Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- No. 9 (15.5.1872)
- Date
- 1872-05-15
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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bei ittabt« weiteren LebenSgang so bedeutungsvollen Schritt thun. ׳Heben sie nun den Entschluß gefaßt, dann ist es ihre unab- »e sliche Pflicht, dafür zu sorgen, daß das Kind sich mit den in der Schule gelehrten Anschauungen nicht fremd fühle im elterlichen Hause, daß es seine Angehörigen nicht Dinge verrichten seh-, die' mit den Lehren der Schule unvereinbar sind" — ist zwar ein sehr' Wohlgemeinter, dürfte aber doch nur ein ״ftommer Wunsch" bkc ben. Da bleibt nichts anderes übrig, als daß sich die Reli-- giorsschule ohne Rücksicht auf das Haus einzurichten sucht und ihr« Hang für sich geht, ohne zu ermüde». Wie auf sittlichem Gebiete der Lehrer das ״du sollst nichPlügen, nicht stehlen, nie st falsch schwören" um so nachdrücklicher betonen wird, wenn er weiß, daß er « seiner Schule viele Kinder aus solchen Häusern ha!, in denen diese Laster sich eingebürgert haben, desto schärfer' nu ß der Religionslehrer von heute das ״du sollst den Sabbath heuigen, die Feiertage halten u. s. w." hervorheben und es mit S ganzen Macht seines Wortes und seines Gnflustes den Kinir einschärfen, damit diese zunächst wissen lernen, was die igion von ihnen fordert. Wirksame Abhülfe ist allerdings nur durch Gründung einer jüdischen Elementar- »der gar Realschule zu erreichen, was der Direclor der Anstalt, wie aus dessen Vorwort ersichtlich, anzustreben bemüht ist. — Was eine Religionsschule auch nur mit 6 wöchentlichen Stunden für jede Klasie bei eiftigen Sieben der Lehrer zu leisttn vermag, ersieht man aus dem B rzeichniß der durchgenomnienen Pensa. In sehr beredeten Worten weist der Dirigent der Friedrichsstädtischen israel. Rrligionsschule, Herr Dr. Landsberger, darauf hi r,.daß wenn es bester werden solle um das ״jüdische Haus" ei le größere Sorgfalt auf die religiöse Erziehung des weiblichen E eschlcchtS verwendet werden müsse, denn ״die Tochter Israels isi die künftige Trägerin des Judenthums." Dieses an die Spitze fe nrü Programmes gestellte ״geflügelte Wort" hat der Herr Vers, m n Ilnem Hochgestellen nichtjüdischen, preußischen Schulniann verm mmen, der als inspicirender Schulrath in den höheren Töchtr schulen Berliu's sich von der bis zur Naivetät grenzenden Unw stenheit der jäd. Schülerinnen in den Objecten aller Religionsw ffenschasten überzeugt hatte. Möge der Mahnruf des Vers.'S i» dem großen Berlin nicht wie eine ״Stimme des Predigers in de r Wüste" verhallen. Von dm folgenden Programmarbciten verdienen die des H. R»bb. Dr. Buchholz: ״der Geschichtsunterricht in der Religionsft!ule" und' die sub 7 aufgeführte des Predigers H. Dr. Neustadt ei ic eingehendere Besprechung. Ersterer sucht folgmde zwei Fragen: 1» Was ist von dem in der Bibel Erzählten״ nothwendiger, so zi sagen obligatorischer, resp. geeigneter Unterrichtsstoff? 2) Welches if die geeignete Form für die Mittheilung dieses Unterrichtsst >ffes? zu erhärten. Wir gestehen offm, ■ daß uns die erste F »ge recht sehr'ftappirt hat,' weil uns sich sofort die Gegenftage aufdi ängte: Was von dem in der Bibel Erzählten — höchstens mit - aSschluß der schon von der Mischnä als zur öffentlichen Mittl eilung nicht geeignetm wenigen Stellm — wäre nicht notha endiger Unterrichtsstoff? Soll auch, schon die biblische Geschichte mt ich ״Auszüge" in der Religionsschule gelehrt werden? Sollen d e Schüler, die ja schon längst nicht mehr dazukommen, die v!llstäudige Bibel im Urtert durchzunehmen, dm ganzm vollen I «halt derselben nicht einmal mehr durch de» biblischen Geschichts- »tterricht erfahrm? Darum befriedigt uns die Antwort dK H. Eerf.'s nicht, die er auf dü'ft Frage wie folgt giebt: Es gehört" « dm Unterricht der biblischen Geschichte: 1) Dasjenige Nationalg schichtliche, welches die Entstehung und den Beruf des israeliti chm Volkes, jowiedas Bedingtsein des nationalsn Glückes von" dr ^ireue gegen Gott und des Unglücks vom Abfall von Gott, zi zeigen