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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · p. Seite 697

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 697 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile <»!>?. Kirche raubte, und brachte mich iu das Kloster zu Mainz, wo ich erzogen ward und mir Todesstrafe angedroht wurde, wenn ich je meine Abkunft verriete. Was ich da gelitten, bis sie mich zum Priester weihten, wieviel ich da in meinem Herzen ausgeruiigen — wirst Du mir zu schildern erlassen. Pergebens suchte ich durch Studium und Gebet mein Gewissen zu beruhigen, vergebens suchte ich Trost, bald zwischen Klostermauern, bald in Waldeseinsamkeit — meine Verzweiflung konnte ich nie mehr Niederkämpfen. Jede Verbindung mit Dir mar mir abgeschnitten, und allmählich verblaßten die Bilder in der Erinnerung, die Spuren, die Dein liebes Angesicht meinem Gedächtnisse cingeprägt, sie verwischten sich mit der Zeit, nur durch das Schachspiel bielt ich mit dem schönen Lenze meiner Jugend mich in stetem Verkehre, und der Zug, den Du mich gelehrt, war die einzige Reminiszenz, die sich mir erhalten. Da haben sie mich nach^Rom mit einem Auftrag gesendet, ich sah' des Papstes Glanz, und es erwachte des Ehrgeizes Dämon in meiner Brust. Ich stürzte mich in das Gewühl des Hofstaates, klomm von Siufe zu Stufe und suchte durch Befriedigung meiner Ehrsucht den Stachel des Gewissens zu mildern und an dem Kelche der Eitelkeit mich zu berauschen. Aber in der Einsamkeit der Nächte erwachten die alten Erinnerungen um so lauter, und da erließ ich das Breve nach Mainz iu der Voraussicht, daß sie Dich hiehersenden werden und ich Dein treues Paterhaupt wieder küssen könnte. Das Breve, das Euch bedrohte, ich habe es vernichtet — und nun Vater, sprich: Werde ich Verzeihung dort oben finden?" „Das wirst Du," sprach Barabun, „Du bist vom Lichte der Weisheit umflossen, wie der erste Spiegel es mir verkündigt hat, ein Diadem schmückt Dein Haupt, wie es der zweite Spiegel vorauSgesagt, die Prophezeiung des dritten wird sich auch erfüllen, und ich sehe den Büßenden vom Glorienscheine uinglünzt." Noch lange sprachen Vater und Sohn miteinander, indes Barabuns Gefährten bänglich des Ausganges harrten. Endlich ries der Papst: „Zieh' heim in Frieden, mein Vater, ziebe bin und tröste die trauernde Mutter. Nie ge ihr Herz sich wieder stärken, wie Du das meine emporgerichtet hat." — Barabnn zog von dannen, die Siegesbotschaft nach Mainz überbringend. Dann schrieb er ein Lied, dessen Anfang ist: „Elchanan," dessen erste Zeile lautet: „Gott ist die Liebe." Das Lied sollen dir Mainzer Juden an jedem Reujahrstage singen und daraus Mut aus ihrer dornenvollen Bahn schöpfen. Wenige Fahre später, der alte Barabun war ins Grab gesunken, das treue Weib war ihm nachgefolgt, da kam ein abgehärmter Mann im Bcttelkleide nach Mainz. Niemand wußte woher, noch weshalb. Der blasse stille Mann that niemand was zu Leide. Er betete unablässig und kasteite seinen Leib. Des Nachts saß er über den Büchern, die Welt um sich her vergessend. Düster und in sich gekehrt, nabm er an irdischeil Freuden keinen Anteil. Nur zuweilen gönnt er sich eine seltsame Erholung - - an dem Schachspiele, das als der lebte dünne Faden ihn noch an das weltliche Leben knüpft. Gerne lehrt er andere das Spiel, doch einen Zug weiß er, den teilt er niemand mit nnd will ihn mit sich in das Grab nehmen. Er giebt über seine Abkunft keinen Bescheid, er nennt sich schlechtweg Elchanan, von Almosen ein kärgliches Leben fristend. So schlich er noch zehn