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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-01 · 44 (1.11.1895) · p. Seite 716

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 716 (sequence 12)
Language
German
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Seite 716 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. eine erhebliche Vergrößerung und gleichzeitig eine ansehnliche Verschönerung erhalten. Das pneumatische Institut, welches bisher an der Giebelwand eines jetzt abgerissenen Hintergebäudes angelehnt war, befindet sich nunmehr rings von Anlagen umgeben und hat Licht und Lust von allen Seiten erhalten. Ebenso ist der Erweiterungsbau für Infektionskrankheiten vollendet, so daß nunmehr in dem neu eingLrichteten Scharlachsaale die Aufnahme von hieran erkrankten Personen stattfinden kann. Nach Nebersiedlung der im Siechenhaus untergebrachten 45) Personen in das neu erbaute Hospital Oranienburgerstraße 61, welches seiner Vollendung entgegengeht, wird das Krankenhaus eine bedeutende Erweiterung erhalten, welche um so wünschenswerter ist, als in der Anstalt für Unterbringung von Beamten, Dienst- und Pfleg"personal bisher nicht in zeitgemäßster Weise gesorgt werden konnte. l — Cin deutscher „Talmud". Im „Verbände deutschliberaler Antisemiten", so scheint sich jetzt die Gruppe Ahlwardt-Böckcl zu nennen, hielt jemand am Freitag einen „Vortrag" über das Themck: „Der deutsche Talmud, die germanische Bibel oder der Weg zur Weltherrschaft der Germanen und zur Ausrottung der Hebräer". Nach dem Berichte des Organes dieser Gruppe, „bewies" der Redner, „daß die ungeheuren wirtschaftlichen und nationalen Erfolge der Hebräer nur den schon ihrer Jugend eingeimpften talmudischen Geheimgesetzen zu verdanken seien, die Moses den Juden vor tausenden Jahren in deren wirtschaftlicher Bedrängnis Grundlage gab". — O, dieser Moses, der vor tausenden von Jahren den Juden talmudjschc Gcheimgesehc gegeben! — Der Bericht erzählt weiter: „Redner zeigte an der Hand der Eckcrt'schen Uebersetzungen die ungeheure Weisheit der so harmlos und lächerlich erscheinenden Lehren des Alten Testaments und des Talmud für die Hebräer und wie letztere — für die Germanen umgearbeitet — denselben die hundertfachen Erfolge sichern .müßten! Redner teilte gleich dem Talmud die Menschheit demnach in 6 Klassen ein: in Germanen, in Nichtgermanen und in Hebräer. Nach dieser Einteilunng nun übersetzte Redner den Talmud ins Deutsche, indem er statt Jude überall Germane, statt Fremdling in Israels Thor: Nichtgermanc in Germanins Thor und statt Fremder: Hebräer bezw. ncxstii'i pp. setzte. Und wunderbar überraschend wirkte nunmehr der weise Sinn dieses deutschen Talmuds auf die Zuhörer, wie Schuppen fiel es einem jeden von den Augen! Redner bewies, daß dem Germanen-Volke bisher ein solcher Talmud, eine solche geschriebene Lehre gefehlt habe, diese germanische Bibel würde aber in nächster Zeit zusammengestellt und gedruckt werden, um als Ausgangspunkt für ein eigenes, ein germanisches Sittengesetz zu dienen. Der Verband wird den Vertrieb dieses deutschen Talmuds übernehmen und er wird durch.zu beziehen sein" — Einfach erhebend! Durch wen dieser deutsche Talmud zu beziehen sein wird, wollen wir doch nicht sagen, denn es scheint hier irgend ein GcschäftSantisemitlein dahinter zu stecken, das irgend einen schmierigen Schmarren an jene, die nicht alle werden, bringen möchte. Oder thun nur dem Manne Unrecht, und soll dieser Bericht uns nur den Beweis erbringen, daß in den Versammlungen der Antisemiten nunmehr die Zuchthäusler durch Irrenhäusler abgelöst werden sollen? Man könnte es fast glauben. — Selbständige jüdische Handwerker Berlins^ haben sich vor kurzem, wie uns mitgeteilt wird, in Mltlicher Anzahl zu einem