Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 19. (10.5.1877)
- Date
- 1877-05-10
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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Und als ihre stumme Zunge gelöst war, sprach st« di« Sprache, welche sie mit dem neuen Blute ihrer Inbrunst, ihrer Trauer und ihre» MärtyrerKaubens zum Leben erweckt hatten: sie .sang mit dem Tonfall ihrer Weise." Deronda hatte diesen gluthvollen Reden theilnahmsvoll gelauscht, konnte jedoch in seiner eigenthümlichen Situation nichts Anderes versprechen, als daß er die schriftlich niedergelegten Gedanken Mardochai's veröffentlichen werde. Doch dieser erwiderte darauf: ״Das ist nicht genug. Sie sollen nicht allein eine Hand für mich 'sein, sondern eine Shele, die meinen Glquben glaubt — von meinen Beweggründe» geleitet wird — -mit meiner Hoffnung hofft — die Vision erblickt, auf welche -ich hindeute — einen Glorienschein sieht, wo ich ihn sehe — sie werden mein Leben sein." Diese seltsamen auf seine Person erhobenen Ansprüche riefen bei Deronda die gemischtesten Gefühle hervor. Es that ihm wehe, das geheimnißvolle Vertrauen, mit welchem, ein mit dem Tode Ringender sich an ihn klammerte, Niederschlagen zu müffen, und doch durfte er nicht illusorische Erwartungen «ähren, die sich — seiner Meinung nach — auf falsche VorauSsetzungen gründeten; er hielt sich daher für verpflichtet, Mardochai daran zn erinnern, daß er.ja nicht dem Mischen Stamme angehöre. ,Sie find ungewiß über ihrb eigene Herkunft", erwiderte ihm Mardochai mit einer Zuversicht, die Deronda erbeben machte, denn Mardochai hatte hie empsindlichste Stelle in seiner Seele getroffen. Jndeß mußte er sich bei einer späten» Envägung gestehen, daß die Möglichkeit, sich als einen Juden zu denken, nichts Erschreckendes inehr für ihn habe, denn was er seit dem Anffinden Mirah'S über die Juden erfahren und selbst beobachtet, hatte sie ihm in einem ganz anderen Lichte erblicken lassen, als in welchem er sie früher gesehen. Ja, seine romantische Natur fand einen gewiffen Anreiz in der Aussicht, das Erb« einer großen Ver« gaugenheit anzutreten und die Pflichtm zu übernehmen, die sie ihm auferlegt. -So schied er denn von'Mardochai mü dem Versprechen, sich in seine Gedanken einweihen zu fassen. Dies sollte in einem Club geschehen, der sich ,die Philosophen" «amte, in welchem zwanglos über die verschiedensten Ideen dedattirt wurde. - (Fortsetzung folgt.) De» Stifter des Ehristeuthnms i« seiner «eneste« Biographie. Boa Dr. 3• S. Bloch. (Schluß.) Wieüber die Stellung Jesu zur Familie, so hätten wir auch über sein« Stellung zu den staatserhaltenden Ideen: Vaterland und BolkSthum ein ausführliches Capitel erwartet. Die Quellen bieten hierfür manche Ausbeute. Eine sölche UntersuchnngwLr« gerade jetzt höchst int er es sa nt uridzeitgem ä ß, viel wichtiger als die grundgelehrten Abhandlungen über seme Schuhe und seinen Mantel. Und doch wagest die Herren nentestamentl. Theologen sich nicht an diese Aufgabe! Selbst die Biographen glauben sich hierüber a«-schweigen zu müffen. Sie wiffen warum. Die Resultate emer׳ solchen Unters»- chnng find schon bei oberflächlichem Lesen der Quellen klar ersichtlich ES find da keine RuhmeSkränze zu flechten für den Helderh darum schweigt man. All sein Handeln!und all sein RÄen laffen keine Spur patriotischen Gefühles errächen, und einer Begeisterung für das Vaterland. Für solche Begriffe, die eigentlich die GrundbafiS des sittliches» Lebens bllden, da» sittliche Herz bis in die tiefsten Tiefe« erfüllen und bewegen, konnte er sich nun urrd nimmermehr erwärmen. Lein Laut des Schnrerzes entringt sich seiner Brust, kein Wort des BedauernS kommt über sein« Lippen beim-Anblick seines tiefgedemüthigten. unter tyrannischer Fremdherrschaft .schmachtenden Vaterlandes. Mit einer gradezu erschreckenden Gleichmuth, ohne auch nur die kleinste innere Erregung zu