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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · p. Seite 692

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 692 (sequence 4)
Language
German
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Seite 692. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Wkndklsschi - kim ügnide? Von Bernhard Traubenberg. Einen wahren Werinlckaufguß von Klagen und Vorwürfen hat Dr. Bernfeld mit seinem Artikel „Die drei Moses" unserer Generation ins Gesicht geschüttet, und um einen Sündendock für die angebliche Dekadence des heutigen Judentums zu packen, die vollgefüllte Schale seines Zornes und seiner galligen Erbitterung auf das Haupt Moses Mendelssohns ausgegossen. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß die Zahl derer, die de» Streich gegui den Mann, der den deutschen Juden mit über gewaltiger Anstrengung die Bahn zur Kultur freilegte, anffangen und abwehren würden, Legion sei. Allein kein Finger rührte sich für den dem jüdischen Schoße entsprungenen Sohn, dem die philosophische Litteratur den Ehrennamen des „deutschen Sokrates" beilegte. Man denke nur an die Fülle von Volkstümlichkeit, die M's. Gestalt vor 9 Jahren gelegentlich seines 100. Todestages offenbarte und die in mannigfachen Stiftungen- und Wohlfahrtsschöpfungen nach einem würdigen Ansdruck rang. In der That, wäre nicht der Urheber jener Anklage ein so gewiegter Kenner unserer Litteratur, ein so feinsinniger Meister des hebräischen Stils, ein sonst so kompetenter Beurteiler jüdischer Geisteserzeugnisse und geschichtlicher Strömungen seines Stammes, es lohnte sich des Widerspruchs nicht gegen die geradezu furchtbaren Anschuldigungen, die infolge ihrer eigenen Schwere und Grundlosigkeit zu Boden fallen müssen. Bernseld selbst kann mit dem kränklichen Produkte seiner schwermütigen Stimmung unmöglich zufrieden gewesen sein. Auch kenne Spur eines Beweises fügt er seinen gewagten Behauptungen bei, die, wenn sie begründet wären, eine wahre Umwälzung in unserem Urteil über Moses Mendelssohn Hervorrufen würde. Der Mangel jedes Beweises zeigt ja zur Genüge, daß Bernfeld seine nur den Reiz der Neuheit für sich habende Ansicht nicht auf konkreten Thatsachen ausbant, sondern sie als einen Extrakt eines in ihm zählenden Bildungskatzenjammers und einer ans unseren Verhältnissen erklärlichen'trotzigen Verbissenheit gewonnen hat. Was sollen denn sonst die bis zum Ueberdruß wiederholten Hinweise der doch von ihnen selbst nicht ernst genommenen romantischen Maniriertheiten eines Heinrich Heine und Moses Moser, denen der abgenutzte, altvaterische Hausrat um so ehr- und anbetungswürdiger schien, je mehr sie selbst sich dessen Anblick ersparen konnten- Ans Bernfeld hören wir die Sehnsnchtsseufzer der zwanziger unv dreißiger Jahre von neuem nach Herrlichkeiten gen Himmel steigen, die in Wirklichkeit gar keine Herrlichkeiten sind. Diese Selbsttäuschung ruft uns jene Weltkinder jener selben Zeit vor die Seele, die in den verzückten Angeublicken des Gebetes mit schmachtenden Augen nach der Himmelsbraut hinaufschielten, während ihr außerkirchjiches Leben ein Austoben ungezügelter Lüste und wenig himmlischer Leidenschaften darstellt. Die in dieser Litteratur- und Lebcnsrichtung sich offenbarende Nomantik und Sehnsucht nach dem Halbdunkel hat Gott sei Dank vor der Epoche des naturwissenschaftlichen Zeitalters längst die Segel gestrichen. Unter den jüdischen Schriftstellern ist es wohl nur Bernseld, der nach der unjüdischen Atmosphäre nonnenbeseligender