durch Rei^pje(^ und 'deutlich veranschaulicht sehen. Der Redactor der Tosefta hat nicht die Mischna commentiren wollen, er bezieht sich ja uieitiäls auf dieselbe, ist oft auch kürzer angebunden als sie, noch auch sie . vervollständigen, da seine l^alachisclien Ent- Scheidungen nicht einmal in Uebereinstimmung mit ihr sind, er beabsichtigte auch nicht, ihr einen oppositionellen, sozusagen antimischnischen Codex gegenüber zu stellen. Man verstünde sonst nicht, woher diese eigenartige Uebereinstimmung beider Codices in formaler Beziehung, die sklavische Abhängigkeit von einander in der Vertheilung und Anordnung des Stoffes, sowie in vielen charakteristischen Ausdrücken und Rede- Wendungen. Alles das weist darauf hin, dass die beiden Codices nichts anderes sind, als zwei verschiedene Lesarten einer uralten, hoch autoritativen Gesetzes- Sammlung Die Mündlichkeit des Gesetzesstudiums hat verursacht, dass verschiedene Lesarten von ein und derselben Halacha in den verschiedenen Lehrhäusern herrschend geworden, hat auch olt verursacht, dass unter den Jüngern ein und derselben Schule, ein und desselben Lehrers Meinungsverschiedenheiten entstanden über den richtigen Wortlaut der vorgetragenen Halacha’s. Wir haben bereits durch ein Beispiel nachgewiesen, dass der Autor unserer Mischnasammlung eine Halacha in zwei verschiedenen Lesarten Tiufzunebmen sich genöthigt gesehen, andere Beispiele, noch mehr interessant und charakteristisch werden wir im Laufe dieser Detailuntersuchung dem Leser vorzuführen uns erlauben. Ausser Mischna und Tosefta circulirien von vielen Halacha’s noch andere abweichende Recensionen und Lesarten, die sogenannten Boraitha’s, von denen ein kleiner Theil auf uns gekommen. Auch diese weichen von jenen beiden sehr bedeutsam ab und verdanken ihre Entstehung nicht minder der häufigen mündlichen Wanderung der Traditionen von Lehrhaus zu Lehrhaus und den dadurch bedingten Veränderungen, die sie im Laufe der Zeiten in Folge der,Schwäche und engen Begrenztheit des menschlichen Erinnerungsvermögens erfahren mussten. Die im Talmud uns aufbewahrten amoräischen Discussionen, diese nicht mit Unrecht viel angefeindeten pilpulistischen Geistesübungen, sind eigentlich nichts anderes, als ein Versuch, die vielen Widersprüche unter den verschiedenen Recensionen zu lösen, ohne die Ursache des Widerspruches, die abweichenden Lesarten zu entfernen. Dass dies nicht möglich ist, zeigt die Vergeblichkeit und Erfolglosigkeit des Unternehmens, ob auch gleich auf sie eine Unsumme von Scharfsinn und Geisteskraft, von Witz und List(?) aufgewandt wurde. Und wo die Amoräer bereits ganz sicher zu sein vermeinen, und d ie Widersprüche vollkommen und haarscharf gelöst, alles Widerhaarigein einträchtige Harmonie vereinigt zu'haben glauben, da kommt schliesslich der Tosafist und zeigt eine bedenkliche Spalte, eine klaffende Lücke, eine gähnende Blässe. Und auch diese haben das Unmögliehe nicht möglich gemacht, denn alle pilpulistischen Herren bis auf die neueste Zeit haben immer noch Stoffe zu ihren hdarspaltenden Geistesübungen gefunden und würden es wohl noch finden bis in die Unendlichkeit der Zeiten, wenn diese pilpulistische Methode des Talmudstudiums nicht einer kritischen und reinwissenschaftlichen Platz macht.

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