Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 696 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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' ü i Seite 606. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. öffentlichen Gottesdienste fern gehalten haben, durch einen allgemein verständlichen Kultus demselben wieder zuzuführen. Die oben genannten Faktoren, deutsche Gebete, Chor und Orgel sollten („tzslrvdisolrer") den Hauptteil des Kultus bilden. Der friedliebende Rabbi hörte dem Vortrage des Dr. Stern mit voller Seelenruhe bis zum Schluffe zu und erwiderte bescheiden: „Meine Herren! Ihr Vorhaben ist durchaus nicht zu mißbilligen. — Wenn Sie sich mir gegenüber verpflichten, am Sabbat Ihre Geschäfte zn schließen, um regelmäßig Ihren Gottesdienst zn besuchen, dann werde ich selbst von meiner Stellung ans Sie in keiner Weise behindern, aber diese Bedingung müssen Sie erfüllen, denn ohne Heilighaltung des Sabbats giebt cs kein Judentum." Mit dieser Entgegnung waren naturgemäß fernere Verhandlungen der Deputation mit dem Rabbi zur Unmöglichkeit geworden. Die Reform-Gemeinde baute ohne Sanktion ihren noch heute bestehenden Kultus auf. Der Sabbat wurde nicht entheiligt, denn der Gottesdienst findet nur am Sonntag statt. „Pav- SlchNM." Von ***. (Schluß.) Elchanan aber, so erzählt die Legende weiter, der Augapfel seiner Eltern, die Augenweide der ganzen Familie, das Wunder der Stadt Mainz, ging eines Tages mit der im Hause bediensteten christlichen Magd spazieren und kehrte nicht mehr zurück. Man forschte von Haus zu Haus man fragte von Ort zu Ort — vergebens! Verloren und verschwunden waren Magd und Sohn, die Spiegel auf dem Söller verweigerten jede Kunde, alle Späher, die man ausgesendet, kamen unverrichteter Sache zurück. Wer beschreibt den Schmerz des Vaters, den Jammer der Mutter! „Jakob hatte der Söhne zwölf und konnte sich um den verloren gegangenen Joseph nicht trösten. Ich hatte nur den einen, der mir für Hunderte galt, und in dem einen ist mir eine ganze Welt verschwunden", klagte Barabun, während seine Gattin in der Thränen unversiegbarer Quelle vergeblich Erleichterung suchte. So wuchsen die Monde zu Jahren in der Zeiten rastlosem Schritte, der laute Jammer war in stilles Weh verwandelt, ans Barabun'S Scheitel lag des GreisensalterS Schnee, als eine neue Schreckenskunde die Gemüter im Ghetto aus dumpfer Ruhe emporjagte. Der Papst zu Rom, so hieß es, der jüngsterwähltc, hatte an den Mainzer Bischof streng gemessenen Befehl erlassen, der Judcnschaft den ferneren Schuh zu versagen und sie vogelsrei des Pöbels Wut zu überlassen. Der Bischof selber, ein leutseliger Herr, hätte gerne das Unheil abgewendet, allein das Breve lies; keine Deutung zu, und den Juden ward nur noch sechs Monde Frist gegeben, ihre Vorkehrungen^zu treffen. „Benützet diese Zeit", ermahnte sie der Bischof, „und sendet nach Rom eine Deputation der angesehensten Männer, um den Grund des päpstlichen Zornes zu erfahren." Die Abgeordneten machten sich auf den Weg, an ihrer Spitze selbstverständlich Barabun. In der Tiberstadt angelangt, vernahmen sie, daß der neue Papst ein Freund der Juden, jeder Unduldsamkeit ferne, der huldreichste Kirchensürst sei, der je auf Petri Stuhl gesessen. „Ihr deutschen Inden müßt Euch schwer vergangen habe;;", sprachen