Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 50. (12.12.1877)
- Date
- 1877-12-12
- Page
- Seite 200 (sequence 4)
- Language
- German
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— 200 — noch über 120 Provinzen regierte ^s. Dan. ds.), und erst besten Tod gründete Cyrus das alleinige persische Weltreich Hz. Midrasch rabba z. Est. Cap 1 und 10.(כשהמלכות במדי פרם טפל לה וכשהמלכות בטרם מדי טפל Diese biblische Erörterung, sowie die biblische Miltheilung der Charakterschwäche Achaschwerosch' (s.Est. 4,10 u. 11) stimmt vollkommen überein mit den geschichtlichen Thatsachen. weche der griechische Schriftsteller Lenophon. der bekanntlid am persischen Hofe des Cyrus II. lebte und besten Freund war, in der Lebensbeschreibung (Cyropädie) des Cyrus I. erzählt; indem dariu (VI. 1, 13—16.) der medische Cyaxeres als leidenschaftlich, resp. neidisch, feig und weichllch ges Hilbert wird; so, daß er zur Fortsetzung de^ Krieges gegey die Babylonier vom CyruS mußte gedrungen werden! — se Uebereinstimmung der Bibel mit Tenophon wird von wahrheitsliebenden Geschichtsforscher« auch anerkannt.*) (s. Jones o. Müllers allgem. Geschichte I. b S. 132.) (Forts, f.) 3«r •fMnmi. Der Name des greisen hochoerehrten Braunschweigischen radbiners Herzfeld, welcher unter der in Nr. 47 d. Bl. fchienenen Besprechung meiner Schrift über Esther zu lesen veranlaßt mich, zur Vertheidigung meiner angefochtenen schauung Einiges zu erwidern. Das Urtheil eines Mannes, des Verfassers jenes mit Recht hochgeschätzten,, an Gelehrilkxit so hervorragenden Geschichtsmerkes, aus dem ich selber viel Belehrung geschöpft habe, ist, selbst wenn ihr keine weitere Begründung beigegeben wäre, an sich ein vollwichtiges Argument, mit welchem eine entgegengesetzte Anschauung auch dann rechnen müßte, wenn sie altbegründet und autorative N imen zu Trägern hätte. Diese Stütze aber geht meiner H -pothese ab. um so mehr bin ich verpflichtet, mit den Argementen mich auseinanderzusetzen, welche der greise Gelehrte in dieser Frage entscheidend ausgeführt hakt. Auf die ad 3 und 4, welche die Sprache des Bilches zu schön für die makkabäische Zeit, zumal einen Helleten, charakterisirt, unterlaste ich einzugehen, und zwar nicht oohl deswegen, weil ich meine anderweitige Anschauung, der ich durch einen Vergleich mit den makkabäischen Pjalen gelangt bin, aufgegeben, sondern weil der berühmte Gehrte die Anfechtbarkeit dieser seiner Argumente zugegeben. Bedeutsamer ist das ad 1, nämlich, daß der Hellenist it einemjgaman nicht Worte und Anklagen in den Mund jt hätte, wie sie die Hellenisten thatsächlich bei Antiochus selber gebracht haben; er bätte damit seine eigene Partei gerichtet. Allein selbst angenommen, daß die Hellenisten wirklich iche Anklagen bei Antiochus wider die Stammesgenosten den. wie die Gegner ihnen, aller Wahrscheinlichkeit mit!t, nachgesagt haben, — sie ihrerseits haben doch zweifelwenigstens ihrem Volke gegenüber, das Factum bestritten nicht zugegeben, daß sie selber, sondern ein heidnischer enfeind, dem der König sein Ohr lieh, die Drangsale hereschworen. Hierin offenbart sich gerade der apologetische cakter: nicht, wie ihr glaubt, wir, nein, ein böser Amalehabe die Juden verläumdet, dem Könige die schlimmen te entlockt. Die Frage ad 2: wie kam das Buch in den Kanon? errevigt sich mit den vielen andern unstreitig nicht minder auffälligen: warum ist kein makkabäisches Buch ausgenommen worden? warum Mischna und Talmud von Purim so viel, *) DaS Fehlen des CyaxereS II. in dem chronologischen Canon d«S Kriechen PtolomäuS darf nicht «luffallen, da ja die meisten griechischen Kefchichtaschreider ihre Data ans den mündlichen Mittheilungen der Perser schöpften, welche aus nationaler Eitelkeit die circa 30 Zähre, fett welcher der heldenmüthig« Cyrus im Vereine mit seinem Oheim CyaxereS Eroberungskriege führte und seit dem Sturz« Babylons, wodann er die Sondrrprovinz ׳Persien allein regierte, diese Jahre alle demselben als Wrltbeherrscher anrechnen, obgleich es in Daniel (5,25—28) bei der Deutung der wunderbaren Manbschrist aasdrücklich heißt: Getheilt wir» Dem Reich und überliefert an ״Medien und Persien, so» wie auch im B Esther (1, 3 und 10,2.) Achaschwerosch stets als König beider Reiche erscheint. von Cbanuka so wenig misten und erzählen wollen? Warum für Chanuka keine Megilla zur Vorlesung verfaßt, Purim wiederum de6 Hallel's entbehren muß? Der Kanonabschluß fällt in eine Zeit, da arge Parteizerwürfniste, welche die Gemüther entflammten, alle socialen und religiösen, alle Familien- und staatlichen Verhältniste unerbittlich in Milleidenschaft zogen. Parteihaß einziges agens movens der östentlicheii Handlungen und Entschließungen bildete: darum darf man sich nicht wundern, auch bei ausschließlich religiösen Fragen — wozu auch die Canonizilät gehört — den politischen Gesichtspunkt eine cntscheidende Rolle spielen zu sehen. Gegen Ehen mit Heiden sind schon Esra und Maleachi mit aller Strenge vorgegangen, die talmudische Tradition scheint ähnliche Tendenzen einem Gerichtshof der Makkabäer nur aus dem Grunde zuzusprechen, weil auch sie gegen die anderartige Praxis der Hellenisten wohl geeifert haben. Wir werden aber ihren rigorosen Anschauungen wenig gerecht, wenn wir ihnen hinsichtlich einer Ehe mit einem gekrönten Heiden eine mildere Praxis zumuthen. Und gerade ein ״geschichtliches Faktum" solch verfänglicher Art, das gar leicht zur Nachahmung reizen oder zur Entschuldigung dienen könnte, würde man sich damals zu erzählen wohl gehütet haben, wenn nicht eben Entschuldigung der Nachahmung Hauptzweck gewesen wäre. Dasselbe gilt von bei den Frommen nicht minder verpönten heidn. Kleidung, heidn. Namen, heidn. Sprache, die in E. mit einer feingespielten Absichtslofigkeit den Helden beigegeben werden. Daß Mord, an der Tafel des Achaschw. theilgenommen, hgbe ich an keiner Stelle behauptet, wohl aber, daß der Vers. Esther auf die Speisegesetze keine Rücksicht nehmen läßt. Den Hinweis des Herrn Landrabbiners auf l. Makk. 8, 17 kann ich als schlagend nicht anerkennen, weil es sich dort blos um eine zeitweilige Reise handelt; da sind derartige Entbehrungen nicht unerhört. Bei E währte das einen Zeitraum von meh׳ reren Jahren, und ein auffälliges Benehmen wäre nicht ohne Gefahr der Entdeckung. Unser Verf. erachtet es aber nicht einmal für wichtig, ein Wort darüber zu verlieren, in vollem Gegensatz zu der bekannten feierlichen Betonung im Danielbuche. Religiöse Anschauungen spezisisch hebr. Art treten an keiner Stelle zun! Vorschein, auch nicht an 4, 14. 16 9, 11, darauf Herr l)r. Herzfeld sich bezog. Der Glaube an eine übermenschliche Gewalt, nach deren Willen und Fügung die Schicksale der Sterblichen ihren Laus nehmen, war auch den Heiden nicht fremd; daß der Verf. aber blos vom hebr. Gott so gedacht hätte, kann schon deswegen nicht behauptet werden, weil diesem Gotte überhaupt mit aller Aengstlichkeit ausgewichen wird. Wie man in der Roth nicht zu ihm betet, so werden ihm nach der Rettung keine Danklieder angestimmt. Furcht kann die Ursache des Schweigens nicht gewesen sein, sie existirte für den Verfaster des Danielbuches nicht, sondern die hellenistischen Tendenzen. Es ist das nichts anderes, als ein vollständiger Bruch mit allen prophetischen Traditionen und Weistagungen, für welche der Verf. bezeichnend genug kein einziges Wort übrig hatte. Die Genossen des Daniel knieen vor keinem Götzenbilde, Mord, thut's nicht vor einem Menschen, einem Nationalfeind: jene handelten hebräisch, dieser griechisch. Bekannt ist, daß die Griechen vor persischen Kaifern niederzuknieen sich weigerten. Warum hat der Verf. diese Scene derartig uingeforml? Dieses Moment hat der berühmte Gelehrte der Erwähnung gar nicht merlh erachtet. Der Grundgedanke, der sich durch die ganze lTi'thererzählung hindurchspinnt, ist: Allös für den König, durch den König. mit dem König. Das Wort ״melech“ zu wiederyoieil wird der Verf. gar nicht müde. In der wildesten Revolutionszeit, in welcher selbst beschauliche ruhige Naturen, von flammendem Zorn entbrannt, zum Kampfe sich stellten gegen die schmachheischende Tyrannengewalt — dieser Preisgesang der Königstreue, diese Verherrlichung des starrsten Royalirmus; konnte das im Sinne der Makkabäer gewesen sein und nilhi vielmehr der hellenistischen Verbündeten des Syrerherrschers r Brüx. Dr. I. S. Bloch.