geeignet ist. 2) Dasjenige Biographische, das zur F ömmigkeit, Tugend und Sittlichkeit anzuspornen vermag. Der Vers? selbst sagt (s. k.), daß von diesem Gesichtspunkte ausgehend, dir Lehrer leicht Vieles in den Erzahlngen der Bibel sinden w nde, das nicht in den Untericht gehört. Er bezeichnet beispielsw nse als solchm ungeeignetm Unterrichtsstoff die Geschichte der R ichter, die ,,mit Ausnahme etwa der Schandthat und das Ende A rimelechs, sowie des^nsinnlgen Gelübdes Jephta's keinen pädag< gischen Werth habe"' Wie? Sollte der Herr Rabbiner an T ebora, Gideon, Simson nicht gedacht haben? Wer wollte de» Satz unterschreiben, "daß dieft biblischen Erzählungen keines ״pädagogischen Werth" haben. Und Eli? Und Samuel?! Jedenfalls scheint der H. Vers, hier um vorsichtiger Weise über das von ihm selbst gesteckte Ziel hinäusgcschosten zu haben. Dagegen stimme» wir seiner Beantwortung der 2. Frage (in Bezug aus die Umerrichtsform) im Ganzen zu; sie lautet:-,,1) Für das Nationalgeschichtliche möglichst objektive Anlehnung an die Erzählung der Schrift, insofern dieselbe (früher erwähnten) Bedingungen entspricht: für das Biographische hingegen größere Selbst-' ständigkeit ' in der dem^ Geiste, der Schrift entsprechenden Erklärung des Lehrers. 2) .In beiden Theilen ist jedoch jede auch die geringste Abweichung vom Inhalt des Schristtertes auf's Strengste zu verineiden. 3) Darstellungsform und Sprache der Schrift find nur da beizuhaltendwü si? durch Kürze sich auszeichnen, welche letztere überhaupt stets zu erstreben ist. 4) Sclavisches Auswendigfernen ist nicht zu empfehlen." Wir möchten zu Punkt 4 hinzufügen, ״mit Ausnahme mancher kurzen, directen Fragen, Antworten oder Reden." Was der H. Verf. über den Werth und die Methode des Unterrichts in der ״jüdischen Geschichte" sagt, dürste jedem jüdischen Schulmanne aus dem Herzen gesprachen sein. Die wissenschaftliche Abhandlung des H. Dr. Neustadt besprechen wir in einer der nächsten NNr. der ״liter. Beilage." Notiz. Im neuesten Hefte der ״geographischen Mittheilungen" liefen Petcrmann näheren Bericht über Mauch's Entdeckung der Ruinen und der Alluvial-Goldfelder in Südafrika und sucht gleichzeitig nachzuweisen, daß Kiepert's Behauptung, Ophir liege in Indien, nicht begründet sei. ״Abgesehen davon, sagt Petermanu, daß Crawford, ein ebenso gelehrter Kenner Indien als Lasten, die Beweiskraft der sprachlichen Gründe des Letztern sehr in Frage gestellt und angenommen hat, daß kein Schein einer Möglichkeit vorhanden sei, Ophir in irgend einen Thcil Indiens zu vcrlegm — können die Laffen'schen Gründe auch überhaupt nur dann von Gewicht sein, wenn man sich zu dem sehr eigenthümlichen Verfahren Hinreißen läßt, den Bibeltert willkührlich zu ändern und Tarschisch mit Ophir zusammen zu werfen .... Auch unser großer Meister Earl Ritter suchte Ophir schon in Indien, aber er war ehrlich genug, schließlich einzugestehcn, daß alle unsere Kenntniß nicht genüge, um zuj einem vollständig sicheren und befriedigenden Resultate zu führen, und daß man den Fehler nicht beim Chronisten der Bibel, sondern bester in unserer eigenen Unwissenheit suchen müsse." — Jedenfals sind die von Mauch entdeckten wirklichen Ruinen und das wirkliche Alluvialgold, ferner die wirklichen Edelsteine und das wirkliche Elfendein jener Länder gewiß vielmehr der Beachtung werth, als irgend welche sprachliche Verwandtschaftlichkeit indischer Namen für ,Affen, Pfauen und dergleichen." Anzeige neuer Aücher. Aoscuthal M. Bet Jacob, Eompendium unserer Ritualien. Berlin 1872. '־ Krank Dr. Rabb. Rede zu? Einweihuwgsfeier des neuen israel. Tempels in Saa'z. Saaz 1872. Schwarz Dr. I. Rede zur Einweihung der neuen Synagoge in Sslingen. Cöln 1872. Htahmer Dr. M. Worte der Trauer und des Trostes ain Grabe eines SchülerS. Magdeburg 1872. Zunz Dr. L. s)ie Monatstage des Kalenderjahres, ein Audenken an Hingeschiedene. Berlin 1872. Aendit R. Hebräisches Vocabularium für jüdische Schulen (Anhang: Leseübung än der rabbin. Schrift). Frankfurt a. Ml 1872. ., Druck und Perlag der Hoibuchbruckcrei von Carl Ffiese in Magdeburg.