Klosterluft oder nach dem Anblick ausgestopfter alter Rabbi's webmülig znrückschmachtet, and es ist erklärlich, daß sich sein ganzer Haß gegen den Erwecker des Judentums aus geistigem Schlafe entlädt. Die Logik, deren Bernseld sich bedient, um Mendelssohn in den Abgrund zu stürzen, ist aber sehr schwach, seine heißen und manchmal unklaren Gefühle für das Judentum haben sie gänzlich verschlungen. Moses Mendelssohn ist der Mann, der die deutschen Juden aus jahrhunderte langer Ohnmacht zu geistigem Bewußtsein wieder zurückgerufen, die wissenschaftliche Verjüngung angebahnt, also.muß er auch nach der Logik des Herrn Dr. Bernfeld alle Sünden auf sich laden, die die wissenschaftliche Epoche verschuldet hat. Uebec die Bedeutung Moses Mendelssohns für die deutschen Inden, die Bernfeld leidenschaftlich angegriffen, kann ich mich hier in diesen paar Zeilen der Abwehr um so weniger verbreiten, als B. es nicht einmal der Mühe für wert gehalten hat, ein bei Gelehrten und Laien so fest eingewurzeltes Axiom durch irgend welche faßbaren Belege zu erschüttern. Was ist der einzige klar formulierte Vorwurf, den er Mendelssohn entgegenschleudert und der den Schein einiger Berechtigung immerhin erregen könnte? Alan höre: „Ich kann es nicht verschweigen, oaß mit ihm (Mendelssohn) die verhängnisvolle Epoche im Judentum beginnt, die ganze glorreiche und ruhmvolle Vergangenheit als einen Ballast zu empfinden, den man nicht schnell und gründlich genug von sich abwälzen kann . . ." Richtig. Mit Mendelssohn hat das Abwendcn von den väterlichen Sitten begonnen. Warum nicht 100, 200 Jahre früher? Nach Bernfeld jedenfalls, weil damals noch kein Mendelssohn Israel verderbt und sein Herz von seinen Heiligtümern abgelenkt hat. Einmal weist er Mendelssohn einen sehr beschränkten Einfluß auf das Leben der Juden zu, ja, nennt ihn eine Legende, die zu zerstören er sich als ein großes Verdienst anrcchnet und hier . . . schreibt er ihn: zu Lasten wieder alle Verfehlungen die in der That als eine Folge der Herabstimmung des jüdischen Empfindens seit Mendelssohn so zahlreich in die Erscheinung traten. Merkt Bernseld diesen Wiedcrspruch denn nicht? Versteht er ferner so wenig Zustände und Personen von einander zu trennen und begreift er den beinah naturnotwendigen Zusammenhang nicht zwischen Bildungsfortschritt und religiösem Verfall? Ich sollte meinen, es sei unnötig, den Kenner der Geschichte auf analoge Erscheinungen zu verweisen, die ihm über das gegenseitige Verhältnis von Geistesaufschwung und Glaubensniedergang Aufschluß geben könnten. Zeigt denn das Griechischägyptische und das goldene Zeitalter der spanischen Juden nicht genau denselben Gang? Was kommt's da viel darauf an, ob der oder jener der Träger der fortschrittlichen Ideen ist? Die Ideen selber, das sollte Herr Bernseld doch nicht verkennen, sind die Motoren, die jene von ihm beklagte Bewegung im Reiche des Geistes verursachen. Und ist es denn nur das Judentum, das den ehemals allein den Gegenstand aller Sorge ausmachenden religiösen Gedanken zu gunsten anderer Bestrebungen zurücktreten ließ? Leidet und stöhnt nicht die Kirche unter denselben Schmerzen? Kann Herr Bernfeld aus diesen allgemeinen Beobachtungen nicht ein gemeinsames Gesetz herleiten? Wenn er Mendelssohn als den Urheber unseres Verfalls bezeichnet, wer ist die Ursache der allgemeinen Glaubenslosigkeit und der Zerstörung auch der christlichen Religion und ihrer altgeheiligter Ueberliefernngen? Nach Bern-

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