Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 693 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4:;. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 698 felds Vorgehen, sicherlich doch die deutschen Klassiker, sein Lessing, ein Göthe und noch mehr ein A. von Humboldt und wer sonst zur Truppe der Aufklärer gehört. Ein Zusammenwirken tausender und tausender revoltierender Geister waren erforderlich, ui» die Autorität der Kirche in dem Maße zu schwächen, wie es innerhalb des letzten Jahrhunderts geschah und bei uns soll der eine Moses Mendelssohn jene ungeheure Umwälzung hervorgerufen haben. Und bei all dem ist es doch noch fraglich, ob bei dem vollzogenen Umschwung die Religion selber und nicht vielmehr die langgewohnte überlieferte Fori» gelitten hat. Moser konnte noch für den alten ausgeslopften Rabbi schwärmen, für den sich auch Berufeld in einer Anwandlung von romanj rischer Beschaulichkeit noch begeistert; wir haben, dein Himmel ' sei Dank, sene fromme Schwärmerin — ob sie wirklich so fromm und wahr war, mögen Al. Moses und H. Heine beweisen - wir haben jenes andächtige Schwärmen gründlich und hoffentlich für immer verlernt. Dieselben Litteraturheroen mögen auch beweisen, wie vielleichter andächtig Schwärmen als unerschütterlich Treue bewahren ist. Wir wollen weder ausgestopfte Eulen, noch ausgestopfte Rabbis, wir wollen entwickelungskräftiges Leben, wir wollen den ewig grünenden Baum des Judentums pflegen und aus dem Borne seines lebendigen Wassers für uns und die späten Enkel schöpfen. Weil nun aber Moses Mendelssohn den vom Schlamme finsterer Jahrhunderte trüb gehauchten Quell des Judentums geklärt hat und ihm seine natürliche Frische wieder verleihen half, darum feiern wir in ihm den Verjüuger der Lehre und den Wohlthäter seiner Glaubensgenosse». Um aber Mendelssohn und die in der That auch manches Gute und Heilsaure versengende Bildungsglut in einen unsachlichen Zusammenhang zu bringen, dazu gehört eine doch zu gewaltsame und überspannte Logik, mindestens aber eine Voreingenommenheit, die für den ernsten Forscher völlig entbehrlich ist. Gewiß, auch uns berührt der Name Moses Mendelssohn nicht mit reiner Harmonie, sein Hochklang wird durch manche Erinnerung getrübt; aber wir dürfen doch nimmer zu einer Verdrehung der geschichtlichen Wahrheit greifen. Wir halten es lieber mit jenem Lehrer des Pirke Aboth, der seinen Jüngern einschürste: Ihr Weisen, die ihr zu Gerichte sitzet, seid behutsam mit Eurem Urteil und um so behutsamer, wenn es ein weltgeschichtliches Urteil ist: „Denn die Weltgeschichte ist das Weltgericht." Aas Jodkillim in AiWlii. Von Tr- S. Berufeld. Die liberalen Kirchengesetze in Ungarn habe» die königliche Sanktion erhalten und sind seit^ dem 1. Oktober d. I. in Kraft getreten. Mit der wichtigsten Bestimmung dieser Gesetze, mit der Einführung der Zivilehe und der Verstaatlichung der Matrikel, ist auch dir Judenheit in Ungarn stark in Mitleidenschaft gezogen, und man kann mit Recht sagen, daß dieser Schritt für dieselben sehr verhängnisvoll werden kann. Bekanntlich hat die katholische Kirche hartnäckigen Widerstand geleistet und die endgiltige Erledigung dieser Frage nach Möglichkeit hinausgeschoben. Daß der liberale StnatSgedanke doch den Sieg davon getragen, lag nicht so sehr in der Macht dieses Gedankens als in den politischen Zeitumsiünden, welcher dem Liberalismus sehr zu Statten gekommeu^sind. Die katholische Kirche ist viel zu fest gegliedert und zu stramm