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Das jüdische Literaturblatt · 1872-04-03 · N° 7. (3.4.1872) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 7. (3.4.1872)
Date
1872-04-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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R° 7. A ' 1872 zur Israelitische« Akochenschjeift Rr.1L Erjchrinl zweimal monatlich! / Redigirt von I Zu beziehen für l THIr. jährl. Erjchrinl zweiinal monatlich als Gratisbeilage zur israelitischen Wochenschrift. Rabbltter l)r. LI. Lahmer in Magdeburg Zu beziehen für l THIr. jährl. durch die Expedition. Oinzrlnummeni a 2 Sgr. g* Inhalt. Wiffeuschaftliche Aufsätzer tst. Asarja Figü und feine Predigtsammlung.. ״Bina le-Ittim.“ (Forts.) — Et»« eregetische Bemerkung — Journal-Revuet Theodor Goldstücker. Der moabitischelJnfchriftstein — gefälscht. Die Juden in Ungarn. — Notizen. — Bücheranzrigr. 's L. .ÄfQrjn Figo und seine Predigtsammlung ״lliaa I6-Ittiw." (Forijekung.) Gehen wir nun auf den eigentlichen Inhalt der Predigten Figo's über, so ist die Tendenz derselben stets auf die Perbesserung des sittlichen Zustandes seiner Zuhörer gerichtet. — Da er zu diesem Zwecke die herrschendeu Laster mit kühnem Freimuth schonungslos aufdeckt, so entrollen seine Predigten ein Bild der Eultur und sittlichen Zustände! in der damaligen Portugicsengemeinde zu Venedig, die wohl als Prototyp dieser Gemeinde überhaupt angesehen iverden darf. Der blühende venetianische Handel halte auch in das dortige Ghetto! bedeutende Neichthümer gebrächt. Denn wenn cs auch den Juden im Allgemeinen nicht gestattet war, auf demselben Wege wie ihre nichtjüdischen Mitbürger, als Kaufleute sich zu bereichern, so wußten die Vicljgewandten, in der Schule der Noth Gebildeten auf andere ÄZcise sich zu eNt-' schädigen. Geldgeschäfte bildeten den Haupterwerbszweig der Neichen. Diese Einseitigkeit und Beschränktheit der Erwerbsmittel erzeugte jedoch eine geschärfte Eoncmstenz und in Folge dessen Brodneid, Haß und Feindschaft. ' Die gegenseitige Erbittcrung muß einen hohen Grad erreicht haben, wenn unser Prediger ihnen zuruft: .,Es hat in unsertr Mitte überhand genommen ein fest im Herzen wurzelnder! Haß Eines gegen den Andern, so daß fienicht friedlich dut einander reden können, nur Böses sinnen den ganzen Tag iß Zank und Streit, Neid, Haß und Mißgunst! Verloren ist die Liebe, vertilgt aus ihrem Munde! . . . Za^ es giebr Leute unter uns, deren Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet ift, |Slnbtfrn zu schaden, wie der bitterste Feind demjenigen, den er!haßt, dessen Perderben er wünscht."') — Dabei begnügtest sie sich nicht damit, an nichtjüdischcn Geldbedürfligen sich zu bereichern, sondern erstreckten ihr Geschäft auch auf die eigene», Lärmern Glaubensgenossen, denen sie durch hohe Linsen, die!sie auf industriöse Weise einzutreiben verstanden, das Blut aussaugien. ׳) Sie wohnten in de» Häusern derselben auf welche sie ihnen Geld geliehen, ohne Mielhe, oder vcrmielhelen sic sogar an Andere, bis sie ihr Darlehen zuxückerhiclt^n.s)!Dabei kümmerten sic sich wenig um das bihlische Verbot der Zinsnahine oder suchten cs