Jahre in, Ghetto zu Mainz umher, bis man ihn eines Morgens, vor dem offenen Buche sitzend, in den Lehnstuhl zurückgefallen, als kalte Leiche fand. Zu jener Stunde aber, als der Bettler Elchanan „Zu Mainz sich eingefiindcii, War ln Rom der Papst verschwunden." * Wir geben diese mittelalterliche Nachdichtung der biblischen Erzählung von Joseph in Egypten allen Kunstrichtern preis und überlassen es den Geschichtsforschern, den Kennern der Völker-Psychologie, den Kundigen der Volkssagen, sich den Zusammenhang zwischen Leonhardt zu Ströbeck und Elchanan aus Mainz nach eigenem Gutdünken zu erklären. Wir sehen hierin das uralte Motiv, die Katastrophe durch Zerreißung des Familienlebens herbeizuführen und de» versöhnenden Abschluß dadurch zu bewirken, daß das der Familie entrissene Mitglied durch mannigfach verschlungene Abenteuer zum Netter und Schirmvogte der Seinigen wird. Aber nicht das poetische Element ist es, das uns an die Sage fesselt, sondern die psychologische Seite, die der Beziehungen zur Gegenwart nicht entbehrt. Wer giebt uns ein Schachspiel, in dein der reine Geist allein die Waltung hat, der Mensch an dem Nächsten nur den Menschen sieht und nicht die Konfession, die Nationalität, den Firlefanz von sogenannter National-Ehre und verletzter Eitelkeit, der Hunderte in Tod und Elend jagt? Wann werden sich die auseinandergerissenen Mitglieder der großen menschlichen Familie an dem einen gemeinsamen Zuge wieder erkennen? Wann wird es ein Schachspiel geben, daran die Völker sich wieder finden, wenn sie grollend auseinandergegangen? Gewiß nicht eher, als bis die Völker sich selber zum Brettspiele setzen, statt als Figuren desselben einzelnen Menschen zu dienen. Wir sind noch gar nicht aus dem Heroentnm recht hernnsgekommen, das die Entscheidung der Geschicke in die Hände von Individuen legt, welches die Roheiten eines Achilles bewundert, der die Leiche Hektars siebenmal um die Mauern von Troja schleppt, und nur darum bewundert, weil der Vandale einen klassischen Namen hat und von Homer besungen wurde. Aber es kamen noch andere Geister, ein Hesiod sang von den „Arbeiten und den Tagen", verspottete das Heroentum und die Heldenspielerei — 'und zeigte, daß die Welt nicht den Einzelnen gehört, sondern jedem, der denkt und schasst und wirkt und so zum ganzen der Menschheit gehört. Wir erinnern uns an Kaiser Max, der einst den Ausspruch that: Frankreichs .Könige herrschen über Esel; Englands Regenten über gewöhnliche Menschen, der deutsche Kaiser aber über lauter Könige. Denn die Franzosen müssen tragen, was man ihnen auflegt, die Engländer thun es gerne — die deutschen Fürsten aber nur, wenn es ihnen beliebt. Dahin aber müßte cs mit den Völkern ihren Diplomaten gegenüber kommen, daß jedes sich in dem ganzen fühlt und nicht von dem Mißverständnisse einzelner Verwüster abhängt. Wie hätte jemals ein so heilloser Krieg, wie der letzte, dessen Erinnerung vor wenigen Wochen gefeiert wurde, der ein Krieg, der in so frivoler Weise hatte entzündet mit so leichlferligen Motiven begonnen, mit solcher Raserei zum Ausbruche kommen dürfen, wenn die Nationenselber ihre Freiheit nicht von dem Zufalle der Individualitäten abhängig machten und der Selbständigkeit nicht entsagen würden. Weg mit Homer — den Hesiod müßt ihr lesen! Lernet von den Ströbecker Bauern, wie man sich nicht durch rohe Balgereien und blödsinniges Würfelspiel, sondern durch Scharfblick und Umsicht seine Freiheit erkämpft. Lernet an der Ghetto-Legende, daß es einen allgemeinen Zug des

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