Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 700 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 700. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 'Nr. 43. sich in den Schranken ihres Etats zu halten. Wo Kummer und Elend mit Geldmitteln zu lindern waren, sind diese »och stets vorhanden gewesen, und weder die Armen-Kommission »och die Gemeind« behördcn haben sich jemals ans den ihnen von Ihrem Herr Berichterstatter insinniertcii Standpunkt „Laßt sie betteln gehen u. s. w." gestellt — Tag die Einnahmen und Ausgaben bei der Armcn-Kommission balanziercn, erweist nur, daß diese sich bewußt gewesen ist, an den ihr zur Verfügung stehenden Bütteln nicht sparen zu brauchen. Hochachtungsvoll Martin Simon. — Lehrerbund. Eine Petition an den Gemeindebnnd um Abänderung der ersten drei Punkte der für die Teilnahme an der Delegierten-Versammlung maßgebenden Bestimmungen ist im Gange. Die freie Bereinigung jüdischer Religionslehrer Ostpreußens und der Verein jüdischer Beamten des Beizirks EöSlin wünschen diese Punkte wie folgt abgeändert: Jeder Verein ist berechtigt für je 20 seiner Mitglieder ohne Unterschied der be. reiflichen Vorbildung einen Delegierten zu entsenden. Sie wenden sich jetzt an die anderen Vereine mit dem Ersuchen, die Petition mit zu unterzeichnen. — Wie wir erfahren, ivird der Gemeindebund sich gegen eine Aenderung der Bestimmungen iin Sinne der Petenten nicht im geringsten sträuben, sobald diese Aenderung von der Mehrzahl der Vereine gewünscht wird. — Vom Oberverwaltmigsgericht. In Landsberg a. W. fand vor einiger Zeit die Wahl von sieben Repräsentanten zur jüdischen Gemeinde statt. Unter den Gewählten befand sich auch ein Kaufmann, der wegen Begünstigung zur Hehlerei mit sieben Tagen Gefängnis bestraft worden war. Demnach beanstandete der Bürgermeister von Landsberg a. W. die Wahl, da der Gewählte nicht unbescholten sei. Eine Beschwerde beim Regierungspräsidenten erwies sich als erfolglos. Der Gewählte klagte darauf im Verwaltungsstreitverfabren. Der Bezirksausschuß zu Frankfurt a. O. entschied darauf zu Ungunsten des Klägers. Letzterer wandte sich darauf an das Obervermaltungsgericht, welches die Klage an die Vorinstanz zurückwies, da Kläger die Klage nicht gegen den Bürgermeister, sondern gegen den Regierungspräsidenten anstrengen mußte. In der neuen Verhandlung wies der Bezirksausschuß wiederum die Klage ab und machte geltend, die angegriffene Verfügung sei in Ausübung des staatlichen Aufsichtsrechts erlassen worden; in diesem Falle gebe es überhaupt keine Klage im Verwaltungsstreitversahren; dem Kläger hätte es offen gestanden, sich über den Regierungspräsidenten beim Oberpräsidentcn zu beschweren. Gegen diese Entscheidung wandte sich Kläger nochmals an das Oberverwaltungsgericht, erklärte die angesochtene Verfügung fürgesetzwidrig und berief sich auf Leumuudsatteste von seinen Glaubensgenossen. Das Oberverwaltungsgericht wies nun die Klage des Klägers als unbegründet zurück und bestätigte die Vorentscheidung. — Dieser Prozeß würde kein langwieriger geworden sein, wenn die Gemeinde kurzen Prozeß gemacht und den Mann nicht gewühlt hätte. Gin schönes Zeugnis. In der „Köln. Ztg." erscheint ein Roman von Aug. Niemann, betitelt „Ein Günstling des Volkes". Wir finden darin die folgenden Worte, die dem Helden des Romans in den Mund gelegt sind: t k „Zunächst ist zu konstatieren, daß unsere Konzerte und Kunstausstellungen aufhören, unsere Theater schließen müßten -- mit Ausnohme der subventionierten — wenn