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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 178 (sequence 18)
Language
German
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Seite 178. I e s «H rr r u n Nr. 11. meinde insofern, als sie ihren seit 22 Jahren hier in Ehren wirkenden Rabbiner in eine glänzendere Stellung kommen sieht, während sie selbst infolge veränderter Verhältnisse fortan ohne Rabbiner fortleben muß. Die Feier bestand in einem Souper und Ball, zu welch letzterem sich nach Beendigung des ersteren die junge Welt zahlreich einfand. Die Reihe der Tischreden eröffnete Dr. Hahn mit einem Hoch auf den Kaiser; er wies besonders darauf hin, daß des Herrschers überall hervortretendes Streben nach ausgleichender Gerechtigkeit auch für die jüdische Bevölkerung in diesen für sie so schweren Zeiten eine tröstliche Hoffnung gewähre, daß in Ansehung des altpreußischen „suum <-nü>u«" auch eine kleine Minorität nichts zu fürchten habe, so lange sie sich durch Hingebung an König und Vaterland ebenso bewähre, wie alle andern. Nachdem das stehend gesungene „Heil Dir im Siegerkranz" verklungen, nahm der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Mar Schwarz, das Wort, um dem verehrten Rabbiner und seiner Familie die Glückwünsche der ganzen Gemeinde mit auf den Weg zu geben. Es klang wie traurige Resignation, als der Herr Vorsitzende betonte, wie die Gemeinde nun sozusagen verwaist zurückbleibe. Im Namen der Repräsentanten sprach Herr Julius Hahn bewegte Worte des Abschieds. Im Namen des jüdischen Wohlthätigkeitsvereins überreichte Herr S. Lebbin dem Ehrenmitgliede Herrn Dr. Pick einen Stock mit Widmung, indem er mit wohlgelnngenen launigen Ausführungen über die Bedeutung des Stockes für den Rabbiner, Lehrer, Gatten und Vater die Lachmuskeln der Tischgenoffen in Bewegung setzte. Auch Herr Kantor Jacoby widmete dem Herrn Rabbiner anerkennende und bewegte Worte. Herr Dr. Pick dankte einem jeden einzeln mit herzlichen liebenswürdigen Ausführungen. Launige Reden folgten aber den ernsten und nach Beendigung des Mahles hielten Tanz und Frohsinn die Festtcilnehmer bis in die Morgenstunde zusammen. Es war so recht ein Ehrenfest für Herrn Rabbiner Dr. Pick. Er durfte die Ueberzeugung gewinnen, daß er sich in seiner bisherigen Gemeinde durch sein friedfertiges Wirken Freunde und Sympathien allseitig erworben hat. Möge ihm auch in seiner neuen Heimat der Stern des Glückes leuchten! * o Dr. Löwenmayer. Man schreibt uns aus Salzburg: Wohl sagt der Pfalmist: „Unsere Lebenstagc währen gewöhnlich 70 und in Ausnahmsfällen 80 Jahre", und die tägliche Erfahrung bestätigt den Ausspruch des Weisen zur Genüge, unv doch hätte vor 14 Tagen noch niemand geglaubt, daß unser körperlich und geistig so frisch und rüstiger 82jähriger Distriktsrabbiner Dr. M. Löwenmayer so rasch und unerwartet den Weg alles Fleisches gehen würde, und bedeutete das am 1. Adar (20. Februar er.) erfolgte Ableben dieses ehrwürdigen, ungemein beliebten Greises geradezu einen unersetzlichen Verlust. Der selig Entschlafene amtierte 57 Jahre dahier mit hingebender, aufopfernder Pflichttreue, unermüdlichem Schaffens- und Thatcndrange, war ausgerüstet mit den umfassendsten Kenntnissen auf religiösen und profanen Gebieten, zeigte sich fortwährend als ein „Freund des Friedens", der Einfachheit und Bescheidenheit, bekundete unausgesetzt seine toleranten und humanen Gesinnungen, pflegte wcrkthütige Nächstenliebe, hielt mit unerschütterlicher Festigkeit an dem altüberlieferten Glauben der Väter und begeisterte durch seine inhaltsreichen, herrlich vorgetragenen Predigten. Er erhielt vor 2 Jahren wegen seines verdienstvollen Wirkens von unserm Prinzregenten den Michaelsorden. Hatte man dein liebenswürdigen Greise schon bei Lebzeiten Hochachtung, Zuneigung und Anerkennung gezollt und seine vortrefflichen Leistungen gewürdigt, so gestaltete sich das Leichenbegängnis zu einem wahrhaft erhebenden Kiddusch haschem. Hoch