Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 15. (12.4.1877)
- Date
- 1877-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5367336-6488232-8754598--0724-4854222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
\M 15. Das V]1. Jahrgang. Zur Beleuchtung ,Uer Judenth>nn u. Jude» derreffeadeu tilerarische» Srscheinungen «uf de» LeditU derPHUosaphir.Leschicht»,^uvgrapI>i«,Etzeologik, Arirntati«, «xegesr, Hmntlcttk, LUUrgtk, piiagogik. Herausgegeben von Rabbiner vr. Moritz Rahmer. Magdeburg, IS. April l8?^. Bücher der eiuschUigii«» Literatur, welche der Red de» ״Jüd. Kiteraturdlqtt" i» MckKdedur^ («der der,L«r»rt. Wichcnschr.- in Stettin) suzesandl »erden, finden in diese» Dtnttr rin- . gehende Besprechung. Das ״Jüv. Literaturblatt" erscheint wöchentlich einmal: Preis pro Jahrgang 8 Mark, mit der ״Israelitische» Wochenschrift": 10 Marl. K, beziehen durch alle Buchhandlungen sin Leipzig durch Robert Friese), oder durch direct« Bestellung bei der Expedition der ״JsraetitischeV Wochenschrist" in Magdeburg. — Inserat« werden mit 20 Pf. sür die dreigespaltene Petitjeile berechnet. Inhalt.!Kurz« Abhandlungen: Der Stifter des Christenthums in seiner 1 neuesten Biographie. Bon Dr. I. S. Bloch. Warum sollen unsere Bettr« von Nord nach Süd stehen? ^Literaturbericht: Aus der Petersburger Bibliothek. — Nachträg, liches zu der Besprechung der Bernays'schen Schrift über Philon'S Hgpothetica. I Bibliograph ie.!Literarische Anzeigen. jDer Stifter des Ehristenth«mS in feiner neuesten Biographie.*) Von vr. I. S. Bloch. Schenkel in seinem Charakterbilde Jesu S. 102 hat es I bereits ausgesprochen: ein leidender Messias ist eine den In-- den in sich selbst widerspruchsvolle Vorstellung gewesen. Das!A. T. kenne sie nicht, ebensowenig findet sie sich in den spä-! irren talm. und rabb. Schriften. Schenkel glaubte letzteres wohl kt priori annehmen zu dürfen. Und mit vollem Recht. D«r christl. Messiasbegrisf. wie er namentlich in der NT.liche» Literatur ausgebildet worden, hat gar keinen Verbindung-- faden mit ATlichen Anschauungen, konnte ihn auch nicht I haben. Er ist jünger als da- Christenthum, will man dieses ' mit dem ersten Auftreten Jesu anfangen. Die Idee, Gott mit der Menschheit — durch ein Menschenopfer — zu versöhnen, | ist durchaus antihebräisch. Daß jegliches Menschenopfer, in welcher Erscheinung es immer sei, unstatthaft, wird in der hebr. Literatur tausendfach eingescharft und ist schon dem Stammvater der Hebräer t h a t s ä ch l i ch zur Anschauung gebracht worden. Siebt die jüngere Midraschliteratur an vereinzelten Stel-! len den Messias auch einen gewissen leidenden Bemf, so ist das entschieden, was der Verf. des unten angezeigten Werkes wohl kaum geahnt haben mag, ein christlicher Einfluß, der sich gellend gemacht hat. Ich habe es bereits anderweitig als de« großen Abstand des Islams vom Christenthum bezeichnet, daß der erste sich nicht befähigt zeigt. Außenstehende zu beeinflussen. Die geistigen Erzeugnisse der Juden z. B. in der arabischen Epoche zeigen keine Spur mahomedcmischer Ideen: wenn sich sremdes Wesen bei ihnen gellend machte, so war es der Hellenismus, dessen Bekanntschaft sie zum Theil den I Arabern verdankten. Anders das Christenthum. Dieses hat *) Der lebensfreudige Jesus d«r synopt. Evangelien im Gegensatz! zum leidenden Messias der Kirche, dargestellt von Dr. Aug. Wünsche. Leipzig, 3L Menzel 1876. S. 445. S. die spätere' jüd, Literatur, gar mannigfach beeinflußt und —' warum sollen wir die Wahrheit verschweigen? — der Einfluß war oft ein sehr ungesilnder. Als in einer späte« Periode das Judenthum in zwei Parteie« sich spaltete, in eine wiffmSfreundliche und eine dogmenstarre, hat die letztere wohl nicht blos zufällig ihre Anhänger fast ausschließlich in Gemeindet» gefunden, die in christl. Gegenden lebten. Es würde zu weit führen und ein ansehnllch beleibte- Buch umfassen, wollte ich auf die vielfachen christl. Elemente, die in unsere spätere Lit. eingedrungen sind, specialisirend eingehen; hier sollte blos hervorgehoben «erden, daß die SM» derungen des Messias, seiner Schmerzen und Wunden, E den christlichen Leidensfarben als solche anzusehen sind. Die christl. Dogmatik bÄmrf allerdings eines uusägtzch leidenden Messias, einer ״schmerzensreichen Loos kovao Se» statt", die den Beschauer mit Entsetzen aller Art erfüllt. Die Sünden der Menschen sind unendlich, der es unternimmt, fftt1 sie Alle zu büßen, damit dem erzürnten himmlischen Bat»' Gerechtigkeit wird, muß unendlich büßen. Für so viel« Msu» schensünden ist ein Kreuzestod im Grunde noch zu wenig; darum werden ihm noch alle entsetzlichen Qualen, welch« er« schaurige krankhafte Phantasie nur ersinnen kann, deigegebelr und ein Leben, ausgestattet mit Niedrigkeit, Armseligkeit uni» einer ununterbrochenen Kette von Leiden und Schmerzen aller Art. Selbstverständlich müssen dann die grausamen Juden, z«» mal die mordsüchtigen Pharisäer, die Urheber dieses ״gSttkche» Elends" gewesen sein. Im Laus« der Jahrhunderte beeifertrn fWfr Pinsel und Meißel, Qualgestalten aller Art, mit blutigrothe« Augen, blauunterlaufenen Gesichtszügen als ״lebenswahr«" Götterbilder den gläubigen Gemüthern vorzusühre«. Sie waren freilich gegen alle Regel der idealen Kunst und des gute» Geschmacks. Für die Sünden und Grausamkeiten der Maler mußten fast immer die Juden büß^n, die, teuselSversessmen Juden, die den Herrgott — wie sollle ^as Volk daran zweifein? —•* so unmenschlich gemartert haben, wie es auf dem heiligen Bilde, naturtreu conterfeit, zu sehen war. In Ge genden, wo die Juden lange nzchr zu sehen waren, dachte man sie sich gar oft als Cannibalen an Gestalt und Gemüth ׳ — so konnte ein Shakespeare einen Shplok schaffen: wo sie weillen, nun da waren die Folgen erst recht traurig. ES gab nicht Scheiterhaufen genüg sür die, die den Herrgott nicht nur gekreuzigt, ihm auch sein kurzes Erd enwollen durch Quä