Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 201. I e s cH u r u n. Nr. 13. Das Ment« in Aimika. Von Professor Dr. Ä. Deutsch, Cincinnati. 2. Geschichte. Die Aiisiedlung der Juden in Amerika läßt sich auf dem Wege, den der Gedanke der Religionsfreiheit genommen hat, verfolgen. Unsere ersten geschichtlichen Nachrichten finden die Juden in Brasilien unter holländischer Herrschaft. Sie waren im 16. Jahrhundert, als Brasilien portugiesisch war, als 'Neuchristen eingewandert, Hallen beim Wechsel der Regierung unter den Holländern (1624) offen ihr Judentum bekannt, und mußten deshalb, als das Land wieder portugiesisch wurde, (1654) sich auf die Suche nach einer neuen Heimat begeben. Neiv-Pork, damals eine Besitzung der Holländer, unter dem 'Namen 'Ncu-Amstcrdam, schien wegen der im Mutterlande ausgesprochenen Duldung ihr natürliches Ziel, doch sollten sie auch hier nicht ohne Kämpfe ihr 'Niederlassungsrecht erlangen. Der Gouverneur der Kolonie Stupvesant war ihr entschiedener Gegner und verlangte von den Direktoren der hollündtsch-ostindischen Kompagnie, daß es den Juden verboten werde, das Kolonialgebiet „zu behelligen". Dieses Gesuch wurde als „der Vernunft und Gerechtigkeit zuwider" abgelehnt, doch sollten die Juden denselben Gesetzen unterworfen bleiben, unter welchen sie im 'Mutterlande standen, und besonders ward ihnen Kleinhandel verboten. Ein Jahr nach ihrer Landung reichten die jüdischen Ansiedler ein Gesuch um Gestattung der Errichtung eines Friedhofes ein, das anfänglich abschlägig beschieden, im Jahre 1656 aber genehmigt wurde. Erst um 1630 wurde die erste Synagoge errichtet. Inzwischen war offenbar durch manche behördliche Plackereien den Juden die Erkenntnis aufgegangen, daß Neu- Amsterdam nicht jenes Ideal der Freiheit verwirkliche, welches sie sich erträumt hatten, und darum wandten sie sich nach der Kolonie Rbode Island, wo der englische Baptistenprediger, Roger Williams, völlige Religionsfreiheit proklamiert hatte. Sie ließen sich in 'Newport nieder, welches vor der Revolutionszeit ein wichtiger Seehafen war, nach der Befreiung aber in völlige Bedeutungslosigkeit herabsank, sek daß die jüdische Gemeinde nur aus dem „'Minister" bestand, der durch die Stiftung Juda Touro's, des großen Philanthropen, erhalten wurde. Das war im Jahre 1657. Den Zuwachs dieser Gemeinden während des 17. und 13. Jahrhunderts war ein sehr unbedeutender. Er rekrutierte sich aus England und Holland, die damals nur eine geringfügige, jüdische Bevölkerung hatten; doch fanden auch Marannen aus der pyrenäischen Halbinsel ihren Weg hierher, denn Mordeeai Manuel Noah erzählt, daß seine Dante lebenslang an ihren Armen 'Narben der Stricke zeigte, mit welchen sie auf die Folter gespannt worden mar. Die nächste Niederlassung der Inden wurde in Savannah, Georgia, gegründet. Diese Kolonie wurde durch den englischen Philanthropen, General Dglethorpe, 1733 ins Veben gerufen, mit der Absicht, Sträflingen, welche ihre Strafzeit verbüß! hatten, Gelegenheit zum Beginne eines neuen Lebens zu geben. Englische Juden hatten, dadurch angeregt, ein Schiff ausgerüstet, welches einige Monate nach der Gründung der Kolonie daselbst eintraf. Die Patrone dieses Unternehmens in England waren von diesem Zuwachs auf's unangenehmste über rascht; sie fürchtete», daß die jüdische Geineinde dem guten Rufe der SpitzbubemKolouie schaden könnte, obwohl sie über die Juden, unter denen sich ein aufopseruugssühiger Arzt, Tr. 