Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 154. Jefcyiirun. Nr. 10. i- . >ir ».I. einen Halt bei diesem Gemütstaumel. Anders märe es vielleicht gewesen, wenn ich den (Müden an einen Gott besessen, von dem ich erst in jüngerer Zeit etwas vernommen, dessen Machtgebot wir widersprochen, der ein Recht dazu hat menschliche Wünsche zu begrenzen und die Fügung in das Unvermeidliche als das heilsamste von Erdgeborenen verlangt - wer weiß, ob ich zu dem letzten geschritten. Allein ich kenne keinen Gott. Wer mir ihn vorenthalten hat? Doch ich möchte mein Gesuch um Vergebung nicht znr Anklageakte sich gestalten lassen. Nein, lieber der Versündigung an mir selbst, die ich durch meine Selbstvernichtung begehe, fühle ich bitter und schwer, euch, meine geliebten Eltern, die Hoffnung zu zerstören, die Ihr auf mich gesetzt. Je mehr mir die Liebe zu Bewußtsein kommt, mit welcher Ihr mich seit zarter Jugend umgeben, desto härter trifft mich der Vorwurf Euch diese schmerzliche Enttäuschung zu bereiten. Aber ich kann nicht anders. Verzeihet, vergebet Eurem unglücklichen Solm Ludwig. Das erste Vornehmen der tiesbetrübten Familie am andern Morgen war, zu Eduard zu schicken und ihn zu sich zu bitten. Man unterließ es absichtlich des Vorgefallenen dabei zu erwäbnen. Die so schwer Heimgesuchten bedurften eines Menschen, der die Behandlung des Trnuerfalls mit der möglichsten Delikatesse übernahm. Sie bedurfte eines dem Hanfe nahestehenden Mannes und das kannte kein anderer als Ullrich sein. Dieser nahm das an ilm ergangene Ersuchen mit einer gewissen Betroffenheit entgegen. Es mußte dort außerordentliches geschehen sein, und Ludwigs war nicht im geringsten erwähnt. Eduard machte sich alsbald ans den Weg. Aus dem Korridor der Rcinfeld'schen Wohnung traf er Marie an. Ihr Aussehen machte ihn stutzig und bestärkte ihn in seiner vorher gemachten Voraussetzung. Als sie seiner ansichtig geworden, trat sie auf ihn zu, ergriff seine Hand und sprach mit von heftigem Schluchzen unterbrochener Stimme: „O kommen Sie, Herr Ullrich, bei uns hat sich etwas furchtbares zugetragen." Weiter sagte sie nichts. Mit raschelt Schritten führte sie den Ängekommenen nach dem ihm wohlbekannten Zimmer des Freundes und öffnete dasselbe. Ulrich fuhr auf's höchste erschreckt zurück, vor dem, was er zu schauen bekam. „Fch ahnte so etwas" sprach er vor sich hin, dann schritt er auf den enseelten Freund und Genoffen zu beugte sich über ihn. „Ach es ist schwer, hier ein Wort des Drostes zu finden" sprach er dann zu Reinseld, der eben auch in's Zimmer trat. „Es ist schwer ein Wort des Drostes zu finden, wo man selbst so hart getroffen und der Beruhigung benötigt ist." „Sie wissen, mein lieber Herr Ulrich" erwiderte Neinfeld nur mit Mühe die schuterzliche Aufregung unterdrückend, die ihn bis dahin fast der Sprache benommen. „Sie wissen was wir von Ludwig erhofft und erwartet, und werden daber mehr denn jeder andere die Tiefe des uns getroffenen Unglücks ermessen können." - „Ganz gewiß, Herr Reinseld. Fch würdige die große Trauer, in die Tie und die Fhrigen versetzt sind. Wenn Sie indes ein braves, gutes, hoffnungsvolles Rind verloren, so werden Sie zugestehe», daß ich dabei den liebsten treuesten Freund eingebüßt. Unser