Vereine zusammengethan, der die Hebung des Handwerks unter den Juden und die Vertretung der einschlägigen Interessen seiner Mitglieder zum Ziele hat. Der Verein beabsichtigt, sich in nächster.Zeit an alle selbstständigen Handwerker Berlins zu wenden und sie zu einer öffentlichen großen Versammlung einzuladen, wo über die große Bedeutung des Vereins und über die Wirkung desselben nach innen und außen debattiert werden soll. Wir wünschen dem Vereine und seinen Bestrebungen den Erfolg den er in hohem Maße verdient. Das Chanukah-Bescheerungskomitee versendet ein Schreiben an die wohlhabenden und wohlthätigen Mitglieder der Gemeinde, dem wir folgende Sätze entnehmen: Beim Naben der rauben Winterzcit bittet wiederum eine Schar von mehr'denn 1060 jüdischen Kindern, welche die Kommunalschnlen besuchen, das allezeit milde Herz der Glaubensgenossen um Spendung der nötigsten Kleidungsstücke. Dicke (stabe schützt nicht mir die kleinen Körper vor Kälte, sondern wirft auch in ihre jugendlichen Seelen einen Lichtstrahl, der ihrem sonst freudlosen Dasein die ermunternde Gewissheit bringt, daß sic von den Ncbcnmcnschen nicht ganz verlassen sind. Im vorigen Jahre erhielten am Ghanukahfcste laut unseres Berichtes vom 3t. Januar 1800 1120 Kinder Stiefel, Kleider, Wäsche Lehrmittel. So wurde bitterste Not an vielen Stellen gelindert. Gleichzeitig gelang es, wie Lehrerkreise bezeugten, einen moralischen Ginfluß auf die Schüler zu üben, indem die Würdigsten vorzugsweise bedacht wurden. Beide Grfolgc ermutigen uns, alle Kinderfreundc, besonders die f?raucn unserer Gemeinde, herzlichst zu bitten, durch eine freundliche Gabe an Geld, Stoffen, Ingcndschriften oder dergleichen dies Liebeswcrk wiederum fördern zu helfen. Vorsitzende des Komitees ist Frau Julie Neu manu, Victoriastraße 61. - Heber die Neligionsberhältnisse der Abiturienten in Preußen entnehmen wir dem Büchlein: „Statistik der Gyinnasialabiturienten im deutschen Reiche während der letzten drei Schuljahre" von Prof. Dr. Gemß folgende Daten: In Preußen betrügt der Prozentsatz der evangelischen Bevölkerung 64,4 der jüdischen 1,2 der der evangelischen Abiturienten 66 der katholischen 26 der jüdischen 8 Prozent. Bezüglich der erwählten Bernfsarten der Abiturienten weiß das Buch anzugeben, daß die Juden unter den Studierenden der Theologie mit 0,7, unter denen der Theologie nebst Philologie mit 1, der Philologie mit 5),6, der Rechtswissenschaften mit 10,4, der Medizin mit 17,5), der Kunst mit 60 Proz. vertreten sind. — Ein Neberfluß an Rabbinern steht uns demnach nicht bevor. — Deutsch-sozialer Parteitag. Ein Parteitag der Antisemiten, die sich mit einer in diesen Kreisen sonst seltenen Verschämtheit „Deutsch-soziale Neformpartei" nennen, hat in Erfurt stattgefunden. Dabei kam manches Interessante vor. 11. a. wurde in das Parteiprogramm der Satz ausgenommen: „Die Partei stellt sich auf den Boden christlicher Weltanschauung", indes fügte der Sicherheit wegen Abg. Förster hinzu, „daß die Partei auch Freidenker nicht zurückstoßen wolle". Also es ist für alle gesorgt, — nur immer herrein, meine Herrschaften! Der Programmsatz, wonach „der Ausbau der bestehenden Volksrechte, und Freiheiten gefördert werden soll", wurde auf Antrag des Abg. Zimmcrmann ergänzt durch die, Worte, soweit cs zum Heile der Gesamtheit notwendig ist." Darüber, was das richtige „Heil" ist, wissen natürlich die Antisemiten am besten Bescheid. „Freiheit in Rede und Schrift" soll nur gewährt werden, „sofern diese nicht gegen Recht und Sitte verstoßen", was natürlich Lmhin erläutert wurde, daß gegen diejenige Presse, die nicht nach dem Sinne der Antisemiten ist, scharfe Einschränkungen notwendig sind. „Recht und Sitte" sind in der That die -- »

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