'Nunes, befand, nur Gutes gehört hatte». Unter diesen Einwanderern findet sich auch ein 'Name polnischer Herkunft, Sheftall, wohl eine familiäre Benennung für Sabbatai. Bon Savannah aus wurde Charleston, Süd Carolina, besiedelt. Was die Auswanderung veranlaßte, ob es die Feindseligkeit der englischen Gesellschaft oder das natürliche Gesetz der Kolonialbewegung war, ist nicht bekannt. Die Gründung dieser neuen Gemeinde fand im Jahre 1750 statt. Charleston spielt in der inneren Geschichte des Judentums in Amerika und des modernen Judentums überhaupt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier wurde im Jahre 1342 die erste Resormgemeinde auf amerikanischem Boden gegründet, beeinflußt offenbar durch die gleichzeitigen Vorgänge in London und Hamburg. Diese' Dhatsache ist auch dadurch bemerkenswert, daß hier ein Fall vorliegt, wo eine ausschließlich portu giesische Gemeinde den Weg der Reform betrat. Etwas dunkler sind die Anfänge der nachher zu großer Bedeutung gelangten Geineinde in Philadelphia. Ihr erster Tempel, Mikweh Israel, wurde im Jahre 1731 eingeweiht; doch hat es schon im Jahre 1736 einen jüdischen Beerdigungsplatz gegeben und die Anwesenheit eines Inden, namens Arnold Bamberger, ist schon aus dem Jahre 1726 amtlich bezeugt. Außer den Genannten gab es vor dem Unabhängigkeitskriege wohl nur noch eine Gemeinde in den Kolonien, die von Caneaster, Pennsylvania. Erst im 10. Jahrhundert, durch die verstärkte Einwanderung seit den dreißiger Jahren, bildeten sich jüdische Gemeinden im Westen, deren älteste die B'ne Israel-Gemeinde in Cincinnati ist. Im Jahre 1324 trennte sich die erste deutsch-polnische Gemeinde von den Portugiesen ab, und sie war zugleich die erste Gemeinde mit englischer Predigt, als sie Reverend Samuel Bl. Jsaacs zu ihrem Minister wühlte. New-Drleans hatte schon in den zwanziger Jahren, und San Francisco im Jahre 1341 eine jüdische Gemeinde. So war bereits vor Abschluß der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts das Judentum über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten verbreitet. Eine bekannte Phrase, die man oft von den Leuten hört, oft von sehr vernünftigen und scharfsinnigen Menschen, und woinit sie vor ihrem eigner! Bewußtsein und vor anderen mancherlei Gebrechen und verfehlte Lebensbahnen verdecken wollen, möchten wir hier einmal beleuchten, und in ihrer irreligiösen Bedeutung Nachweisen, die Phrase nämlich: „Ich habe kein Glück gehabt!" Des Menschen Lebenüereignisse werden, wenn wir sie klar beschauen, allesamt durch zwei Faktoren gestaltet: durch die Fügung der Umstünde und Verbältniffe, und durch de» Willen und die Dhatkrafl des Menschen. Run wird wohl schwerlich irgend ein Mensch in seinem Leben nicht einmal eine so günstige Fügung, ein so angemessenes Zusammentreffen der Umstände gehabt haben, daß, wenn er dieselben mit festem Willen und rascher Dhatkraft ergriffen hätte, er nicht zu einem gedeihlichen Ziele gekommen wäre, und sich nicht aus diesem Knotenpunkte seines Geschickes Vcrgunst nach Vergunst entwickelt hätte. Aber viele Menschen sind viel zu langsam, viel zu träge, viel zu leichtfertig mit unwesentlichen Dingen beschäftigt, um den rechten Zeitpunkt, die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen; selten ist es daun, und auch gar nicht zu fordern,