Verlust ist ein gleicher in seiner Größe. Darum werden Sie mir beistimmen müssen, wenn ich sage, daß die Gemütsversafsnng des Verstorbenen in letzter Zeit eine solche war, daß ein längeres Leben kaum zu dem Wünschenswerten gehört hat." „Und ich, ich habe dem Schicksal, das ihn zu diesem traurigen Ende hinführte, die erste Anleitung gegeben; allein meine Absicht dabei war — ich brauche es Ihnen nicht zu versichern die beste die väterlichste. Wenn diese Thal indes mich auch mährend meines ganzen weiteren Lebens guälen nnd als Plagegeist mir bis in das Grab folgen soll, so frage ich: giebt es wirklich einen Gott, der durch das Gewissen sprechend, diese Fürsorge eines Vaters für seinen Sohn zum Verbrechen stempeln und strafen könnte?" „Es giebt einen Gott und er ist es am allerwenigsten, der das Gute, das in einer Absicht liegt, nicht anerkennt. Allein es giebt Absichten, deren erstes Motiv gut, die aber in ''ihrer weiteren Entwickelung in Wege sich verlieren, welche die Pflichtmäßigkeit, sie möge herrtthren, von wo sie wolle, gegen sich haben, dann ergiebt sich das, was uns als Strafe erscheint, aus der Handlung selbst, und Gott, oder sagen wir die Vorsehung, hat damit nichts zu thun. Doch lasse» wir diese Erörterung, mein lieber Herr, unser wartet jetzt eine schwere, ernste Pflicht, die, dem teuer» Entschlafenen die letzte Ruhe zu bereiten. Ich glaube in Ihrem Sinne zn handeln, wenn ich, um Ihnen noch den letzten Schmerz zn ersparen, die hierzu nötigen Vorkehrungen vornehme." Reinfeld bat ihn darum. Drei Tage daraus hatte Ludwig Reinseld seine letzte Ruhestätte gesunden. Reinfeld besaß keinen Sohn mehr, Eduard keinen Freund. Nnd dort, in dem früher so friedlichen und traulichen Heim beim Klempner Ulrich sah es gar düster und traurig aus. Wenn auch Eduard erst einige Wochen dahin gehen ließ, bevor er den Seinen von dem traurigen Ende seines Freundes Nachricht gab, so war doch schon der Frohsinn daselbst aus dem Hause verbannt. Die zerrüttete körperliche Gesundheit Emiliens.gepaa.t mil den Anzeichen tiefer Melancholie, war Gegenstand allgemeiner schwerer Sorge geworden. Der hinzugezogene Arzt konnte gegen das Wehe der Seele nicht antampfen. Er zuckte die Achseln, verschrieb einige leichte Mittel nnd ermahnte die tiesbetrübten Eltern zur Geduld. Das früher lebenssprühende Mädchen war nicht mehr dasselbe, es glich einer geknickten von Sturme gebrochenen Blume. Mit gebeugtem Haupte und hohlen Wangen schritt Emilie einher. Ihr geistiges Vermögen trat immer mehr und mehr aus seiner Normalität und nahm zuletzt das Wesen dos Tiefsinns an. Sie war meist im Garten und auf dem Plätzchen anzulressen, wo sie ein': neben Ludwig sitzend i»> traulichen Gespräche mit diesem sich befunden. Mechanisch spielte sie dann mit einem Medaillon, das eine Haarlocke des Geliebten in sich barg. Doch lange sollte dieses Schattendasein sich glücklicherweise nicht hinzuschlevven haben. Der Spätherbst, der der Blume das letzte Leben nimmt, löste auch die noch schwachen Fesseln, . die den gebrochenen Körper mit dem sich verdunkelnden Geist vrbandeu. Der Klempner Ulrich geleitete seine jüngste Tochter zu Grabe, sie die ihm immer als das Licht des Hauses gegolten. Dunkel und traurig war es jetzt dort . . .