Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 717 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 717 eigenste Domäne der Herren, die auf dem Antisemitentage die Hauptrolle spielten, was schon daraus hervorgeht, Haß gegen diese Herren, insbesondere die Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg, Zimmermann, Jskraut u. s, w. recht unangenehme Gerichtserkenntnisse ergangen sind. -- lieber uns Juden ist rund und nett beschlossen morden: „Aufhebung der Gleichberechtigung der in Deutschland lebenden Juden und Stellung derselben unter ein besonderes Fremdenrecht, namentlich Ausschluß der Juden aus allen amtlichen und einflußreichen Stellungen, Aufstellung und dauernde Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Personen jüdischen Stammes, Verbot der Einwanderung fremder Inden, Schächtverbot, wissenschaftliche Prüfung der jüdischen Religionsvorschriften bezüglich ihres Inhaltes nnd ihrer Verbindlichkeit." Also vertrieben sollen wir nicht werden — Gott sei Dank; es giebt doch noch brave Seelen selbst unter Antisemiten. Wer hätte das geglaubt? Im übrigen hat der bekannte antisemitische Schriftsteller und Leipziger Antisemitenführer Moritz Wirth in seiner Broschüre gegen Liebermann v. Sonncnberg von antisemitischen Parteitagen folgende Skizze entworfen, die wir zu Nutz und Frommen unserer antisemitischen Leser hierhersetzen. Er schreibt: „Die Parteizusammenkünfte, auf denen wichtige Angelegenheiten der Partei beraten werden sollen, arten immer mehr zu bloßen Trinkfesten aus. Was bei diesem Znsammensitzen in's Endlose geredet wird, ist doch meistens nur Auskehricht. Hieran schlossen sich gütigst einige Stunden Beratung, während welcher die Kellner endloses Bier herbeischleppten, so daß der Stumpfsinn in der Versammlung immer größer wurde und man es schließlich allgemein als Erlösung begrüßte, als — der Kommers begann. Es ist hohe Zeit, daß solchem Uufuge ein Ende gemacht werde, sonst verbiert die Partei." (Siehe auch den besond. Art. in dieser Nr.) * Lehrerelend. Man schreibt uns: Diesem Thema könnte der „Jcschurun" eine ständige Rubrik zur Verfügung stellen, wenn die jüdischen Lehrer ihre berechtigten Klagen über die Willkür mancher Gemeinden der Oeffentlichkeit übergeben wollten. (Sehr wahr! Red.) Wie mir scheint, haben Westfalen und Rheinprovinz das Vorrecht, den Gemeindebeamlen so recht fühlen zu lassen, daß keine staatliche Behörde sich seiner in wirksamer Weise annimmt und seine Interessen dem Eigennutz und der angemaßten Gewalt der Gemeinde gegenüber vertritt. In folgendem will ich gleichfalls einen kleinen Beitrag zu diesem traurigen Kapitel liefern. Im vergangenen Sommer machte sich bei mir der Wandertrieb geltend, nnd ich bewarb mich um die ausgeschriebene Stelle in — sagen wir — L. Zugleich wandte ich mich an den Lehrer der dortigen Gemeinde um freundliche Beantwortung verschiedener die Neubesetzung betr. Fragen, die leicht aus der Antwort, die ich im Auszuge veröffentlichen will, zu erkennen sind: (he ehrt er Herr Kollege! 