Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 16.17. (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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67 Wünsche, Dr. August. Neue Beitrüge zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud unld Midrasch. Göttingen. Vandenhöck u. Ruprecht’s Verlag 1878. S. 566. 8. (Fortsetzung st. Schluss.) Was wäre aus dem Judenthum geworden, welche verhängnisvolle Richtung hätte sein Entwicklungsgang eingeschlagen, wäre die Agada die Alleinherrscherin im Reiche der jüdischen Geistesthätigkeit geworden: diese Frage drängte sich mir auf, als ich unlängst die auch von Wünsche citirte ״Schrift des Lebens“ von Leop. Stein durchblätterte. Man kennt die unerschöpflichen Darstellungsmittel dieses begabten Redners; er| verwendet sie dazu, um der Halacha allerlei Unziemlichkeiten zu sagen und wie ein Verliebter seine Braut freist er die herrliche, liebreizende, herzerhebende und herzerwärmende Agada. Nun denken wir uns einmal an Stelle dfer bösen, finstere und strenge Halacha, die liebliche Agada als die eigentliche geistige Autorität. Nicht die Sätze der Mischna, welche das Leben unbequem beengen, sondern die Lehren und Erzählungen des Midrasch seien djas Normgebende; die herrlichen Schöpfungen der Einboldungskratt hätten — ähnlich wie Im Uhristenthum — Geltung als Objective und subjective Wahrheit. Hätte nicht da die allerschlimmste Geistesknechtung sich entwickeln müssen? Das äussere Leben wäre frei, aber das Denken hätte die unliebsamsten Ketten getragen.: Nicht die Handlung wäre mehr Gegenstand der religiösen Regelang, sondern die Gedanken, die Meinungen Ob sich Leop. Stein da behaglicher gejfühlt hätte? Mit jedem neuen Lichtstrahl der Wissenschaft wäre uns ein Stück Judenthum wie Eis zerflossen, mit dem Anbruche des Frühlings wäre Rettung unmöglich. Das von der Halacha losgelöste Christenthum,!dessen ganzer Inhalt sein agadisches Gedankensystemj bildet, mit welchem es steht und fällt, ist eben daran erkrankt, und wer weiss. ob es sich je wird erholen' können. Wir sind durchaus nicht blind gegen 4ie Schattenseiten der Halacha, deren spätere Entartung in derj Pilpulzeit dem Judenthum schwere Schäden!beigebracht hat und nicht zum geringsten Theil an der heutigen Verwirrung Schuld trägt, allein gegen die Gefahren einer Entartung der Agada, deren Folgen im Christenthum sehr oft und abschreckend genug zu Tage getretec, möchten wir sie nicht eintauschen. Wenn der Geist in die gefährlichen Gefilde der Einbildungskraft sich zu verlieren drohte, war es immer die Halacha, welche ihn zur Welt des Realen; zurückrief; sie war das beste Correktiv gegen alle Ausschreitungen der Phantasie. So lange Talmudgelehrsamkeit florirte, vermöchten Kabbalistik und Mysticisinus eis zu keiner Geltung zu bringen.; Das Judenthum hat der Agada nie, wie d43 Christenthum der Halacha, den Krieg erklärt; sie!fand allzeit eifrige Pflege und Ausbildung, der öffentliche Redner mochte sie nicht missen, und auch der erns|te Halachist des anstrengenden dialektischen Spieles müde, kehrte von Zeit zu Zeit bei ihr ein, sich Erfrischung und Labung zu holen, an ihren Schönheiten djas Auge zu weiden — Herrscherin jedoch durfte sie nicht werden. Die Poesie hat nicht den Beruf das Lebeü zu regeln, sondern zu verchönen, und sie verdüstert 0s, sie lührt zu einer unfruchtbaren Beschaulichkeit, zu!