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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-18 · 42 (18.10.1895) · p. Seite 673

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
Seite 673 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 67st. mehr als gebesserte, der Gesellschaft wiedergegebene Mitglieder derselben angesehen werden können. Auch 'diesen Verwaltungen wird Decharge erteilt nnd damit schließt die öffentliche Sitzung. AatiseiMchr Domiirft. Von einem germanisierten Talmndjndttt. (Schluß.) llm nur ein Beispiel zu erwähnen. Es stirbt ein Mann, der ein in griechischen, mexikanischen, schwedischen, argentinischen Papieren angelegtes Vermögen hinterlassen hatte, das die Witwe aus irgendwelchen Gründen sofort versilbern muß. Sie geht zum Bankier und für oie ganze Hinterlassenschaft, die in den verschiedensten nnd fernsten Ländern realisierbar ist, erhält den ganzen angenblichen Wert sofort voll ausgezahlt. Nun soll aber die Hinterlassenschaft bestehen in Büchern, Juwelen, Möbeln, einer Villa, einem Gut. Falls sich ein Käufer überhaupt so bald findet - dann kann die Witwe froh sein, wenn sie je nach der Art der Hinterlassenschaft hfig—2/s ihres reellen Werts bar erhält. Daß letztere Hinterlassenschaften so viel unter dem wirklichen Werte verkauft werden müssen, liegt daran, daß es für Bücher, Villen n. s. w. keine Börsen giebt bezw. geben kann. Und daß der Börse das Verdienst zuzuschreiben ist, daß börsengängige Effekten zu jeder Zeit für den augenblicklichen Wert verkauft werden können, geht daraus hervor, daß, wenn die etwaigen Papiere nicht an der Börse gehandelt werden, sie auch mit großem Verluste verkauft werden müssen, wenn sie nicht überhaupt unverkäuflich sind. Der nützliche Einfluß der Börse geht viel weiter und ist ein überaus mannigfacher. Daß sie auch mißbraucht werden kann und wird, ist wahr; aber die göttliche oder menschliche Einrichtung soll erst gesunden werden, die nicht mißbraucht wird. Die beste und nützlichste wird es sogar am meiste». Ist die Börse aber nicht der Höllenpfnhl, dann sind auch die Börsenbesncher, christliche oder jüdische, nicht alles Teufel. Aber nicht nur über den Charakter der Börse und BörsenbesucherF sondern auch über die Erfolge an der Börse herrschen die irrigsten Auffassungen. Die braven Philister, Krämer, Handwerker, Pastoren und solche Junker, die noch nicht selbst vom Baume der Erkenntnis genossen, glauben, daß der Börsenmann weiter nichts thnt, als daß er spielend Geld verdient. Eingeweihte denken über das Verdienen der Börse ganz anders. Kaum Einer unter Tausend hat an der Börse nennenswerten Erfolg. Das ist die Meinung von Börsenkennern. Wie wenig diejenigen etwas von den Börsenspekulationsgeschäften halten, die sie kennen, und täglich im großen Maßstabe zu beobachten Gelegenheit haben, davon habe ich mich einmal persönlich überzeugen können. Ein christlicher Freund hatte durch Börsenspekulation innerhalb bescheidener Grenzen einige hundert Mark gewonnen, und bat mich, da ich doch besonders gute Gelegenheit dazu hätte, auch einmal zu spekulieren. Ich wollte ihm de» Gefallen thun, und auch einmal versuchen. Als ich in dem Bureau einer der ersten Berliner Banken, wo ich sämtlichen Herren als ein solider Mensch, wie man zu sagen pflegt, bekannt bin, meine Absicht, einmal zu spekulieren, erklärte, da war auch nicht ein Einziger, der nicht Heraugekommen wäre, um mir abzureden, und ein Herr, der nicht zu Worte kommen konnte, steckte mir noch schnell einen