Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 12. (3.7.1872)
- Date
- 1872-07-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I zur Israelitischen Wochenschrift Rr. 27. (frscheim zweimal monallich RcdigiN von Lu beziehen für 1 Thlr. jährl. als Gratisbeilage , Rabbiner vr. L,. «ahmer in Magdeburg.; durch di-Expedition, zur israelitifchen Wochenschrift.! (Einzelnummern ä 2 Sgr. ־ — ---—— ----—-1------—r- Inhalt Wiffenschastlicbe Aufsätzer Die Freiheit! und das Judenlhum. — Beleuchtung einer Gebetstelle. — Journal» Xevuer <5jn Blick auf dem Orient. Literaturbericht: Deutsch, M. Vorbcterschule. — Neustadt Dr. P. Gottes- und Unsterblich- , keitslchrc. — Briefkasten.! ’ c Wissenschaftliche Aufsätze. Die Freiheit und das Iudenthum. In dem vor einiger Zeit erschienenen Werke deg geistvollen Ungarn Asböth über die ״Freihe.it" finden sich auch einige Kapitel, die das Verhältnis des Judeiilhnins zur Eni- Wickelung der Freiheit, den Einfluß desselben aus die Föridcrung des Individualismus mit einer in derartigen Werken niA"' allzuoft anzutrefsenden geschichtlichen Unbefangenheit in so richtiger und anerkennender Weise behanoekfi daß ivir Unseren Lesern einen Auszug aus jenem Theile des Werkes — da wir des Ungarischen unkundig, nach den im ״Pest. Lloyds" mitgetheilten Proben — im Folgenden zu bieten für geigstet und der Tendenz unseres Blattes entsprechend halten. Nachdem der Verfasser den Einfluß der physische» Vcrhältnisse auf die Entwickelung der Freiheit und das!Wesen derselben untersucht, ihre Theorie auf physiologische Gesetze zurückgeführl und nachgewiesen hat, daß die Cntwickeluisg des Individualismus der Weg zur Freiheit ist, führt er im!dritten Buche, mit einem eingehenden Nachweise auch der Ursachen, den Beweis, daß die antike Wekt, ungünstig dem Individualismus, das Individuum als solches stets und überall unterdrückt habe. Hierin findet der Verfasser die Erklärung dessen, daß jene Prizipien der Freiheit, die tief in der Menschennatur begründet sind, immer mehr zn verschwinden scheinen, je mehr sich die sonst so glanzende griechisch-römische!Civilisarion entwickelt: mit drückender Schwere lastet das Gemeinwesen auf dem individuellen Leben, seine freie Entwickelung hemmend, die Geister unerbittlich einseitig drängend, jede gute Kraft für die eigenen Zwecke absorbirend, jedes von diesen abweichende Streben lähmend, in seinem Keime erstickend; so gelangte der griechisch-römischen Welt stolzes Gebäude zum Sinken auf der Höhe seines Glanzes und seiner Macht, und wenn keine neue Idee die in ihrem Innersten angefaulte Gesellschaft neu belebt, ist die Eivisilation selbst, und alle ihre Etrungenschasten gefährdet' Nichts kann die Stetigkeit der Entwickelung garantiren — sagtder Verfasser — denn die Freiheit. Die neue Idee, die die faulende Civilisation regenerirte, war die Individualitäts-Idee, die, Idee vom Werthe, vom Gewicht des Individuums, von der Berechtigung des Individuellen gegenüber dem antiken Prinzipe des ״salus reiptjblicae 8uprema lex esto." ,« Diese neue Idee, sic kam — durch Vermittelung des Christenhums — aus dem Iudenthume; so wie in der antiken Welt Alles zur Unterdrückung, so war im Iüdenchume Alles zur Förderung des Individualismus angelegt,, von aller Anfang her bis zu jener hohen Stufe, wo die Individualitäts-Idee schon in ihrer ganzen Reinheit qrkannt wird in Rabbi Hillel's erhabener Lehre: ״thue nicht Deinem Nächsten, was Du nicht willst, ■ daß Dir selbst geschehe".; ' ■ י ״Wahrlich" — bemerkt Ashöth —״ dir welthistoriche- Bedeutung des Iudenthums!istbis zum heutigen Tage nicht in ihrer wahren Größ!e erkannt. Wenn die grie-' chische Welt die Größe des Geistes, die römische die Grpße der That, so ist die jüdische die!Größe der Moral und keines ist geringer, denn -das andere; zur Stettgkeit de^ Entwickelstng des Menschengeschlechtes mußtest sich die Drei finden, denn in seiner Sonderexistenz erreichst jedes alsbald jenen Punkt der Stagnation, den die Weltgeschichte so handgreiflich bezeichntet; ein Jedes, insoferne es abgeschlossen und für sich seine Existenz aufrecht erhaiten/wollle, verschwand aus der Geschichte, und ein Jedes konnte sich nur in jenen seiner Elemente erhalten und weiter entwickeln, die sich zu vereinen wußten mit ebensolchen Elementen der beiden Anderen." Indem der Verfasser nunmehr die Aufgabe, die orgo. nische Entwickelung! des Individualismus im Iudenthume uachzuweisen, herantritt, untersucht er als ersten, die - Sonderstellung des jüdischen Volkes begründenden großen Zug, den Monotheismus; der Gott des Monotheismus, an sich das absolute Individuum, die Personifikation gleichsam der Individualitäts-Idee, fördert schön hiedurch das instinktive Gefühl vom Gewichte des Jndsviduums; alles Gewicht in sich ^konzentrirend, bringt er daß Gewicht des Iudioiduums mächtig zur Erscheinung, wenngleich vorerst» nur bezüglich des absoluten Individuüms; wenn eß aber auch gleich wahr ist, daß neben ihm jede andere Individualität zusammenschrumpft/ darf nicht vergessen werden, daß dieser Gott ״den Menschen" — oder was dem Verfasser gl ächbedeutcnd ist, der Mensch diesen Gott — ,^rach seinem Eb!nbilde schuf", unbi daß diese Aehnlichkeit, lebhaft, im Bewußt ein eines jeden Juden, unter dem Eindrücke des Gewichtes der absvlutekNJndividualität auch das Gefühl des Gewichtes der eigenen Individualität weckenmußte. Mindestens so viel scheu t dem Verfasser nicht einmaldes Beweises zu bedürfen, daß ier Monotheismus wenigstensdem Pantheismus gegenüber de: Individualirätsidee günstig sein mußte, und er findet hierii! und darin eine auffallende Aehnlichkeit, daß auch der dynastische Absoluttsmus und die Tyrannis der Erkentniß der individyellen Berechtigung günstiger ist, als der demokratische Absolutismus, wie er eben in der antiken Welt dominirte-