Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N°. 10 (29.5.1872)
- Date
- 1872-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Israelitischen W1 eben Erscheint zweimal monatlich als Gratisbeilage zur israelitischen Wochenschrift. Nedö - ^abbiner^r. M. Nr. 22. >mer in Magdeburg. Zu beziehen njr I Thlr. jährl. durch »,e «Hprditi»«. Einzelnummern » 2 8-r.. 1 w• י Inhalt. Wissenschaftliche Aufsätze; R. J^jua b. Chanansla. — Journal-Revue: Joseph HalLvy'S Reise in Srabi«. - Ueber die Judenverfolgungen im Orient. — tfiteraturberiehs; Büdinger, Leitfaden: beim Religionsunterricht.' Zunz, die Monat» tage rc. 3t. — Notizen. Briefkasten Wissenschaftliche Aussätze. tt. 3üfna b. Lliananja. | R. Iosua ben Ehananja, ein Levile, wurde in Jerusalem etwa um dje Regierungszeit Agrippa II. geboreb. — Seine Mutter soll ihn in der Wiege schon in's Lehrhaus getragen haben, ״damit der belebende Geist der Lehre ihn anhauche", wie denn überhaupt die Mutter der jüdischen Weisen aus deren Bildungsgang und Berufswahl einen so wohlthätigen Einfluß aus übten, dag ein Lehrer zu ihrem Ruhme behauptete ״man finde nur religiöse Wissenschaft bei dem, der eine gute mütterliche Erziehung genossen." — Jn sturm bewegter Zeit, da düster! s Gewölk sich über Judäa zusammen"zog, trat Iosua in die zat!reich besuchte Akademie des N. Jochanan b. Saccai ein, eines׳ würdigen Schülers jenes durch Bescheidenheit und Friedersliebe sprachwörtlich geworbenen Hillel. -ד- Als hie Belagerung Jerusalems, die hereinbrechende Anarchie, seinen Lehrer bedaci t sein ließen, der gefährdeten Lehre eine neue, sichere Stätte ztt gründen, da unternahm es in todesmuthiger Lebensverachtung des treu anhängliche N. Iosua mit seinem Gefährten Elieser, von einem Zelotenführer unterstützt, seinen Meister in einem Sarge hurch die wohlbewachten Thore zu schaffen. — Noch zügeln die! Flammen am herrlichen Tempelbau, noch liegt Judäa in letztem Todeszuckrn, und schon ersteht aus Trümmern und Asche verjüngt und lebenskräftig der jüdische Geist im Lchrhause, in einem zauberschnell errichtetem Heiligthume, das,-an kein Land^und feinen Ort gebunden, von nun ab der Mittelpunkt raftlosen,/ jüdischen Strcbens wird. Jämnia, eine kleine der Meeresküsteftiabe gelegene Stadt wird von R. Jochanan zu seinem Wirkungskreise auserlesen, bald tritt es in religiöser Beziehung an die Stelle pon Jerusalem, wird Sitz des Synhedrion und Sammelpunkt der flüchtigen Jünger. — Hier finden wir auch N. Iosua wieder, wie er mit Lehrer und Gefährten den Verlust der Sühnestätte! betrauert und zu einem neuen Leben durch den schönen Trost seines Meisters erstarkt, ״daß Mildthätigkeit die Opfer ersetze, dünn so heiße es in der h. Schrift, an Mildthätigkeit und nicht an Opfern habe ich Wohlgefallen." — Nach dem Tode des N. Jdchanan gründete er unter dem Patriarchat Gamaliels ll. ein eigenes Lehrhaus JU Bekiin und widmete seine Zeit zum Therl einer großen um ihn sich sHaarenden Schülerzahl, zum Theil dein Nadlerhandwerk, das ihn nur ärmlich und kümmerlich ernährte. Es wäre gewiß dem allseitig hochgeachteten Manne ein Leichtes