organisiert, als daß sie in Wirklichkeit eine ernste Gefährdung ihrer Stellung zu fürchten hätte. Rach wie vor wird in Ungarn die große Masse der katholischen Bevölkerung die kirchliche Trauung als die einzige giltige Weihe der Ehe betrachten, zumal diese nach dem katholischen Dogma ein Sakrament ist, während sie in der Ziviltrauung weiter nichts als eine obrigkeitliche Plackerei erblicken wird. Diejenigen aber, welche sich mit der Ziviltrauung begnügen werden, standen auch schon früher dem religiösen Leben sehr fern und können von demselben kaum noch weiter abfallen. Obwohl nun die katholische Kirche mit aller Entschiedenheit und Energie die liberalen Kirchengesetze bekämpft hat, so ist doch der wahre Leidtragende nur — das Judentum in Ungarn, welches vor einer schweren Krise steht. Die jüdische Bevölkerung in Ungarn wurde von der liberalen Regierung durch einen verlockenden Köder gewonnen, nämlich dadurch, daß sie die Rezeption der Jude» mit in ihr liberales Programm ausgenommen hat. Zuerst wollen wir hier die praktische Bedeutung dieser Rezeption des Nähern beleuchten. Die Inden genießen in Ungarn seit dem Jahre 1867 vollständige Gleichberechtigung, so weit sie, wie auch in anderen Staaten, nicht durch die Verwaltung geschmälert wird. In der Gegenwart wird sie etwas loyaler berücksichtigt, während eö Zeiten gegeben, wo sie wenig respektiert worden ist, wie aus der Zeit der Antisemitenhetze im Anfänge der achtziger Jahre erinnerlich ist. Hingegen gab es im ungarischen Staatsgesetz eine Bestimmung, wonach gewisse christliche Religionen als „rezipiert" galten und somit eine „Freizügigkeit" unter einander halten; man konnte z. B., wenn man protestantisch war, katholisch werden und auch umgekehrt, aber ein Christ durfte nicht Jude werden, wenn auch der Jude Christ werken konnte. Dnrch die Rezeption der Juden ist nun auch diese letzte Beschränkung aufgehoben und den Bekennern des jüdischen Glaubens die religiöse Freizügigkeit gewährt worden — falls dieses Gesetz die königliche Sanktion findet —, wodurch das Judentum des gewiß sehr zweifelhaften Vorzuges teilhaftig wird, fernerhin auch Nichtjuden in seine Mitte aufnehmcn zu dürfen. Um Mißverständnissen vorzubeugeu, will ich sofort den Grund meines Uebelwollens gegen Poselyten aussprechen: dieser liegt nicht etwa in fanatischer Feindseligkeit gegen das Christentum, sondern darin, daß sich in der Regel weder ein Christ zum Judentum aus Ueberzeugung bekehrt, noch ein Jude zum Christentum. Es handelt sich immer uni Motive, welche die Aufnahme neuer Mitglieder in die Religionsgenossenschast sehr unratsam machen. Aus eigner, amtlicher Erfahrung kann ich einige Details mitteilen, welche diese Frage klar beleuchten. So lange der Uebertritt vom Christentum zum Judentum in Ungarn verboten war, pflegten während meiner Wirksamkeit in Serbien oft getaufte Juden aus Südungarn zu nur mit dein Anliegen zu kommen, sie kämen, aus Reue und Gewissensbisse über die Abtrünnigkeit von der väterlichen ReliAon getrieben, um wiederuni zum Judentum zurückzukehren, und da dies in Ungarn gesetzlich unmöglich sei, so bäten sie um meine Intervention, damit dies auf serbischem Territorium geschähe. Ob in Serbien der Uebertritt vom Christentum zum Juddntum erlaubt sei, ist ein strittiger Punkt; das Staatsgesetz verbietet nämlich nur den Uebertritt vom orthodoren Glauben zu einem andern, der Uebertritt von einem andern christlichen Glauben zum Judentum könnte demnach als gestattet gelten.