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Das jüdische Literaturblatt · 1877-08-22 · N° 34. (22.8.1877) · p. Seite 136

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 34. (22.8.1877)
Date
1877-08-22
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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eise fti$t minder wichtige Bercktsamkeit zeigt dar Eingangs angezetchnet Werkchea o^n Hause. In einfacher aber edler Sprache, die ganz dem Volksathem entströmt, die alle Höhen und Tiefen menschlichen Weh'r unb menschlicher Lust voll und rein auLmißt, von dem schlichten epischen Ton bis zur prophetischen BegeisterungSgluth steigt, weiß der -reise Verfasser, welcher selbst den Becher tiefsten Leides schon hat kosten müssen, bas Seelenleben einer braven christlichen BürgerSfcrmilie zu schildern, in welcher frommer Judenhaß mit friedlicher Menschenliebe und dunller Begeisterung für das Zudeuthum nebeneinander anfangs ohne feindliche Berührung wohnen, bis der Funken der Liebe in dem Heqen eines Mädchens, der Tochter dieses Hauses, eine Begeisteruugsgluth für das Judenchum erzeugt, die, wie bei.Ruth, durch die schwersten Prüfungen hindurchgeführt, sich nicht blos ÄS das Abbild einer idealen Liebe zu einem Juden giebt, sondern als eine, in sich selbst gegründete unerschütterliche Lstche zum Judenthuck mit dem Glanze geistiger lleberzeugungstraft in eigenem Achte strahlt. Reich an heiteren und ergreifenden Scenen, einfach und ungezwungen in seiner Perihetie. scharf und treu in seiner Charakteriitik, spannend und drfciediMd in feiner Darstellung erhebt sich das Buch zu seiner «beutung in den Gesprächen eines Pfarrers mit der Christin. Er soll esr versuchen ihr die Wahrheit des Christenthums und feint Begründung in dem Propheten des alten Testaments zu be- «eisen, um ste von dem Entschlüsse, Jüdin zU werden, abzud'tingen. Dabei entfallet Elise die ganze Blüthe ihres Seelenadels und ihrer, religiösen Getstesklarheit. Me messianischen SttLen eistkleidet sie ihrer christologischen Auffassung und siegreich weiß sie den Pfarrer zum Staunen «nd Schweigen zu bringen. Einen erhabenen Abschluß nimmt die Erzählung mit dem prophetischen Worte eines Rabbiners, der in streng from- «er Weise die »Aufnahme" der Proselytin vollzieht. DuS Merkchen ist einedankenswerHe Bereicherung unserer Tendenz-Novellistik imd aus vielfachen Gründen zu empfehlen, sowie es lebhaft z» wünschen ist, daß der greise Verfasser sckne unbestreitbare Erzählergabe und seine innige und begeisterte Liebe zur jüdischen Religion neue Darstellungen des isr. Geisteslebens schaffen lasse. vr. Lr. 1 Geuhek, ®ottfrieb, SpirttiWche Geständnisse eines evangelischeu Geistllchen über die Wahrheit der christlichen Offenbsrung. Leipzig, Oswald Mutze 1877. (gr. 8. 66 S.) In Rr. 17 der »Gegenwart" beginnt Jürgen Bonä Mehtr eine Schilderung und Betrachtung, betttelt: Der Glaube an Geisteiserscheinungen in unserer Zeit. Darin wird ausgeführt, wie dieser Glauben ganze Massen erfaßt hat und immer Vetter um sich greift. An das viel verlachte Tischrücken anknüpfend trat der Glaube der Spirituakisten oder Spiritisten auf, der mit Hilfe besonders geeignet erscheinender Personen (Media) einen Verkehr mft den Geistern der Abgeschiedenen herznstellen versuchte, was — nach Versicherung der Gläubi- -en — mehr als gelungen ist. 1870 zählte man in Amerika bereits 8 Millionen, zur Zett fast 11 Millionen Spiritisten. Unter ihtten atlgeschene, gelehrte Männer, Richter, Advokaten, RtdaÜeurr, ja selbst Chemiker und Naturforscher. Such in die bessern Kreise der englischen Gesellschaft ist dieser Glaube eingedrungen und wird doch mit dem vollständigett, gelehrten «nd wissenschaftlichen Apparate behandelt. Daß matt den Spiritismus medicmisch vetioerthen wollle, ist längst bekannt. Reu dagegen ist der Versuch, welchen der Letf. des besprochenen Büchleins macht, da- Christenthum (natürlich die pietistisch-orthodoxe Richtung desselben) durch dev Geisterglaube« zu stützen und neu zu beleben. Die Geschichte der »Bekehrung" des Herrn Äentzel, seine oft recht giftigen Ausfälle «ad Angriffe gegen den Protestantentag und die liberalen Richtungen in der christl. Kirche sind zwar an flch schr interessant, aber in