gewesen, seine gedrückte Lage zu ändern, wenn er nur Anderer Hülse habe in Anspruch nehmen wollen. Doch die Lehre — und ihr verdankte <w ja zu meist seine Stellung — ״sollte nicht zum Spaten dienen, um nach Schätzen zu graben", der Gelehrte wollte ganz!unabhängig von seinem Wirkungskreise und seiner Umgebung, »leiben,- um desto bewußter für seine Ansicht einstehn zu können,!und wir begreifen sehr wohl den von^der Anschauung jener Zeit abweichenden Ausspruch des N. Iosua: ״Ter (arme) Gelehrte, welcher Morgens und Abends mehrere Gesetzesabschnitte lerne, .bie übrige Zeit aber auf seihen Erwerb verwende, übe die ganje 4,'ehre". — Doch fü;• sich hatte R. Iosua wahrlich nicht biefotj Grundsatz ausgestellt Den» trotz schwerer Nahrungssorgen und fleißigen Gcsetzesstuiiums siand er immer noch Muße, sich dek ' Wissenschaften zu wi >men.!Er kannte eben nicht, wie überhaupt I alle erleuchteten, jüdischen ^Geister, tiefdtirchdrungen' und fest! überzeugt von der Wahrhezt seines Glyubens, jene feige, gar oft dem Zweifel entspringende Furcht, das״ Wissen könne den. 1 Glauben vergifte». — Ir d^r Naturwissenschaft nicht uners> J'i um, wohlbewandert in dergriechischen Sprache» brachte er in, der Astronomie z,u euer gewissen Vhlleuduu^.^ Scht^er^ - doch, was keinem Gelehrten des AlterthumS bekannt war, benl^ Lauf eines Kometen berechnet zu haben. — Im Begriffe nämlich mit R. Gamaliel eine See:eise zu unternehmen; versah er sich - mit mehr Mundvorrath als es dem Patriarchen nothwendig erschien. Da bemerkte ihm osua, daß alle VO Jahre ein Kämet! erscheine, welcher die Schiffer rrreleite, und da jetzt die Zeit nahe» sei es leicht möglich, daß sie auf hoher See umherirten. ES war der Halley'schc Komet, der etzt 76 Jahre 8 Monate zu seinem Laufe braucht und in der That seine Bahn zwischen die Räder des großen Bären hin nimmt, jener Sternengruppe, die^ be-.. kanntlich den Schiffern al° Leiter dieyte?— Als R. Gamaliel s! sich itt Lobeserhebungen über das umfangreiche Wissen seine- 1 Gefährten erging, da wies ihn R. Iosua bescheiden ab. und^ empfahl ihm zwei seiner Schüler, welche im Stand« sein könnten; - den Kubikinhalt des Meeres zu berechnen und doch kaum'ihr täglich Brot hätten. — All Tugenden der Armuth, alle Vorzüge der Weisheit waren in R. Iosua vereint. Seinen trefflichem ihn so ganz kennzeichnenden Sentenzen getreu, ״vor Allem wähle sich der Mensch einen trruoi Freund, und Nichts vergälle mehr das Lebensglück als Menschenhaß", war er gesellig, freundlich und zuvorkommend,ן mild 1 nd zart in der Beurtheikmg menschlicher Schwächen und Fehler. — ״Einst, so erzählt er in seiner schlichten, herzgewinnenden Weise, wollte ich in eine mir utlbr» kannte Stadt und fragte mich zum Zie.e führe. einen kleinen Knaben, welcher Weg Dieser hier, erwiederle er mir, ist kurz und läng, jenier dort lang und kurz." Ich wählte de» kurz und langen; und daum und fand noch immes ich schon ganz wahe der Stadt war; versperrten Wein- Und Ba amgärten mir den Weg. Ich kehrte den Knaben an seinem Platz« sitzen, - der verstohlen lächelnd niich anblickte. Als ich ihm mm Bor-