Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 168. Zepcyurun. Nr. I I. erhalten dafür einen weißen Porzellannapf mit einem vorzüglich mundenden, nahrhaft gekochten Essen. Junge Mädchen, selbst eine Greisin, sind in unaufhörlich anstrengender Bedienung thätig. Frau Abraham und abwechselnd ihr Gatte überwachen die Akkuratesse des Ganzen, die Ordnung, Reinlichkeit, und entscheiden jene selbstredend jeden Augenblick auftretenden Fragen, in den sowohl die Karte, als der Nickel fehlt. Unter allen Umständen wird der Bittende, gleichgiltig, ob er cs verdient oder irgendwie beanspruchen darf, gespeist und so geht der Hauch des Friedens und der Dankbarkeit durch diese süns oder sechs Räume, in denen große Tafeln stehen — dieser beglückende Hauch, von dem unser Leben da draußen so wenig Kunde und Beglaubigung gicbt - — -. Hervorragend interessieren noch zwei Punkte: Einmal, daß selbst hier, wo doch die Armut und die Not als Gäste sitzen, immerhin ein gewisser Klassenunterschied — vielleicht nur der der Bildung, den ich anerkenne, ein soziales Vorrecht, wenn ich so sagen darf, — sich zeigt. In zwei von den größeren Speiseräumen getrennten Zimmern saßen Studenten, junge Künstler, Architekten, Handwerker aller Art, Schreiber, angehende Kommis u. a. m. und aßen selbstverständlich dasselbe Gericht, das gerade an der Tagesordnung war. Ein großer Teil dieser Männer hat Freikarten, — die übrigen zahlen wenige Pfennige — aber, daß sie hierherströmen, bewies mir, wie gut die Speisen, wie taktvoll die Art der Humanität! In einem besonderen Raum saßen Frauen. Halberwachsene Mädchen und Knaben holten in großen irdenen und Blechgefäßen das schmackhafte Essen über die Straße. Die freundlichste Ueberraschung war mir endlich um Mi Uhr Vorbehalten. Zu dieser Zeit erschienen 60 bis 80 kleine Schulkinder, fast ausnahmslos mit ihren Bercchtigungskarten, die ein junges Mädchen kontroliert, setzten sich an die inzwischen frei gewordenen Tafeln und aßen mit jenem beneidenswerten Appetit der Fugend, der ja der beste Koch ist. Ans meine Frage an einen blondlockigen Jungen (— ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß mindestens die Hälfte aller Gäste der I sraelitis ch e n Volksküche, in der selbstredend nach jüdischem Ritual gekocht wird. Christen waren—) „wie es ihm schmecke?" antwortete er: „Prächtig!" und zeigte mir lachend jene zweinndreißig Perlen, wie sie Friedberg und Werner nicht schöner und edler haben! Mir ging das Herz auf und ich schlich mich in eine Ecke, mir das nasse Salz ans den Augen zu wischen, als nun auch die bleiche, abgehärmte und erfrorene Jugend eintrat, um für die sieche Mutter, den gelähmten Vater, die elenden, verkommenen Geschwister ein Bischen warmes Esten zu holen. . . . Ja, ein ganz lehrreiches und sehr gesundes ich meine für blöde Voreingenommenheiten -, sehr gesundes Stückchen,Lebensphilosophie und residcnzliche Urteilsreife kann man sich in der Klosterstraße!>!