1. Die Gemeinde hat mir ohne irgend welchen Grund gekündigt. Ta ich mich keiner Pflichtverletzung bewußt bin, nehme ich an, daß meine der Herrschsucht nnscres Parnctz gegenüber hchonptetc Selbständigkeit in Schulnnd KnltnSaiigelcgenheitcn zur Krisis geführt habe. Die hiesige Schule ist nämlich eine private. — Im übrigen habe ich in Ucbcrcinsliimnnng mit dem Herrn Kreisschulinspektor, der meine Thätigkcit lobend anerkannte nnd mir glänzendes Zeugnis auSsteUtc, bei der König!. Negierung zu P gegen die Kündigung Protest erhoben, weil die Genehmigung der Negierung nicht cingeholt war. 2. Es ist keine Dienstwohnung vorhanden, wird auch keine Wohnnngscntschädignng gewährt. Ter ini Znscrat stehende Vermerk „Anfangsgehalt" ist hinfällig. Während für die hiesigen christlichen Kollegen eine Gehaltsskala und Wohnnngscntschädignng besteht, hat man mich betr. elfterer eine Zeit lang hingeWIten und schließlich wurde doch nichts draus. . , Nur davon verspreche ich mir eine geringe Besserstellung und größere Aufmerksamkeit von Seiten der Aufsichtsbehörde, wenn solche Gemeinden und ihre Zustände schonungslos in den jüdischen Zeitungen genannt werden. (Ich bitte den Herrn Kollegen in T um seine Erlaubnis.) Ein Lehrer, der trotzdem auf solche Stellen reflektiert, der verdient einen Pascha als Parneß. — Mit dieser Veröffentlichung möchte ich nur bezwecken, daß sich ein jeder wanderlustige Kollege um den Grund der Neubesetzung und des Stellenwechsels vorher erkundigen möge (namentlich wenn es sich um eine vakante Stelle nördlich des Mains handelt.) — Wie ich einem Inserate verschieder Blätter entnehme, ist der betreffende Kollege mitsamt dem Herrn Kreisschulinspektor der Gewalt des Parneß unterlegen. X.?. 8. Gegenwärtig ist eine Stelle an der Mosel vakant, die innerhalb weniger Jahre gewiß ein ansehnliches Kapital an Jnseratgebühren verausgabt hat. Was ist da faul? D. O. * In Köln wurde am 24. d. M. der Grundstein zu einer neuen großen Synagoge gelegt. Seit 15 Jahren hatte sich infolge des raschen Zuwachses der dortigen Gemeinde die Notwendigkeit des Baues einer neuen Synagoge herausgestellt. Die in der Glockengasse befindliche, von Freiherrn Abraham von Oppenheim und dessen Gemahlin seinerzeit der Gemeinde geschenkte Synagoge erwies sich bei den Gottesdiensten längst als zu klein, man ging nun daran, eine zweite Synagoge zu erbauen. Ein am Königsplatz gelegenes Grundstück wurde für die Summe von 210000 M. erworben; der Kostenpreis einschließlich des Baugrundes beläuft sich nach Herstellung des Gotteshauses auf 500000 M., welche Summe durch Darlehen in dem gleichen Betrage bei der Preußischen Eentralbodenkredit-Aktiengesellschaft ausgenommen wurde und in 50 jähriger Amortisation abgetragen werden soll. — Bei der Feier hielt Rabb. Dr. Frank eine Ansprache, die auch für Nichtbeteiligte Interesse hat. Der Redner warf einen Blick auf die Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Köln. Als noch an beiden Ufern des Rheines Heiden wohnten, hatten sich in Köln schon Juden angesiedelt. Köln sei die älteste Niederlassung der Inden in ganz Deutschland; die Altvordern hätte» gewisse Vorrechte besessen. Auch unter der fränkischen Herrschaft hätten sie sich in günstigen Verhältnissen befunden. Die Leidenszeit für die Juden habe im Jahre 1090, zur Zeit des ersten Kreuzzuges, begonnen: als die schreckliche Krankheit, die Pest, über Köln hereingebrochen sei, habe die Bevölkerung die Inden dafür verantwortlich gemacht und ein grausames Blutbad unter denselben angerichtet; die mehrere 1000 Personen zählende Gemeinde habe sich selbst den )Dod gewünscht und das in der Laurenzpfarre gelegene Judenviertel in Brand gesteckt. Redner erwähnte dann der schlimmen Zeiten für die jüdische Gemeinde, als die verschiedenen Gewalten in Köln sich befehdeten. 1420 wurden die Juden ausgewiefen; ea. 400 Jahre später durfte der erste Jude, Joseph Stern und feine Frau, aus Mühlheim a. ll!h., wieder in Köln Wohnung nehmen; >802 hatten sich 17 jüdische Familien dort niedergeiaffen, welche eine