Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 674 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 674. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 42.! § Geschäften und bis zu einem gewissen Grade dein Publikum gefährlich wird, wenn jene nicht geeignete Gcgcnoperationen unternehmen, und dieses dumm genug ist zu glauben, daß jemand ein riesiges Geschäft etabliert, um jedem etwas zu schenken. Der Rainscher hat statt des einen und anderen billigen Artikels, mit welchem jedes, auch das solideste Geschäft lockt, zwanzig Lockvögel, gewöhnlich Artikel von ganz geringem Wert, wie Nadeln aller Art, Zwirn, Knöpfe u. s. m., die billig, mit geringstem Verdienst, vielleicht sogar ohne Verdienst, ja mit Schaden verkauft werden. Die Käuferin, welche daraus schließt, daß, weil sie in dem Ramschgeschäft auffallend billig Nähnadeln und Zwirn und Fingerhute kauft, dort auch Teppiche und Paletots billig kaufen müsse, ist eine Närrin. Sie wird bei diesen Artikeln vielleicht nicht einmal ttbervorteilt. Der Ramscher hat schon seinen Nutzen, wenn er durch die billigen Lockmittel einen schnelleren Absatz seiner großen Artikel erreicht. Dazu kommt noch der Nutzen, der ihm erwächst aus der Barzahlung, die er leistet und empfängt, aus dem Masseinkauf u. s. iv. Das ist alles kein Betrug, das ist nur ein neues Geschäftsprinzip, ein Bündel verschiedener Geschäftsprinzipien, wie die festen Preise, geringer Aufschlag u. s. w. auch noch gar nicht so alte Geschäftsprinzipien sind, über welche s. Z. die „solide" Geschäftswelt gleichfalls Ach und Weh geschrien hat. Im Handel giebt es nicht Ruhe und Rast. Da verdrängt eine Idee die andere im ewigen Kampfe ums Dasein, und untergeht, wer zu lange jammert, statt den neuen Verhältnissen sich zu adaptieren, was noch nicht die neuen Ideen adopieren heißt. Daß oft oder selbst meist Juden auf diese neuen Gcschäftsideen kommen, oder wenn man irgendwo dahinter gekommen, sie schnell adoptieren, das liegt daran, daß sie durch Jahrhunderte gezwungen worden sind, einseitig ihren Geschäftssinn auszubilden, noch heute dazu gezwungen werden. Im übrigen würden alle diese Entwickelungen des Geschäftsverkehrs Deutschland nicht erspart bleiben, auch wenn kein einziger Jude im Lande lebte, ja selbst wenn nicht ein Deutscher dergleichen Geschäfte zu unternehmen den Mut oder die Lust Hütte. Es würden eben Ausländer kommen und versuchen, was hier zu Lande neu ist. Ehe der Jude Liebermann „die Engländer vom Kontinent verdrängt" hatte, waren es eben Engländer, die in Deutschland Kattun fabrizierten. Die geschäftlichen Vorwürfe, die man den Juden macht, beruhen also, so weit sie nicht von interessierter Seite herrühren, zum großen Teil auf Unkenntnis der Geschüftsentwickelung. Ans Alt-Knli». Zwei Kantoren Erinnerungen von weil. Prof. L. Lewandowski. II. Noch waren die bedenklichen Schwierigkeiten der vier verschiedenen Notenschlüssel nicht gehoben. Immer von neuem entbrannte der Streit, ob die Note auf der ersten Linie des Notensystems o, I, «i oder Z heißt. Sehr natürlich wiederholten sich in den Proben unleidliche Dispute und der alte Herr, von der Notwendigkeit durchdrungen, seine Autorität zu wahren, mußte manche Aeußcrungen eines Grünschnabels, die unter anderen Verhältnissen eine Beleidigung gewesen wäre, ruhig hinnehme». Eines Tages, es war nach der