dir zu Rom, „daß Ihr den Zorn eines so liebevollen Papstes zu reizen vermochtet." Indessen ward der Deputation eine Audienz erwirkt, doch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß nur ihr Führer und Sprecher Barabun allein vorgelassen werde. Mit Bangen tritt der Greis in's Vorgemach, klopfenden Herzens erschien er vor dem Papste und stürzte weinend auf das Knie: „Warum willst Du ein geknicktes Reis noch brechen, warum trittst mit Füßen Du ein schwergepeinigtes Menschenkind?" Der Papst war tief ergriffen, hob selbst den Greis vom Boden auf, doch überwand er bald die Rührung und leitete ein gelehrtes Gespräch über Gott und göttliche Dinge ein. Wie erstaunte Rabbi Simeon über die Weisheit und das Wissen des christlichen Oberhirten. Welche Vertrautheit mit altem u»d neuem Schrifttume, welche Gewandtheit des Geistes, welche kühne Wendungen des Verstandes -- dergleichen war an Kirchenfürstcn wohl etwas Seltenes. Doch endlich blieb Barabun Sieger, und lächelnd sprach der Papst: „Du hast fürwahr im Wortstreit mich überwunden, doch laß' uns noch einen Wettkampf mit einander versuchen und im Schachspiel unsere Kräfte messen." Man setzte sich zum Brette, doch nach wenigen Zügen schon kündigte der Papst „Schach dem Könige an." Bestürzt fällt Barabun in seinen Sitz zurück; zitternd und erblaßt stiert den Papst er an. - „Was ist Dir? Was hat Dich so entsetzt? Gönnst Du mir den kleinen Sieg denn nicht? Es gilt ja nicht das Leben." — „Das Spiel" stotterte Barabun, „das Spiel, das ist es nicht. Verzeihe, es ist nichts. Es kann ja nicht sein", setzte er mit Schmerz hinzu. „Was kann nicht sein? Alter Mann, was bewegt Dich so tief? Sprich frei' Wir sind allein." — „Nun, wohlan! Du hast, o Papst hier einen Zug gethan, der bisher mein Geheimnis war und den ich niemandem noch gelehrt, als einem einzigen, und der bist Du unmöglich." — „lind wer ist dieser einzige, dem Du den Zug offenbartest?" „Mein Sohn! mein ewig verlorener Sohn!" „Wo ist dieser Sohn?" „Verschwunden ist er mir als Knabe, Verzweiflung und Trostlosigkeit mir und der jammernden Mutter hinterlassend. Gestorben ist mein Elchanan, wenigstens für mich gestorben. Ein wildes Tier hat ihn zerrissen, und mir hat man nicht einmal den blutigen Leibrock gebracht, daß ich die letzten Spuren noch mit meinen Thränen benetze." Da konnte der Papst nicht länger an sich halten. „Vater! mein Vater!" rief er schluchzend, das Haupt an die Brust des Alten gelehnt, den er mit den Armen umfaßt hielt. „Pater! erkennst Du Deinen Elchanan erst an einem Zuge des Schachspieles. Mein armer, schmergebeugter Vater! erhole Dich und steh mich an. Hab ich Euch soviel Leid und Weh gethan, ich werde es besser machen. So sprich doch nur! Sprich mir von der Mutter. Was macht meine gute alte Mutter?" „O Gott! laß mich nicht zu Schanden werden," rief der Greis, als der erste Schrecken gewichen war. „Stehe mir bei, Gott meiner Väter, daß ich nicht dem Trug und Wahn erliege, mein Geist nicht in des Wahnsinns ewige Nacht verfalle. Mein Sohn ein Papst, ein Papst mein Sohn! Wer das fassen könnte!" lind er faßte es doch, denn also erzählte ihm der päpstliche Sohn die Geschichte seines Lebens: „Margarethe, die christliche Magd, vermeinte des Himmels Lohn zu verdienen, wenn sie mich, das jüdische Wnndertind, für die Zwecke der