> erwerben, wenn man keine eingewurzelten Standes- und Glaubens - difserenzen im Kopf und namentlich einen freien Atemzug des feinfühligen Herzens sich bewahrt hat! . . . Es wird mir recht schwer, ich gestehe es osten ein, meiner alten Passion rückhaltsloser Kritik gegen die Nörgler und Hetzer hier den Kapzaum anzulegen weiß ich doch, daß selbst diese mustergiltigen und was mehr sagen will, Gott wohlgefälligen Einrichtungen echt praktischer Barmherzigkeit nicht volle Gnade vor der Kritik einer alleinseligmachenden Unfehlbarkeit haben, einer Unfehlbarkeit des Eigendünkels, de« BesserwissenS und der Eitelkeit, die so beanem und so billig wie Brombeeren ist. Fa, ich weiß, wie alle diese Er leuchteten — sogar nach einer 40jährigen Praris in Frieden und Krieg vielleicht etwas besser, wie sie — daß hier manch Unwürdiger Wohlthatcn genießt! Aber ist es nicht besser, daß fünfzig Unwürdige aus nahrhafter Speise Kraft zur Arbeit gewinnen, als wenn ein Einziger hungrig, verbittert, grollend und fluchend fortginge? . . . Ich muß gestehen, daß diese Dogmen einer im Herzen geborenen Barmherzigkeit mir kolossal imponiert haben. Ich gehe willentlich hier, so leicht ich es könnte, aus die wirtschaftliche, national-ökonomische und finanzielle Perspektive einer so ausgezeichnet geleiteten Volksküche nicht ein, die gleichen Preises und Rühmens wert ist. Ich will mir ein schönes und reines Bild nicht »eit irgend einer Staffage bekritzeln, die mich auf den Boden des streitsüchtigen Löschpapiers stellen könnte. Auf dem Boden verständnisinniger Herzenswärme, gleicher Anschauung, daß die große soziale Frage unserer schwülen Tage nur durch Dutzende und Aberdutzende solcher kleineren Arrangements für die vielgestaltigen Bedürfnissrage aller Armut auch der verschämten — leichter zu lösen wäre, als durch tausend Theorien und Marimen, Dogmen und Disziplinen eines schwärmerischen, oder gar eines zerbröckelnden Idealismus — — auf diesem Boden beglückenden Einverständnisses drückte ich Fr"u und Herrn Abraham mit unverhüllter Hochachtung meines Herzens die Hand und empfahl ihr segenspendendes Institut der schirmenden Hand Dessen, der etwas besser weiß, wie wir klugen Menschen, was uns "Not thnt, und zu dem wir alle aufzublicken haben in Freud und Leid, für und für!! Die Nknaiffantt der ntuljtbriiWli Sprache und Poesie. Von Leon Schein bans, Memel. III*) Der Drang nach modernem Wilsen und wissenschaftlicher Erkenntnis bemächtigte sich immer mehr unserer russischen Glaubensgenoffen, und die ruhmreiche „Wilna'er Schule", die über ganz Russisch-Litauen ihren Wirkungskreis ausgedehnt hatte, schuf in der neu erstandenen hebräischen Sprache hervorragende Werke. Es galt moderne Erkenntnis und neue Geistesthütigkeit unter den Fnden zu niedren und alles menschliche Wissen mit Hilfe, der debräischen Sprache zu fördern; es galt ferner, das Gebiet des hebräischen Sprachstudiums und des allgemeinen Wissens vereint anzubauen. Es fanden sich Männer, vom Geiste der alten Sprache beseelt und von der Liebe zum Wissen erfüllt, die sich die Pflege und Förderung der hebräischen Litteratnr zum heiligsten Beruf ihres Lebens machten. Einer dieser Männer war und ist Kalman Schulmann lgeb. 1821 zu Wilna, lebt daselbst). Er folgte ganz dem Beispiele feines Vorgängers, Ginzburg, indem er dittorische und geographische Abhandlungen seinen Lesern in hebräischer Sprache zugänglich machte, und zwar nicht etwa einzelne Abschnitte, sondern vollständige Werke ans der Well und jüdischen Geschichte. So wurden die Allgemeine Welt geschichte vom Altertum bis aus die Gegenwart > Tie beiden erneu >!Mittel sind im vorigen Inlira,ing verönenttichi. Tic einzelne» Abschnitte lind iedoch von ein,inder nnnblmnchw :>,ed.