hohen Festzeit, ließ mich A. L. zu sich bitten, um mit mir zu beraten, wie es zu machen sei, all die Mißhelligkeiten zwischen ihm und dem Ehorpersonal zu beseitigen. Nach vielfgchem Hin und Her kamen wir zu dem Entschlüsse, die ganze Partitur in den Violinschlüssel zu transponieren. Die Ausführung dieses Entschlusses mar zwar der einzig mögliche Ausweg, den streitenden Punkt aus der Welt zu schaffen, er war aber mit tausend Gefahren verbunden. Wer je größere Musikstücke transponiert hat, wird an sich die Erfahrung gemacht haben, daß die Umschreibung umfangreicher Partituren schon deshalb nicht geraten sei, weil, bei aller Sorgfalt und Genauigkeit, Fehler unvermeidlich sind. Der Versuch, einige Nummern umzuschreiben, war durch die Liebe zur Sache und durch die Lernbegierde der jungen Kopisten, leidlich gelungen. Manche Pic<?e ist durch diese Arbeit klarer und verständlicher geworden. Nach und nach war die ganze Partitur umgeschrieben und dadurch allen Streitigkeiten ein friedliches Ende bereitet worden. Die zunehmende Schwäche Lions machte oft Vertretungen notwendig; Mirkin und der Synagogendiener (Schammes) Seelig Joseph, ein in der Schule des alten Aron Beer, des Vorgängers Lions gebildeter Naturalist, thateu dies nach besten Kräften. Seelig Joseph, mit einer von Jugend an begabten, antiquierten „Mauch-Kol-Stimme", zeichnete sich durch den Triller, den er stets in Terzen ausführte, rühmlichst aus. — Die Leistungen der Vertreter genügten der Gemeinde durchaus nicht, und die Gemeinde drängte den Vorstand, neben A. L. einen zweiten Kantor etatsmäßig anzustellen. Patriotische und Nationalfeste brachten von Zeit zu Zeit Belehrungen in deutscher Sprache in die Synagoge. Die, Gedankenfülle Zunz'scher Kanzelreden wurde die natürliche Anregung zu regelmäßigen Vorträgen in der Synagoge. Und so kam 1844 Michael Sachs, dessen Beredsamkeit alle Hörer zur Bewunderung und Begeisterung hingerissen, als Prediger von Prag nach Berlin, lieber diese Persönlichkeit und ihre überreichen Gaben zu sprechen, fühle ich mich weder berufen nech befähigt. Es sei jedoch die Bemerkung gestattet, daß in der Berliner Gemeinde Michael Sachs unvergessen bleiben wird. — Sachs kam aus einer Gemeiner, die bereits einen zeitgemäßen Gottesdienst mit vortrefflichen Leistungen und zeitweiliger Benutzung der Orgel besaß. Pereles beherrschte dort das Gebetpult. — Was Wunder, wenn Michael Sachs von der oft albernen und abgeschmackten Vortragsweise des A. L. nicht sehr angenehm berührt war und sie demgemäß beurteilte. Die Anstellung einer jungen Kraft, welche als Vorbeter im modernen Sinne wirken sollte, wurde durch den Vorstand zum Beschluß erhoben. Man richtete seinen Blick auf Lichten st ein, zur Zeit in Stettin. Sein Ruf großer Begabung und immenser Stimmmittel war allgemein verbreitet. Lichtenstein erhielt noch im Jahre 1844, kurz vor den hohen Festtagen, vom Gemeinde-Vorstane eine Einladung zu einem Sabbat-Vortrag. Lichtenstein, überrascht von der ihm zuteil gewordenen Ehre, bat mich brieflich, ihn in Stettin zu besuchen. Die Veranlassung zu dieser Bitte war eine sehr natürliche. Lichtenstein hatte bislang noch keinen Kultus mit Chorgesang zelebriert. Ich reiste nach Stettin, um ihn für eine so schwierige Funktion vorznbereiten. Um ihm keine Uirbequemlichkeiten zu bereiten, habe ich dort seine, ihm lieb ge-