Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. D e s kH u r u n. Seite 14S. des Kardinals wird man kaum gewahr werden. Es ist auch schwer, dem Papste zuzumutcn, eine Kundgebung gegen jene verhetzenden und zersetzenden Agitationen ergehen zu lassen, welche zu bekämpfen eigentlich Sache einer jeden Regierung ist. Freilich wird man in dieser Beziehung von unserer Regierung ebensowenig etwas erwarten dürfen, wie von unseren Liberalen. Als Beweis hierfür kann es gelten, daß in einer der letzten Landtagssitzungen der bekannte Lueger mitteilte, der Landes-Ausschußbeamte Gerenyi sei bei ihm erschienen und habe ihm bewiesen, er sei von „reiner Abstammung" und habe sich legitimiert, daß bis zu seinem Urgroßvater kein Jude in seiner Familie gewesen sei. Gegen diese Erklärung . hatte nicht ein einziges Mitglied der liberalen Majorität ein Wort des Protestes, es fiel keine Bemerkung der Verachtung. Da soll der heilige Vater gegen die Antisemiten auftreten, wenn Männer, die auf ein liberales Programm gewühlt wurden und welche keine andere Existenzberechtigung besitzen, als die von ihnen behauptete liberale Gesinnung, in der Frage des Antisemitismus eine solche Schwäche, eine solche Feigheit zeigen! Und dieselbe Mutlosigkeit findet man bei der Regierung. Selbst der liberalste Minister, wenn wir uns überhaupt eines sülchen erfreuten, würde sich heute nicht getrauen, einen noch so belobten, jüdischen Praktikanten in ein Ministerium zu berufen, oder eineil Inden zum Avancement zuzulassen. Es ist ja richtig, daß beispielsweise Herr von Plener nach seiner inneren Gesinnung gewiß vorurteilslos genug ist, sich über solche Bedenken hinwcgznsetzen, und daß er jüdischen Beamten oder Kandidaten für eine Beamtenstelle, wenn sie die Eignung besäßen, die Ernennung nicht vorenthalten würde, aber es wäre ihm nur daun möglich dies zu thun, wenn er dem ernannten Kandidaten nach dem Muster des großen Friedrich die Bemerkung in Ohr rannen könnte: „Sie sind ernannt, aber ein Schuft, der es weiter sagt." Der Antisemitismus hat eben noch eine andere Seite: Er ist ungeheuer bequem und er ist ein großer Schutz für die Feigen, welche bei jedem Entschlüsse und bei jeder Aktion, ja bei jeder Willensäußerung sich auf de» Antisemitismus berufen können, um keinen Entschluß zu fasten, auf jede Aktion zu verzichten, jede Willensäußerung zu Unterlasten. Man fragt nicht mehr: Ist eine Sache gut oder schlecht, ist eine Person, welche ernannt werden soll, würdig oder nicht würdig, tauglich oder nicht tauglich? Man fragt nicht mehr: Muß im Staatsinteresse dieses oder jenes geschehen, oder mnß es unterlassen werden? Nein, man fragt einfach: Was wird Lueger dazu sagen? So regiert Lueger indirekt die Regierung, so beherrscht er den Landtag, und so folgt ihm die liberale Partei im Parlament, unbewußt und unbeabsichtigt, aber geführt von dem Gefühle der Blutlosigkeit, von der herrschenden Mandatsfurcht, welche das ausgesprochenste Gefühl unserer Volksvertreter zu sein scheint. Und jetzt blickt alles nach Rom. Der Papst soll Rettung senden gegen die Christlich - Sozialen und gegen den Antisemitismus. Mau wird lauge warten, bis die Hoffnung sich erfüllt. Gegen den Antisemitismus giebt es nur ein einziges Mittel, und das ist: daß man sich vor demselben nicht fürchtet, von ihm sich nicht beeinflussen läßt. Aber so lange die Regierung und selbst die liberalsten Männer der liberalen Partei den Muk nicht finden, wird der Antisemitismus immer größere Erfolge erzielen. Der Antisemitismus ist lange keine Frage mehr, welche die Juden viel angeht. Das Gift, welches er auSstrcut, beginnt am Staatskörper zu nagen, und cs übt Wirkungen auf Gebieten, welche weit von dem Judentum entfernt sind, auf dem Gebiete der christlichen Hierarchie. Daß man sich dieser nachteiligen Wirkungen bewußt ist, dafür liefert die Reise des Kardinals Schönborns nach Rom einen drastischen Beweis, trotzdem Rom noch schweigt! Ham» ii» Kprichmrtk. Von Dr. Ad. Jellinek.*) „Ljut, j»tc Ito-Mkn»,". „Man schlägt ihn wie den jüdischen Haman". Südruss. Sprichwort. Die alte jüdische Geschichte und die spätere jüdische Legende haben zwei antisemitische Typen: Amatek und Ha man. Der erstere ist rauh, wild, grausam, unversöhnlich, eilt Feind der Freiheit und fremden Volkstums, gönnt Israel nicht die Erlösung ans Egypten, überfällt es, kaum daß eS die egyptischen Sklavenfesseln abgeschüttelt hatte und repräsentiert den Antisemiten ohne Herz, ohne menschliches Gefühl, ohne Schonung, voll Gemeinheit, Neid, Bosheit und wird auch in der jüdischen Legende so rncksichtlos behandelt wie er es verdient, und doch lehren die talmudischen Weisen, daß inan nicht den Stamm, sondern den Charakter Amalek's perhorreseieren soll. Sobald er seine Gesinnungen geändert, seine Böswilligkeit aufgegeben hat und von ruchlosen Thaten sich fern hält, soll man ihn milde und schonungsvoll behandeln. Ueberhaupt verwirft der Talmud die moderne menschenfeindliche Racentheorie. Er behauptet sogar vor mehr denn einem Jahrtausend, daß es kaum mehr reine und absolute Racen giebt, da durch Völkerwanderungen die Raren sich miteinander vermischt haben. Auch in unserer Zeit kann man sagen, daß es kaum eine einzige Race in Europa giebt, deren Stammesblut nicht durch Eheschließungen mit fremden Elementen versetzt worden wäre, und gerade in den älteren preußischen Provinzen giebt es germanische Antisemiten, deren Blutkügelchen eineil slavischen Ursprung haben. — Der letztere, Haman nämlich, erscheint bereits im Buche Ester als eine höchst komische Figur, die ins lächerliche gezogen wird. Er ist eitel, ganz voll von seiner plötzlich erlangten hohen Würde, wie jeder Parvenü, abergläubisch, so daß er Lose wirft, um den passenden Monat und den passenden Tag für die Ausführung seiner Rache ob verletzter Eitelkeit zu wählen und bildet den lächerlichen Mittelpunkt einer Scene von wahrhaft überwältigender Komik. Wir meinen den Moment, als er seinen Erzfeind ans königlichem Rosse und in königlichem Gewände durch die Straßen der Residenz führen und wie ein Herold ausposaunen muß: „Das ist der Mann, den der König besonders nuszeichnen will". Armer Haman! Was seine eitle Phantasie für sich ersonnen hatte, das mußte er selbst an seinem Erzfeinde aussühren. Und von welcher komischen Wirkung ist der famose Galgen, den er für seinen trotzigen Gegner hatte verfertigen lassen und an dem er selbst sei» Leben aushauchen mußte. Dieser Haman ist prahlerisch, großsprecherisch, und rennt selbst ins Verderben durch seine maßlose Eitelkeit und Selbst« '»«Aus seiner Schrift „Der jüdische Stamm in nichtjüdischen Sprichwörtern." Red.