Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 200. JescHurun. Nr. 13. In dein Abschnitte „Das religiöse Wesen" schreibt Nietzsche: „In dem jüdischen „alten Testament", dem Buche von der göttlichen (Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Style, daß das griechische und indische Schriftentum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man stebt mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren lieberbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbiuselchen Europa, das durchaus gegen Asien den „Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich, wer selbst nur ein dünnes, zahmes Haustier und nur Hanstierbedürfnisse kennt..., der hat unter jenen Ruinen weder sich zu verwundern noch gar sich zu betrüben. Der Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht ans „Groß" und „Klein". — Die hieran sich knüpfenden Aeußerungen Nietzsche's über das Neue Testament wollen wir aus begreiflichen Gründen nicht reproduzieren. In dem „Völker und Vaterländer" betitelten Abschnitte führt Nietzsche aus: „Was Europa den Juden verdankte — Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und vor allem Eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den großen Styl in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten ----- und folglich gerade den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Teil jener Farbenspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Kultur, ihr Abendhimmel, glüht — vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Inden dankbar. Man muß es in den Kauf nehmen, wenn einem Voike, das am nationalen Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet, leiden will, muncherlei Wolken und Störungen über den Geist ziehen, kurz, kleine Anfälle von Verdummung: z. B. bei den Deutschen von heute bald die antifranzösische Dummheit, bald die antijüdische, bald die antipoinische, bald die christlich-romantische, bald die wagnerianische, bald die teutonische, bald die preußische (man sehe sich doch diese armen Historiker, diese Sybel und Treitschke und ihre dick verbundenen Köpfe an), und wie sie alle heißen mögen, diese kleine Bcnebelungen des deutschen Geistes und Gewissens. Möge man mir verzeihen, daß auch ich bei einem kurzen gewagten Aufenthalt auf sehr infiziertem Gebiete nicht völlig von der Krankheit verschont blieb und mir, wie alle Welt, bereits Gedanken über Dinge zu machen anfing, die mich nichts angehen: erstes Zeichen der politischen Infektion — z. B. über die Juden; man höre: Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der den Juden gewogen gewesen wäre, und so unbedingt die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei von seiten aijer Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtete sich doch auch diese Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls selber, sondern nur gegen seine gefährliche Unmäßigkeit, insbesondere gegen de» abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmäßigen Gefühls — darüber darf man sich nicht täuschen. Daß Deutschland reichlich genug Juden hat, daß der deutsche Magen, das deutsche Blut Not hat (und noch auf lange Not haben wird), um auch nur mit diesem Quantum „Jude" fertig zu werden — so wie der Italiener, der Franzose, der Engländer fertig geworden sind infolge einer kräftigeren Verdauung. Das >st die deutliche Aussage und Sprache eines allgemeinen Instinktes, auf welchen man hören, nach welchem man handeln muß . . . Die Juden sind ohne allen Zweifel die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sic verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen, sich durchzusetzen (besser sogar als unter günstigen) vermöge irgendwelcher Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln möchte, dank vor allem einem resoluten Glauben, der sich vor den „modernen Juden" nicht zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen macht als ein Reich, das Zeit hat und nicht von gestern ist, nämlich nach dem Grundsätze: „so langsam als möglich!" Ein Denker, der die Zukunft Europas auf seinem Gewissen hat, wird bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese Zukunft macht, mit den Inden rechnen wie mit den Russen, als den zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Faktoren im großen Spiel und Kamps der Kräfte. Das, was heute in Europa „Nation" genannt wird und eigentlich mehr eine rs» facta als nata ist, ja mitunter einer t'S8 lrcta «ck picta zum Verwechseln ähnlich sieht, ist in jedem Falle etwas Werdendes, Junges, leicht Verschiebbares, noch keine Raste, geschweige denn ein solches asra xoronnin«, wie es die Judenart ist. Diese „Nationen", sollten sich doch vor jeder hitzköpfigen Konkurrenz und Feindseligkeit sorgfältig in Acht nehmen!"- Nietzsche stellt nun die schon erwähnte höchst sonderbare Behauptung auf, daß die Juden, wenn sie wollten oder wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen, jetzt schon die „Herrschaft" für Europa haben könnten, daß sie aber nicht darauf hinarbeiten, sondern „einstweilen" sogar mit einer Zudringlichkeit wünschen, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden! „Sie dürsten darnach", fährt dann Nietzsche fort, „endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden" ein Ziel zu setzen, und man sollte diesen Zug und Drang, der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Instinkte ausdrückt, wohl beachten und ihm entgegenkommen, wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreibhälse des Landes zu verweisen; mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit Auswahl, ungefähr so, wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Hand, daß am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschtums mit ihnen einlassen könnten, z. B. der adelige Ofnzier ans der Mark; es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des BefehlenS und Gehorchens — in beidem ist das bezeichnet« Land heute klassisch - das Genie des Geldes und der Geduld (und vor allem etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichnet«.'» Steile fehlt) Hinzuthun, hinzurichten ließe. Doch hier ziemt es sich meine heitere Deutschtümelei und Festrede abzubrcchen, denn ich rühre bereits an meinen Ernst, an das „europäische Problem" wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen, über Europa regierenden Kaste. . . ."