Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 25. (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 — ' ▼«rgäogliobkeit aubedmfallen, warum entsinkt ihnen •nicht der Math, den Schirmherrn der Gesittung, den ׳Freunden ides Fortschrittes, wenn sie einseben, dass die Menschen *nicht glücklich werden wollen, and dass sie immer wieder zurücksinken, wenn sie sich eben erhoben haben? Weil der Glaube sie beseelt, dass die Ent- Wickelung der Menschheit von treuen Händen geleitet wird, weil du Vertrauen auf den Sieg des Guten Uber die Niederungen des Unmuths und der Zweifel sie emporträgt zu den lichten Höhen ermuthigender, beflttgelnder Ueberzeugung* (8. 41). Wir verweisen hier noch besonders •auf die formvollendete und gelungene Predigt am ersten Tage des Wochenfestes, deren Spitze sich gegen das neue Synagogengesetz richtet und den Titel führt: ״Das Lager Israels4! Anknüpfend an 2. Mo«. 19, 17 sagt der Redner: ״Unter dem Bilde eines Lagers wird die Gesainmtheit Israels dargestellt. Nicht von der Menge, nicht von der Stärke, sonderti von der Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit seiner Glieder . ist diese Bezeichnung hergenommen.“ . Höchst anregend ist auch die Betrachtung am zweiten Neujahrslage, gemüth»011 und tief empfunden die Predigt am Vorabend des Versöhnungstages. Ueberall ist der Redner bestrebt, eine Mannigfaltigkeit der Gedanken zu entwickeln — das sicherste Mittel, um das Interesse der Zuhörer wach und rege zu erhalten. Doch glauben wir, dass der Verf. hierin zu weit gegangen ist, wenn er in die Neila-Predigt noch eine kurze Betrachtung über Wohlthätigkeit einflicht. Wenn auch seine geistvolle Auslegung des gewählten Textes (Jer 13, 16) dieselbe vollkommen rechtfertigt, so scheint uns doch der Zeitpunkt hierzu nicht glückbdh gewählt zu sein. Man sollte zu Nexla vor das bere1S''phy8i8ch und geistig abgespannte Publikum kein neues Thema mehr bringen, sondern sich auf eine kurze, *usammenfaäsende Betrachtung beschränken und vor ״Thorschluss“ nur noch einen letzten Appell an das Gemüth richten. Die Sprache ist eine höchst schwungvolle und bildeneiche, geeignet, selbst das indifferenteste Publikum in warmer Begeisterung mit sich fortzureissen. ( Die Predigten sind dem ״Altmeister“ der jüdischen Predigt Leopold Zunz“ gewidmet, schon an sich ein ehrendes Zeugniss für dieselben, das uns von vornhereiij ahnen lässt, von welchem Geist und Sinne sie geleitet und erfüllt sind. '— n — Erwiderung. Zufällig gelange ich soeben durch Freundeshand in den Besitz Ihres Blattes (No. 23} nnd glaube darauf zählen za dürfen, dass Sie der Antwort auf den dort enthaltenen Angriff des. Herrn Dr. L. Zunz die Aufnahme gestatten werden. Wenn Dr. Zanz, unter Erwähnung meines, wie er sagt, ״sonst lehrreichen Aufsatzes über das Khazareu-Reich*, der■ in der Voss. Zig• erschien, bittere Klagen Uber den Mangel an Kenntniss der jüdischen Literatur unter christlichen Gelehrtes führt, so ist er damit ganz ia seinem Hechte. Geradezu erstaunlich ist aber seine weitere Bemerkung: es verstehe sich, dass der Verfasser jenes Aufsatzes ״keine hebräische Schrift, kein von einem Juden geschriebenes Buch benutzt, ja nicht einmal kennt“, denn: ״er schreibt durchweg Ben-Elieser, Ben Jitzchak, anstatt ben Isaac, da ״ben“ bekanntlich Sohn bedeutet. Nun suchen seine Leser eine(* Namen unter B, der einem anderen Anfangsbuchstaben angehört.“ Nach dieser Aeasserung des Herrn Dr L. Zunz müsste man eigentlich annebmen, dass er selbst nicht einmal die einschlägigen .Werke von Julias Fürst, Selig Cassel, Dr. Grätz u. s. w., die doch auch Juden sind, kennt. In ihren Werken stehen nämlich Ben Jeracham, ״Ahron ben Mose ben Ascher, gewöhnlich blos Ben Ascher genannt* Ben Naftali, Ben Dsiel, Ben Aderet a. s w., alle mit dem grossen B; ebenso Jizchak, statt Isaac. Es dürfte Herrn Zunz bekannt sein, dass die Schreibang der hebräischen Namen keine ftste ist, und dass das ״Ben* nicht blos von christlichen Gelehrten ' nicht sehr irre, gleichbedeutend mit ben-Seew) in dem Schriftchea ven L. Zunz: ״Etwas über die rabbinische Literatur* vor! Dass ״bea* Sohn bedeutet, weiss ich selbst noch aus den Anfangsgründen des Hebräischen, das ich kurz vor Beziehung der Universität zu stadiren begonnen, um den Ursprung unserer Christliehen Mythologie besser erkennen zu lernen. Anderer Studien halber setzte ich das hebräische Stadium allerdings nicht fort. Die Bedeutung von ״ben* steht ittr Jeden zudem im Brockbaus'scheu Conservations-Lexikon, das die Ben's auch mit dem