die Juden plötzlich verschwänden und etwa nach Palästina auswanderten. Auch die Buchhandlungen müßten zum größten Teil geschlossen werden, weil es zum überwiegenden Teil die Jude n sind, die Bücher kaufen. Mit einem Worte, w i r w ü r d e n a u f einenSchlag in das Mittelalter zurückversetzt werdc'n, in ein Mittelalter, das nur durch Dampf und Elektrizität sich von dem historisch bekannten unterscheiden würde, wenn uns die Juden verließen. Denn sie sind die eigentlichen Träger der Kultur Europas.Feiner und gesitteter als die Masse des Volkes ist die Judenschaft, und die Macht dieser Gesittung ist es, die sich in ihrer geistigen Herrschaft ausspricht." — Reichskanzler v. Hammerftein. Zu der Aeußerung des Heran Liebermann v. Sonncnberg, daß die Vergehen Hammerstein'S „einen Zug ins Großartige" hätten, macht der „Vorwärts" folgende Bemerkung: „Liebermann gehörte, wie zum besseren Verständnis bemerkt sei, zu den eifrigsten Kreaturen Hammerstein'S. Beide arbeiteten einander politisch immer in die Hände. Stöcker und Leus; zählten ehensalls zu dieser Koterie. H a m m e r ste ingaltindi es e n Kreise n ernsthaft als designierter Reichskanzler; welche Stellung Stöcker einnehmen sollte, ist leider nicht ganz klar geworden, aber jedenfalls eine hervorragende. Liebermann pflegte bereits eifrig allerlei Stellen für dies Ministerium in au seine urteutsche christlich-deutsch-soziale Hammel- Herde zu verteilen. Leider ist nun der schöne politische Traum zerstört!" — Lehrlingsheim in Pankow. Der Gesellschaft für Verbreitung des Handwerks und Ackerbaues unter den Juden verdankt mittelbar das neue Lehrlingsheim in Pankow, welches »och vor Eintritt der kalten Witterung unter Dach und Fach gebracht worden ist, sein Entstehen. Das neue Gebäude wird einstweilen zur Aufnahme von 50 jüdischen Handwerkslehrlingen eingerichtet, bietet jedoch Raum für eine weit größere Zahl. Das Lehrlingsheim befindet sich in der Mühlcnstraße, unmittelbar hinter dem Viadukt der Bcrlin- Stettiner Eisenbahn, ist ein mächtiges dreistöckiges Gebäude und darf als eines der ansprechendsten Gebäude in dem an Bauten wohlthütiger Stiftungen so reichen Pankow bezeichnet werden. Die Lehrlinge erhalten in dem Heim Wohnung, Kleidung und teilweise Beköstigung und werden von dem Leiter auf Grund der Instruktionen des Vorstandes nach allgemeinen pädagogischen Gesichtspunkten erzogen. — Israelitisches Heimathaus. Zum besten der WohlfahrtSeinrichtungeu des Israelitischen HeimathauseS, Gormannstr. 3, wird Donnerstag, 31. Oktober, in der Philharmonie ein Konzert veranstaltet, bei dem Mitwirken werden der königl. Kammersänger Bulß, die königl. Sängerin Frau Herzog, die Violinvirtuosin Frl. Baginski, das Philharmonische Orchester unter Leitung seines Dirigenten Professor Mannstüdt. * Das neue Gebetbuch, das Rabb. Dr. Vogelstein im Austrage des westfälischen Gemeinde-Verbandes hcransgegeben hat, will noch immer nicht zur Ruhe kommen. Am 0. d. M. hielt der Verband seinen Gemeindetag in Bochum ab. Zu Punkt 3 der Tagesordnung (Beschluß über Drucklegung des zweiten Teiles des Gebetbuches) sprach Herr Dr. V. über die gegen das Oiebetbuch gerichteten Angriffe seitens der Orthodorie, worauf beschlossen wurde diese Rede als Flugblatt drucken zu lassen und in allen beteiligten Kreisen zu verbreiten. Die Versammlung erteilte einstimmig Herrn Dr. V. ein Vertrauensvotum und faßte mit allen gegen eine Stimme der Beschluß, den zweiten Teil des Oiebetbuches möglichst bald erscheinen zu lassen. Ferner beauf-