verrathen, kündet er dem Volke Auflösung und Gottes Verwerfung an. als ob die tausendfachen Fäden und Fasern, welche jedes einzelne, das größte doch wohl nicht minder wie dasgeringste, Glied mit der großen Gemeinschaft verbindet, bei ihm gar keine Wurzel hatten. Gleich dem Verwalter eines Landstückes, der, »venn er zur Unzufriedenheit Ursache giebt, nach Belieben — gewechselt werden kann, oder wie Salz, das dumpf geworden, verschleudert und von den Leuten zertreten wird*), also gelten ihm VoklSthum und Vaterland!! Wie ganz unähnlich zeigt er sich hier den alten hebr. Propheten, deren glühende Liebe für ihr Volk selbst in seiner Verirrung nie aufhörte, denen erst unlängst in diesem Bl. ein jüd. Schriftsteller ihn vergleichen zu dürfen glaubte. Der Verf. sagt S. 131, daß manch Gleichniß Jesu zu einem ״Mißverständniß" führen könne, ״welches moralisch keineswegs unbedenklich" ist. Dachte er an jene Stellen, die wir im Auge u»»d auf die wir hingedeutet haben, warum tritt er nicht muthvoll auf. nennt das Kind denn wahren Namen? S. 67 lesen wir: ״Erziehung und Schulbildung hatten Jesum nicht mit großen und gelehrten Kenntnissen ausgestattet; er stand nicht auf der Höhe hellenischer Schulweisheit; er war kein Philosoph, kein Künstler, kein Staatsmann, aber er war ein Religionslehrer im eminentesten Sinne des Wortes". Verf. handelt auch ausführlich über Jesu Stellung zum A. T- und dem mosaischen Gesetz; eine Untersuchung jedoch darüber, ob Jesus das Gesetzesstudium, wie es in den jüd. Lehrhäusern betrieben worden, gründlich kennen lernte, und wie weit über- Haupt seine Schriftkunde ging, vermißt man. Ich selber wage selbstredend solch hochwichtige Frage nicht ohne Weiteres zu entscheiden. Matth. 5, 27—28 gehört zwar unstreitig zu den ächten Reden Jesu; es liegt nahe, jene Unterstellung, als ob im A- T. es kein Verbot ehebrecherischer Begierde gäbe, auf eine Unkenntniß des 10. Gebotes in seinem Wortlaute: ״Du sollst nicht gelüsten nach dem Weibe deines Rächsten" zurückzuführen. Allein möglich, daß blos ein Mißverständniß der Jünger Jesum so reden läßt. Wohl aber ist es schwer begreiflich, warum die Biographen (vrgl. S. 46 ff.) Jesu eine ״Erweiterung des mosaischen Verbotes des Ehebruches bis zur ehebrecherischen Begierde" zuschreiben**), ohne das letzte der mos. 10 Gebote zu berücksichtigen. Fragen n>ir uns nach dem Geheimniß seiner unstreitig bedeutenden Erfolge, so ist es wohl unzweifelhaft, daß gerade die ekstatisch schwärmerischen Elemente, die man so gern aus seinem Charakter verwischen inöchte, weil sie ihn verdunkeln, ihm alle Anhänger zugebracht, chn zum Stifter deS Christenthums gemacht haben. Er rväre es sonst wohl kaum geworden. Darum kann man sagen, daß der Jesus der Kirche dem hist, um VieleS näher steht als der vermittlungs-theologische. Gerade jene Elemmte und sie allein übten einen großen Zauber auf die erhitzten Gemüther, wie auf das niedere, nicht weiter reflectirende Volk, das in Jesu den entsagungsvollen, allem Irdischen abholden Wundermenschen gesehen und bewundert hat Darum hat sich — wie fast immer bei solchen Naturen — die Sage bald seiner bemächtigt, und der Volksmuiü) wußte sofort allerlei abenteuerlich ausgeschmückte Wunderthaten von ihm zn erzählen. Er selbst that nicht nur nichts, um dem Glauben entgegenzutreten, er hatthn vielmehr vielfach befördert. Selbst die Tübinger Schule, sagt Dorner mit Recht, kann nicht umhin zuzugeben, daß Jesus durch seine Reden und sein Thun Anlaß zu dem Glauben an seine Gottessohnjchaft muß gegeben haben. *) Daß dieses Gleichniß nicht auf die Jünger, sondern auf das Bolk sich deziehen soll, hat Südemann ״Studien" S. SS ff. überzeugend nochaewiesen. - **) Ich kann nicht mit Strauß diese Forderung als etwas Widernatürliches, als eine Brandmarkung menschl. Empfindungen erkennen. Lllerdings will die Religion auch das böse Sinnen des Herzens tilgen, die Gesinnung reinigen.