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Das jüdische Literaturblatt · 1872-03-20 · N° 6. (20.3.1872) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 6. (20.3.1872)
Date
1872-03-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Israelitischen Wochenschrift Rr.'LH'! Magdeburg, den 20. März 1872. Inhalt. gPifsenschaftliche Aufsätzer PSie geschehen Zei seine Predigtsainmlung. ״ttina te-lttim." (,f^rrs.) — Journ^-. Ringen im Gewände des Fanatismus. — sttteraturberichbr Kritik ei^er Kritik Duruy, un peuple sauvs par un Uvre. en und Wunder? Bon vr. A. Lewin. — R. Asarja Figo ^nb'^. r Unter allen die Giftigste. Die Parabel von den krrs -»-ch. LDissenschaftliche Aufsätze. ' . wie geschehen Zeichen und Wunder?*) Tie katholische Kirche feiert unzählige heilig«, welche ihre Sporen an den Juden sich verdient haben. Zwar tritt, in unserer Zeit das Betonen dieser Siege der asleiiiseligmachenden Kirche nicht allzudeutlich hervor. Aber, daß! dies nicht in einer Umwandlung der Sinnesrichtung jener Kreise, sondern nur in einer vorläufigen Nachgiebigkeit gegen diel Zeitströmung begründet ist, das zeigen nur allzudeutlich Borkommnisse, wie das Jubiläum einer sogenannten Hostienschä^dung vor einigen Jahren in Brüssel und der famose Hostiendiebstahl, der erst m den letzten Wochen in Posen durch ״feierliche» Gdttesdicnst" gesühnt wurde. ׳ Dem gegenüber wollen wirf nicht die Erinnerung an all das Elend und die Metzeleien! wachrufen, welche jener Wahnglauben über Israel gebracht hat.! Vielmehr wallen wir uns bestreben, den bunten Heiligenschein durch ruhige Kritik in seiner wahren Gestalt zu zeigest. Einen kleinen Beitrag sollen diese Zeilen liefern. Im Jahre 1412 war die Judengcißel Frvy Vincenz Ferrer, der als Heiliger ans 5. April verehrt wird- Um in der Hierarchie her Kirche zu einer solchen Mittlcrstelle zwischen Menschen und göttlichem Wesen zu gelangen — dazu gehören vor Allem lZzunder. Wunder, die der belebte wie der entseelte Körper eines solchen Mannes verrichtet haben soll! So hätte auch Ferrer sturch alles Wüthen gegen die Juden, durch Predigen und Selbstkasteiung nie in den Catalog der Heiligen gelangen können, svcnn nicht Mirakel durch ihn geschehen wären. Eine seiner hervorragendsten Leistungen auf diesem Gebiete ist folgende. Seit 1397 durchstreifte er als Bußprediger, mit der Gewalt! eines apostolischen Legaten von dem Gegenpapste Benedikt XIH. betraut, Frankreich, Italien, einen Theil von Deutschland und vor allem sein Geburtsland Spanien. Dort hatte schon 1391 eine von Priestern angcstiftete Judenverfolgung stattgehabt, in deren Folge erniedrigende Beschränkungen und Zwangstaufen von Jahr zu Jahr sich mehrten. Der heilige Bstßprediger verstand gar wohl weltliche Mittel seinen Zwecken dienstbar zu machen. Vom König Juän H. hatte er eine Verfügung erlangt, welche das Zusammenwohncn von Juden uud Christen untersagten und dem stolzest, gebildeten spanischen Inders das.Tragen eines Schandzxichens an der Mütze, und dem Mantel ankufahl. Nun erst begann Ferrer, den ״verdammten Juhen" i»e christliche Liebe mit erhöhtem Eifer und mit gewaltigem Erfolge zu predigen. Deniy jetzt erst war der süße Pöbel oben her * Die ׳ Daten nach Acta Sanctorum ad 5 Gil Gonzalez Theatro ecclesiastico, tratado manca t. I1L t. 13. S. 114. eil. S. 482. und la Iglesia de Salabelehrt worden, daß linde Zwaugsinittelchen gegen die angewendct nicht ungern gesehen würden. Im Jahre 1^11 unternahm er eine große Bekehrungsfahrt durch Caftilie», welche die Zahl d?r schon vorhandenen Scheinchristen stlaroiwps) mehr als verdreifachte — natürlich, wie das nur ad majore® dei gloriam geschah, so auch unter sichtbarer Einwirkstttg himmlischer Mächte. In Salamanca ließ Ferrer sich an eistkM Sabbathc während des Gottesdienstes in die Synagoge führen. Mit einem Kreuze in der Hand stürzte er unter die überf raschten Juden, predigte ihsten das Evangelium — und ob nicht die zeitliche Verhammniß schweres wog, als die vorgebliche ewige- — unlier dein Eindrücke des gewalttgen Mtrakcls, daß wählend der Predigt an den Kleid.ern aäler anwesenden Juden weiße Kreuze erschienen, trat k Gemeinde zuni slhristenthum über, sehr Viele erhielten der Synagoge bat Namen Vincenz und die GynazAhe in eine Kirche u ngewandelt. Wie läßt sch dieses Erscheinen der Kreuze erklären? Man könnte an ein ivenig Hocus^Pocus, ״Geschwindigkeit ist keine Hexers denken — aber das würde nicht überzeugen ustd wäre mich nicht! leicht׳ zu erklären. Nein, das Wunder ist da, ja es rstnoch größer, als man denkt, denn es besteht! dastk«. daß das Factum geglaubt worden ist, und noch gtglstubt wird, obschon kein Wörhcheü Wahres daran ist! Das Ganze entstammt nämlich einem mißverjtande»en Verjz^ den an zeitgenössischer Dichterling über die Umwandlung der Symtzöge zu Salamanca in eine Kirche gedichtet hat. Sein Gedicht! lautet: י' י Antiquum coluit vetus hoc Synagoga sacellam, At nunc est verae religioms sacrum. . Judaeo expulso, primus Yincentius istam I.ustraTit pura religione domum. Fulgens namque iubar subito descendit-Olympo, Cunctisque impressit pectbre Signa cruciB. Inde trahunt cive s Vincentii nomina multi, JCt templum hoc Verae dicitur inde Crucis. Bon aliersher alt Synagoge geweiht war dieses Heiligthum. l Doch jetzt ist eS geweiht der wahren Gottesverehrung. ׳ Vertrieben ward der Jude und zuerst weihete Vincenz '!. j Dieses Gebäude mit reinem Religionsgebrauche. "! Denn glänzmd stieg ein Strahlenmeer vom Himmel nieder; Allen drückt' es des Kreuzes Zeichen ein in die Brust Seitdem tragen als Bürger des Vincenz Namen so Viele Und dieser Tempel wird seildem Yeracru^ (wahre- Kreuz) genannt. Dieser Vers ״Ounotisgus etc." ״Und prägte Allen in hie Brust das Zeichen des Kreuzes" ist durch absichtliches oder unbeabsichttgtes Mißverstehen Quelle des Mirakels geword«. Man nahm wörtlich,! was eine poettsche Umschreibung für die Annahme der Taufe seitens eines großen Theiles der jüdischen! 1 1 ־ j •-Tt ׳

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