Zettel mit drei Kreuzen als Warnung zu. Ich folgte diesen Warnungen nnd hatte allen Grund, sehr dankbar für sie zu sein. Auch ist der Börsenmann, der* selbst mäßigen Erfolg hat, keineswegs eine beneidenswerte Person. Ich hatte einmal mit einigen kleinen Börsenleuten ein Jahr hindurch zu thun. Einer von ihnen war geweckt, sehr eifrig nnd verdiente wirklich für seine Verhältnisse und im Vergleich mit Beamten, Geschäftsleuten ziemlich viel. Aber welche Existenz! Keine ruhige Stunde, kaum eine Nacht ruhigen Schlafs! Ewige Aufregung und Angst. Es war für mich entsetzlich, diese Qualen auch nur gelegentlich mit anzusehen. Schließlich wurde er vom Schlage gerührt. Ich bin fest überzeugt, dieser Mann würde, bei seiner Begabung und bei seinem Fleiße, den er auf die Erlangung von Informationen u. s. w. verwendete, wenn* er irgend jetmas ^anderes unternommen hätte, es im Laufe der Jahre pekuniär ebenso weit, vielleicht weiter gebracht, seine Gesundheit behalten und mindestens nicht so entsetzliche Jahre verlebt Haben. Viele Juden besitzen in ziemlich hohem Maße die schnelle Kombinationsgabe, Phantasie, kalte Berechnung, Waghalsigkeit und Entschlossenheit, welche zum Börsengeschäfte erforderlich sind. Daß diese Begabung ihnen zum Segen gereicht, möchte ich bezweifeln. Jedenfalls sind die jüdischeil Spekulanten nur ein Teil der Spekulantenwelt, und wo es keine oder nur wenige Juden giebt, da blüht der Giftbaum nicht minder. Er würde in Berlin weiter wachsen, blühen und gedeihen, auch wenn kein einziger Jude da wäre, er würde genau denselben Segen stiften und dieselben giftigen Miasmen auSdünsten. Genau so verhält es sich mit den Wanderlagern, Ausverkäufen, Auktionen, Namsch- und Abzahlungsgeschäften. Früher oder später findet man sie alle überall mit oder ohne Juden. Soweit sie auf Betrug basieren und daher Qbjekte für den Staatsanwalt bezw. Gesetzgeber sind, gehen sie mich hier nichts an. Mögen diese ihres Amtes malten. Die andern Geschäfte werden verurteilt, blos weil sie neuartig sind, wie man s. Z. Shoddp, Talmi, Simili, Margarine u. s. w. u. s. w. auch verurteilt hat, deren Wert jetzt nur noch ganz extra-bornierte Menschen nicht anerkennen. Die Abzahlungsgeschäfte sind die notwendige Folge der Entwicklung der großen Städte, Industriezentren, der zahlreichen modernen Bedürfnisse und Allforderungen. In L. bei meiner Mutter eristierte auch schon das Abzahlungsgeschäft, nur daß man in dem kleinen Städtchen, wo einer den anderen kannte, bei den primitiven Zuständen keine Zinsen nahm und keine besonderen Kautele» brauchte. In frühereil Zeiten brauchte man auch wenig oder keine Hotels, da reichte die — Gastfreundschaft aus. Heute ist die Gastfreundschaft nur »och eine Tugend halbzivilisierter, wenn nicht ganz unzivilisierter Länder. Das moderne Abzahlungsgeschäft ist genau so das Produkt unserer entwickelten Verhältnisse, wie das Hotelwesen, das ja auch seine Auswüchse hat. Das Namschgeschäft würde, wenn cks nicht schon existierte, sicher morgen, oder übermorgen erfunden werden. Die Ueberprodukliou, der häufige Geldmangel der Fabrikanten, die Sucht des Publikums billig zu kaufen, die Thatsache, daß es bei vielen Dingen gar nicht darauf ankommt, daß sie solide und gewissermaßen für die Ewigkeit hergestellt seien, wie der Bauernrock früherer Zeiten, und noch verschiedene Umstände erheischen naturnotwendig das Namschgeschäft, das nur dann übertrieben große Dimensionen annimmt und den konkurrierenden

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