ängstlichem Grübeln, zu entnervender Schwärmerei, wenn man ihre 8phäre verrückt. Dass das Judenthum hietön bewahrt 'blieb, dankt es der Halacha. Es war ein ,sehr sinniger Gedanke, dass im Talmud solchen, welche zum überschwänglichen A88idäi6mus Neigung haben, das 8tudium der Nesikim1 Probleme anempfonlen wurde. ןזאי מאן דבעי למהוי חסידא לעיין בפדלי דנזיקין■ Das war eine Cur gegen alle Kraakeiten des Mystizismus. Zu solchen Belract tungen regte uns das p© Werk von August Wünsche, in dem es die Bezde^_ gen des N. T. zur rabbi Bischen Literatur — allerdings mehr zu exegetischen a 1s kritischen Zwecken — aas*׳ führlich darlegt. ' '■־ '.־■ ׳ Es herrscht bei uns kein günstiges VorUrtheili ge* gen ״christl. Talinudisten“, wir begegnen ihnen pehr ungern und weichen ihnen lieber aus. Die HerrenjfeoU len sich dafür bei den i nwissenden und dämm( Rohling’s und Martin’s, < eren crasse Ignoranz hf durch ihre freche Verlogenheit übertroffen wird, bedanken. Wünsche hf.t jedoch mit den Talmudurteajener Sorte durchaus nichts gemein, er ist, wie! der Ref. bei Würdigung seines ,,lebensfreudigen Jesus“ schon hervorgehoben, ein redlicher Wahrheitsfreund. _ j.t Er versucht nicht i 1 der Art der Nachfolger Eisen- - menger’s die gefundene Perle׳ in den Koth zu tauchen, um dann ausrafen zu können: siehe wie schmutzig; das herrliche Bild mit Unrath zu besudeln, und hinzuzufügen: sieh wie unappetitlich. Keine Spur jenes Bestrebens lässt sich bei i 1m nach weisen, die Lehren'Öer Rabbinen zu falschen und schwärzen, damit die neAfesi heller erglänzten. Wüi sehe weiss die jüdischen Geistesschätze nach Gebühr 2u würdigen, in die er sich mit Energie und Anstrenguig vertieft in der redlichen Absicht, um Belehrung zu süchen, sein Wissen zu berä- . ehern. Die gehren der Rabbinen ringen ihm nicht seiten Anerkennung ab und was wichtiger ist, er weis• sie mit aller Genauigkeit zu verdolmetschen. Dass dabei trotz a ledern einige Missverständnisse, ungenaue Uebersetzungen u. 8. w. nicht ausbleiben,. wird Keinen wundern, 1er die Schwierigkeiten würdigt, mit welchen Jeder, der in der jüdischen Literatur sich. auskennen will ohne von Jugend aut in diesem Studium gebildet zu sein, zu kämpfen bat. 30111 eaija heutzutage neuorthodose Rabbinen Berliner Fabrikats geben, die, wie man mii brieflich niittheiU, im Lesen des Unpunktirten nicht best mders versirt sind, jedenfalls ein sehr ärgerlicher Umstand, da sowohl Talmud wie der Schulchan Aruch es im ner noch an der nöthigen Punktation fehlen lassen. Dsm fatalen Uebel abzuhelfen ist dem ״fertigen“ Rabbinen von der Schule aus ein ״Gehilfe“ beigegeben, den ein geistreiches Gemeindemitglied mit dem elassisch 3n Namen נקדן belegt hat, weil es seine Aufgabe ist, iberall das richtige Pun ktum aufzufinden. 1 - . Angesichts solch betrübender Verhältnisse intra muros muss man Missverständnisse bei einem christL Gelehrten, bei dem sie [noch dazu blos an 'vereinzelten Stellen Vorkommen, sehr milde und mit aller Nachsicht. beurtheilen. Wenn wir einige trotzdem hervorheben, 80 ist es blos zu Gunsten einer etwaigen zweiten Aufläge, bei der jene Missverständnisse leicht augzinnerzen wären. »j 1;־־' S. 22. Zu Matth, r. 4, 1 heran. Aber thümlich meint, sondern Taube verglichen, wird, dass die Taube n;< Mit hat, wird der Verf. in III, 16. zieht Vert. Midr. Schir :cht Moses, wie der Verf. irrdas Volk Israel wird da zur welcher Berechtigung, gesagte zur Zeit Noah's Licht gebracht lung der althebr. Litera:! haupt wäre hier die Berachot 3 a., wo der stimme (בת קול wird vernommen המת כיונה S. 25. Matth. IV, hat Verf. dän mittlere^ haben bei Abraham während er doch geradle לקרתא ד״לד בניסוסיה begrün! hi! מ:׳ meinem ״Studium zur Satnmur“ S. 86 erklärt finden. Uebecr Heranziehung der Talmadstelle Sesetzeslehrer יוסי eine Gotteser in diesem Sinne gebraucht) eher am Platze. Schemoth rabba 47. Warum Theil des Satzes, (Die E^cgel isen genommen) ausgelassen, das citirte Sprüchwort: אזלת det? ־־ Etwa desswegen,weil 0'