ihren Details wohl' außerhalb der Tendenzen dieses Blattes. Im Spiritismus sieht der lüchoitwoillich» vr. M. »atz«»r. Druck von g. Verf. den heilsamen Gegensatz gegen die ״Maulwurfsrichtung",! gegen den Materialismus, der alles Leben des Geistes zu leugnen wagt. (S. 39) ״Denn er verlegt den Schwerpunkt! Unseres ganzen Daseins ans dieser in jene Welt, in die Welt der Geister, und läßt unser Leben dort aus den Verhältnissen dieses Lebens, wie wir solche selbst gestaltet, also heroorgehen,' wie der vierte Satz der Regeldetri aus den drei ersten sich gestaltet. Schon mancher Sünder hat aus dem Psychographeu seine Frevel sich müssen Vorhalten lassen und sich zu Gott bekehrt, so daß der von der Aufklärung längst gestrichen« Sinai mit seinen Donnern und Blitzen wieder in seine Recht« eingesetzt wird." Und nun kommt die Beglaubigung, welche die christl. Lehre im Geisterglauben findet. Die »Auferstehung des Fleisches" ist eine Grundlehre des Spiritismus, denn »aus dem Leibe des Sterbenden oder soeben Gestorbenen entwickelt sich sofort der neue, ätherische Leib als die künftig« Hülle des unsterblichen Geistes, worauf das Erwachen zum Bewußtsein des neuen Lebens eintritt." Dieser künftige Leib ist in unserem jetzigen Körper schon vorhanden. Zum Beweise dafür muß ein Mißoerständniß der ״Jntegritätsgefühle" (d. h. daß ein Amputirter an dem verlorenen Glieds Schmerzen zu fühlen glaubt) verhalte». Und das bewahrheite die Erklärung der Auferstehung I. Corinther 15, 37: Und das du säest, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloße- Korn, nämtich Weizen oder der andern eins." Die Geister erzählen ja selbst, wie sie aussehen. (S. 45) ״Wir sind nicht bloS, wie Viele von Euch sich vorstellen, schattenhafte und nnwirkliche Wesen, sondern wir befinden uns im Besitz bestimmter, : greifbarer und ausgesucht symmetrischer Formen mit wohlge-! rundeten und aumuthigen Gliedern und sind doch so leicht und elasttsch, daß wir durch die Atmosphäre rnit säst elekirischer Geschwindigkeit gleiten können." Und dieser geistig« Körper ist eine vollkommene inenschliche Form — »jedoch weit vorzüglicher und schöner." Natürlich erklärt dies de» Verf. das Auferstehen Christi, den Auftritt in EmmauS und sein Eingehen durch verschlossene Thüren. Da die Geister i auch essen und trinken, so ist Matth. 20, 29 »bis ich es neu I mit Euch trinken werde in meines Va!erß Reich" mehr ״als I morgenländische Redensart". Die Geisterwelt liegt zwischen! 12 und 24 deutschen Msilen von der Erdoberfläche und ist! in 7 concentrische Regionen eingetheilt, die Sphären genannt j werden. Je reiner in desto Höhen» Sphären wohnen die Geister. 1 Daß hiermit Zebaoth in Verbindung gebracht wird, kann dem > Juden nur als Blasphemie erscheinen. In diesen Sphären! sind Lehrer aus den höheren Schichten und so erklärt sich ] dem Verf. die Offenbarung. Das Teufelaustreiben, das im > Evangelium eine solche Hauptrolle spielt, stimmt natürlich! mit dem Spiritualismus ganz überein. I Etwas gewunden hinkt dann zu allerletzt noch die Er- ] Körung nach, ״daß es im Allgemeinen bei vem Verbot aller Magie und der Todtenbeschwörung für den Christen sein Be» wenden haben müsse". Uns aber ist dies der Kernpunkt der Frage. Abgesehen von aller Aufklärung und aller Wissenschaft, hat uns die Relgion ihr entscheidendes Veto gegen all diesen Humbug, der doch im großen Ganzen zu allen Zeiten derselbe geblieben und nur der Fragenden Meinung als Geisteranlwort wieder gespiegelt {jat, eingelegt: 5. B. Mösts 18, 10 u. 11: ״Es soll bei dir nicht gefunden werden, wer seinen Sohn unv seine Tochter durchs Feuer führt, der Ahnungskünste treibt, Wolkenbefrager, Schlangebeschwörer und Wolkendeuter. Thierbeschwörer, Schwarzkünstler, Zeichendeüter und Todtenberufer. Denn ein Greuel Gottes ist, wer solches thut." Eine Religion, die solcher Stütze,» bedürfte, wäre reis dem Untergange. Wir halten daS Christenthum noch für lebensfähiger, als der Pastor em. und vertrauen dem gesuuden Sinne unserer Zeit, daß sie nicht aus dem Unglaube» den allerdings da nicht unmöglichen Sprung in den Aberglauben machen wird. Koschmin. vr. Lewin. ,charvke in »arby. Vertag von Robert Aries« in Leipzig.

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