durch allerlei Ksinststückchen zu stingehen. *) Denn fie brauchen in der Thal viel Geld zur!Befriedigung ihres Luxushangcs, ihrer Vorliebe für Ueppigkeit und Schwelgerei, ihrer nobel» Passionen, »ist deren Willen sic zum Theil aus ihrer alten Heimath vertrieben worden uitd die sie in ihre ') Nr. 10, Thl. 1, S. 33. f. Auch Thl. 2H L. 42. *) Thl. 1, S. 33 b, Nr. 10. ') Das. ‘)ן Das. .neuen Wohnsitze mit hinübergebracht. — Obgleich ihnen Doge und Rath von Venedig cnonne Summen als Abgaben auftrlegten, obgleich auch außergewöhnliche Eontribitionen ihr Vermögen decimirtcn, *) obgleich ferner mannigfache Leiden flV heimsuchten, so ließen sie sich all dies nicht ansechten, sondern lebten so, daß man ihnen weder das ״Galut", noch die Unterdrückung, der sie unterworfen waren, irgendwie anmcrkte. י) Sie wohnten in reich eingerichteten Häusern, kleideten sich und ihre Kinder mit fürstlichem Aufwande-ünd führten eine luxuriöse Tafel. — Aber die Ueppigkeit beschränkte sich nicht auf die Cumulirung erlaubter Genüsse, sondern durchbrach auch alle Schranken der Sittlichkeit und Wohlanständigkeit. Unzucht und Buhlerei wurden öffentlich, ohne jegliche Scheu getrieben.') . Es mar damals Sitte, daß die jungen Frauen, am ersten Sabbath nach ihrer Verheirathung, im Gefolge ihrer Freunbinnen ins Gotteshaus gingen und von dort׳ nach dem Hause der Schwiegereltern sich begaben. Ein solcher Sabbath »är für die Rouo's des Ghetto ein Ereigniß. Sie waren stets, genau davon unterrichtet, wenn ein solcher ״Schulgang" stattfinden sollte und spaliermäßig ausgestellt, bildeten sie eine Gasse, um die jungen Schönen passiren zu lasten ״und starrten mit wahrhafter Gier auf den Glanz ihrer Schönheit und auf die Pracht ihrer Kleber..... o, daß die Sünde wcnigHens hierübernicht hinausginge, aber leider ist die Gottlosigkeit größer, die Frechheit hat bereits alle Schranken durchbrochen und vergreift sich an den strengsten und schwersten Verboten der Keuschheit und Sittlichkeit."'') Dieses Gebrechen der sefardischcn Juden machte unserem Prediger vielen Kummer und er benutzt jede Gelegenheit, sie darob zu strafen. Dagegen begegnen wir keiner Rüge über Verletzungen des Ceremonialgesetzes. Zn dieser Beziehung scheint die Gemeinde den gewiß nicht laxen Ansprüchen ihres Predigers entsprochen zu haben. Zwei tadelnde Bemerkungen desselben lassen jedoch erkennen, daß die Erziehung der Jugend keine streng religiöse war. — Die eine betrifft die Gleichgültigkeit gegenüber den vorgeschricbenen Scgeussprüchcn vor jedem Genusse. Es war etwas Alltägliches, daß man herantrat an den Laden eines Fruchthändlers und von seinen Früchten genoß, ohne daran zu denken, den vorgeschricbenen Segen zu sprechen. ״Mir'selbst ist es begegnet", erzählt Figo, ״daß ich gesehen, wie rin angesehenes Mitglied der Gemeinde seine Hand ausstreckte und eine Fruchtxaß, ohne den Legen zu sprechen. Da fragte ich ihn: Was tHust du da? und er antworte mir, '> S. Nr. 10. HU^üyunb sonst. י) Rr. 10 und 12. '} Nr. 48, Thl. 2, e. 43 a. >! Nr. 10, Thl. 1. 6. 33. Kr. 2V, S. 77 b. Nr. 48. ») Nr. 64, Thl. 2, S. 93. 94.

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