grossen B druckt! Ich selbst, beiläufig gesagt, schreibe ״ben“ klein. In meiner englischen Abhandlung über das Khazaren-Reich, deren Probebogeu mir Vorlagen, steht daher immer ״ben-Elieser“, ״ben Ahron“ u. s. w. Herr Dr. Zunz int bedeutend, wenn er meint: ich hätte kein von einem Juden geschriebenes Buch benutzt. Eine vou mir, bei Erwähnung der Karal'ten eingeflochtene Bemerkung hätte er — der da sagt: ich wisse nichts von Fürst! — gerade als aus Fürst'« ״Geschichte de9 Karäerthums* (1855) entnommen erkennen sollen. (Die drei 18<2י erschienenen Bände sind mir hier nicht zugänglich gewesen.) Wer die Karal'ten waren, weiss' ich also schon. Die Ansicht, als stammten Kara'iten von bekehrten Kha/.aren, habe ich nur beiläufig erwähnt, solchen Ursprung auch als einen blos ״angeblichen* bezeichnet und neben die Angabe sofort den Zweifel gestellt. Meine ganze Erwähnung dieses ja nur beiläufig berührten Punktes beschränkte sich auf zwölf Zeilen! Auch der Religionsphilosoph und Dichter Jehuda ben Halevi ist mir nicht so unbekannt, wie er Heine’s Frau war. In der Tbat kenne ich die ״Synagogale Poesie* des Jadenthums schon seit vielen Jahren, wie auch eine grosse Anzahl anderer, von Juden über jüdische Geschichte und Literatur geschriebenen Schrillen, obwohl vieljährige germanistische Studien, abgesehen von der politischen Thätigkeit, mir wenig Müsse Hessen. Am Ende kann nicht Jeder Alles treiben. Möglicherweise würde Herr Zunz, obwohl Deutscher, dasselbe Geständniss auf dem Felde germanistischer Gelehrsamkeit ablegen. Nebenbei bemerkt, wird der Dichter Jehuda Halevi in Ihrem Blatte mit dem grossen H geschrieben In der ״Synagogalen Poesie* von Zunz stehen dagegen ״halevi", ״hacohen“ mit einem kleinen Anfangsbuchstaben. Andere wiederum schreiben getrennt ״ha Levi“ und ״ha Cohen“; wieder Andere ״ha-Levi“ und ״ha-Cohen“. Ich muss daher um Nachsicht für mich bitten. Ich knüpfe daran gleich gern das Geständniss, dass der ״hebräische Levit“, der K a. ramsin entnommen war, ganz ebenso verfehlt bezeichnet ist, wie es etwa ein irischer Häuptling, ״Herr O'Donoghue* wäre — was man oft liest —, wo ״der O’Donoghue“ das einzig Richtige ist. ' Uebrigens betraf die Abhandlung in der ״Voss. Ztg.“ die Khazaren, und nicht die hebräische Literatur. Damit dürfte die flüchtige und nicht nach Gebühr ehrende Erwähnung Jehuda’s in anderthalb Zeilen einigermasseu entschuldigt sein. Fiir jene verhältni8smässig kurze Abhandlung über ״Ein vergessenes jüdisch-mohamedanisches Türkenreich in Europa* habe ich nicht blos die in manche Geschichtswerke eingestreuteu Angaben, sondern die byzantinischen, arabischen (in's Lateinische über - setzten) und andere Quellen eingesehen. Heine Absicht war bei Abfassung der Arbeit u. A. die: gegenüber der, bei der jetzigen Verhandlung der orientalischen Frage in England hervorgetretenen Gehässigkeit gegen die Juden zu zeigen, dass es keine arische Gnaden wahl in der Politik und Cultur giebt, und dass man sogar ein zum Jadenthum bekehrter Turanier oder Türke, und dabei doch bildungsfähig und religiös duldsam sein kann. Die nächste Veranlassung zu dem Aufsatz über die Khazaren — auf die ich schon seit mehr als zwanzig Jahren ab und zu, bei politischen Erörterungen über russische Geschichte, hingewiesen hatte — war aber die. Zu meinem Erstaunen hatte ich im Privatgespräch gefunden, dass eine Anzahl sonst gebildeter Juden meiner Bekanntschaft noch nie den Namen der Khazaren gehört hatte! In demselben Falle befanden sich, zu meinem noch grösseren Erstaunen, mehrere bedeutende Gelehrte christlicher Abkunft — theil3 Deutsche, tlieils Fremde; darunter ein Philolog der klassischen Sprachen und zwei Orientalisten (Sanskrit- und Zend- Gelehrte), beide letztere in ihrem Fach von bekanntem Namen, und deren einer, als Grieche, der noch dazu in Deutschland studirt hat, gewiss die Khazaren aus der byzantinischen Geschichte hätte kennen sollen. Wo di». Dinge so liegen, dürfte von einem jüdischen Gelehrten etwaä minder scharfe Kritik erhofft werden — namentlich, wenn sie sich gleich im Eingang, auf dem Gebiete der eigenen Literatur, als etwas schartig erweist. 1 Hochachtungsvoll London. Carl Blind. *) Das heisst denn doch selbst einem Zunz zu viel zugemuthet. (Red.) pft grose geschrieben wird. Kommt ja sogar ״Bensef“ (wenn ich Briefkasten. Die Fortsetzung der Recension des fiUa“ in nächster Nummer. .Baal Ts- V «rant wörtlicher Redacteur Dr. Ra hm er in Magdeburg. Druck von C. Scharnke in Bsrby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.