und nieder, arm und reich, ohne Unterschied der Stellung und Konfession eilten sie herbei, um den Dahingeschiedenen zur letzten, ewigen Ruhestätte zu geleiten. Die fast vollzählige isr. Kultusgemeinde Neumarkt, welche nebst Thalmässing und bis vor 10 Jahren auch Regensburg zum hiesigen Rabbinate gehörten, die lKesamteinwohnerschaft unseres Marktfleckens, die protestantische und katholische Geistlichkeit des Ortes und der Umgebung, die Verwaltung der politischen Gemeinde, Vereine, zahlreiche Freunde aus der Ferne, der höchstgestellte Beamte des Distriktes, der König!. Bezirksamtmann und viele andere Honorationen waren erschienen. Der „Oraun" wurde in der Synagoge, an dem Orte anfgestellt, woselbst der fromme Rabbi so lange und so gerne seines Amtes gewaltet hatte, und widmeten die Herren Rabbiner Dr. Meyer- Regensburg und Dr. Deutsch-Burgpreppach-Fürth dem Nestor der bayerischen Rabbiner Geist und Gemüt ansprechende Trauerreden, unter Zugrundlegung der Tertstellen Erodus 25, 8 und Psalm 73, 24. Auf dem Friedhofe widmete Herr Joseph Regensburger im Aufträge der Gemeinde dem „Edlen und Großen" tiefempfundene Dankesworte, und die Herren Lehrer K a hn-Neumarkt undO ppenh eimer-Sulzbürg gaben ihren HerzenSregungcn mit thrünenerstickter Stimme, nachdem die irdische Hülle dem Schoße der Erde anvertraut war, beim Schlußgottesdienste in der Synagoge den wärmsten Ausdruck. — So ist denn ein reichbewegtes Leben zum Stillstände gebracht, ein ganzer Mann von uns geschieden. Er ruhe in Frieden! * Hier und Dort. „Sohne, Talmud und Antisemiten" betitelt sich eine kleine Broschüre, die bei Neufeld n. Heiiins in Berlin erschienen ist. Der Verfasser - Direktor Dr. Adolf Rorhenbiicher, ein bekannter Schulmann — liefert darin in sachlicher Weise durch Anführung von Belegstellen aus dem Tohar, dein Talmud und anderen Schriften, sowie durch statistische Angaben den Beweis, dast die antisemitischen Angaben über die jüdische Geheimlehren unwahr sind. — „Krieg bis znm Messer" empfiehlt die „Krenzzlg." gegenüber dem Judentum, Es sei das Einzige, was das Jndentum verstehe, und wenn dieser „Krieg" mit der gehörigen Rücksichtslosigkeit geführt würde, auch innerlich respektiere. Aus Hamburg wird berichtet: Als Alterspräsident eröffnete G. R. Richter, seit 1859 Mitglied der Bürgerschaft, die erste Versammlung der halbschichtig erneuerten Bürgerschaft. Bei Anwesenheit von 128 Mitgliedern wurde der bisherige Vorsitzende, Bankier Siegmund H i nrichsen mit alle» gegen zwei Stimmen wicdcrgewählt. lieber Antisemitismus bei der Militäraushcbung berichtet der „Halbcrst. (steu.-Anz." aus Halberstadt: Der untersuchende Stabsarzt soll antisemitische Ausdrücke gegen die jüdischen Gestellungspflichtigen gebraucht haben und zwar in Gegenwart des Oberbürgermeisters von Halbcrstadt. Die jüdische Gemeinde in Halberstadt hat in dieser Sache bereits eine Beschwerde au das Kricgsministerium gesandt. — Ter Regierungspräsident zu Arnsberg Winzer erläßt eine amtliche Bekanntmachung, betreffend Bewerbung um die Kreisphysikatsstclle des Kreises Schwelm. In der Bekanntmachung heißt es, dag Bewerbungen unter Beifügung der Zeugnisse „bei Angabe des Religionsbekenntnisses" schriftlich bei dem Regierungspräsidenten anzubringen sind. Was hat denn das Religionsbekenntnis mit der Qualifikation eines KrciSphysikus zu thun? - Ter Privatdozent Dr. Cahii in Straßbnrg ist zum außerordentlichen Professor in der medizinischen Fakulät der dortigen Kaiser Wilhelm-Universität ernannt worden. — Am 15. Fcbr. feierte Herr Kantor Schiller mit seiner Gattin, geborene Blüml in Wien das Fest de.- silbernen Hochzeit und gleichzeitig sei» 40jähriges Amtsjubiläum. Mit 9 Jahren wurde Herr Schiller in die kantoralen Jnnktionen eingeführt. Am 18. Augnst 1885 wurde er Kantor in Kojetcin, am 5. September 1880 in Wien. Die Errichtung eines Religionslehrcrscminar, in Lemberg, dessen Unentbehrlichkeit im

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