Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 16. (28.8.1872)
- Date
- 1872-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5367336-6488222-8751404--0187-4853797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
» 16. 1872. Israelitischen Wochenschrift Rr. 3S. Erscheint zweimal monallich ' als Gratisbeilage zur isroclilischcn Wochenschrift. Redigirt von Rabbiner Vr. M. Rahmrr in Magdeburg. Zu beziehen sür 1 Thlr. jährl. durchbie Expedition. Einzelnummern i 2 Sgr. Inhalt Wissenschaftliche Aufsätze: Die Darwinsche Theorie und die Religion. Fortsetzung). — Etymologisches. — Ipurnal-Revuer Die Israeliten von Salon ich!. Fostsetzung. — Aegyptologisches. — JüdischeLaubstunimen. — Literaturbericht» Zur AhaSversage. Bo» L. Wcyl. — Notiz. , . , -ii. Wissenschaftliche Aufsätze. Die Darwin'sche Theorie nnd die Deiigion.*) (Jortsetzung aus Nr. IÜ der ״Wochenschrift."-: Da ist erstens die theologische Ansicht zu ntnnen, der zufolge der Mensch gar nicht in die Kette der andern irdischen Wesen gehöre, nicht nur das Erste dem Range nach, sondern spccifisch etwas ganz Anderes als jene sei. Aber hie biblische Schöpfungsgeschichte sagt nur, daß der Mcnsch übch seine Mitgeschöpfe zu herrschen berufen sei, was Niemand bestfeiten kann, und die Talmudisten, die sich doch auch auf die Bib^l verstehen, sagen: ״warum istader Mensch am spätesten geschaffen'? Damit man, wenn er-sich überheben will, ihm «ntgegenhalten könne: die Mücke ist vor dir vorhanden gewesen!" Eine andere theologische Ansicht geht dahin, daß der erste Mensch, Adam, gleich der vollkommenste seines Geschlechts gewesen sei. Das steht denn freilich nicht nur mit! dem Darwinismus, sondern mir der -Lehre von der fortschreitenden Entwickelung überhaupt in Widerspruch; aber die Bibel sagt nur, daß Adam rein, sündlos erschaffen, nicht daß er das Ideal aller Weisheit und Tugend gewesen sei. Ich berühre weiter die christliche Ansicht von einem Gottmenschcit, die Lehre, daß aus dem Menschengeschlechte Jemand hervorgetzangen, der zugleich Gott gewesen sei. Da ist es denn freilich eine Lasterung, zu lesen, daß Mensch und Thier gleichen Ursprungs, daß eines aus dem andern hcrvorgegangcn sei, der Mensch muß dann vom Urbeginn an spccifisch etwas-Anderes gewesen sein, wenn ein Weib aus Adams Geschlecht Gott gebären sollte. Damit habe ich nichts zu thun. — Wiederum ist es eine theologische Ansicht, daß die Seele des Menschen etwas ganz Anderes als die der Thiere sei. Mau glaubt das Thier recht tief stellen zu müssen, um den Menschen zu erheben. Daher glauben dann andere Leute, die Theologen rechts ärgern zu können, wenn sie ihnen Beispiele von Verstand, Ueberlegung, Intelligenz der Thiere entgcgtnhalten. Nun, im Mittelalter haben Scholastiker auch darüber gestritten, ob die Frau eine Seele habe, und" manche haben es in Abrede gestellt — das soll doch wohl nicht Religion sein?! Die Bibel! sagt aber, daß auch Gott den Thieren eine Seele gegeben, es heißt da nur: ״er machte uns verständiger als die Thiere des Feldes ■ *) Die Leser der ״Wochenschrift" erhalten im Obigen, den — nicht durch Verschulden der Redaction — sehr verspäteten SchlUß des Im 1. und 2. Quartal (bis Nr. 18> als ״Feuillewn" abgedruckten Vortrages. Den später 'hinzugetretenen Abonnenten bemerken wir, daß diese sporadisch erschienene Abhandlung-nächsten» al» besondere Brochürr erscheinen wird. -1 (Red.) und klüger als die Vögel des Himmels." Und die Talmudisten sprechen oder fabeln v^>n der Sprache, einer verständigen: Sprache, der Vögel; sie haben also. jedenfalls nicht geglaubt,, daß es gegen die Dogmatik sei, Thieren Verstand zuzuschreibe». Daß jedoch die menschliche Intelligenz höher stehe als der: Verstand der Thiere, daß braucht nicht erst erwiesen zu werden.; Darwin bestreike! es sicherlich nicht, sein eigenes Denken zeugt davon; kein Thier hat je Schöpfungstheorien aufgestellt, nicht ׳ Zsur soviel wir wissen, sondern überhaupt. Nach der entgegen^ . :'gesetzten Seite betont dann wieder die heilige Schrift, daß der. j ^Mensch nur Staub und daß sein Vorzug vor den Thiere»! »gM sei; txotzdlsm Ist er so doch gestellt. Denn zwischen diHm! Gegensätzen bewegt sich die Religion, sie fordert einerseits Menschen zur Demuth auf fmd will ihm andrerseits mft dem Bewußtsein der Menschenwürde, seines Berufes und seiner ,Pflicht erftillen. | . So komme ich nun zü dem letzten und für meinen! Zweck erheblichsten Theile meines Vortrages, zu dem Verhäftniß der Darwin'schen Theorie zur Religion selbst, d. H. zu ׳ den wesentlichen Lehren derselben. Welches find diese Keru-! lehren? Erstens die Lehre von dem Dasein Gottes. Für die Naturwissenschaft ist diese Lehre eine Hypothese zur Erklärung der Entstehung, »er Einrichtung und Ordnung der Welt. Da die Religion bc ׳eitwillig zugiebt, daß das Dasein Gottes nicht in machematisä er Weise bewiesen werden kann, daß wir vielmehr das Wesen Gottes nicht mit unserem BerD stände zu fassen und zu defmren vermögen, so sind die beidm Gebiete wiederum geschndeit. Zweitens die Lehre vor der Einheit Gottes. Diese.bedeutet, in Beziehung auf di! Natur und die Naturwissenschaft, daß e i n Plan der Einricht rng des Weltalls zu Grunde liegt und sich durch die ganze biente und scheinbar regellose Mannigfaltigkeit her Wesen hiudurchzieht. Wenn die biblische Schöpfungsgeschichte (wie ich ftüher. erwähnt habe) scharf! betont, daß jedes Dingnach seiner Art geschaffen sei, so will sie damit eben auf d e einheitliche Zweckmäßigkeit aller Organismen Hinweisen; jed: Gattung zweckmäßig eingerichtet für ihre Lebensweise und Sestimmung, und alle zusammm an- und hineingepaßt für v nd in den Gesammtplan des Universums. Viele Theologen!ind dabei nur in den Fehler verfallen, daß sie den Menschen als^Endzweck angenommen! haben, als ob alles nur za unserm Nutzen erschaffen uud, eingerichtet sei; sie haben de:»zufolge eine Zweckmäßigkeitslehre,!' 1