Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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KefcHururr. Nr. 10. Sette 148. Deutschland zum Opfer gefallenen Dreyfuß tausende von nichtjüdischen Spionen aller Nationen und den sein Ehrenwort brechenden General Ducrot, einem Löwy den antisemitischen, christlichen und arischen meineidigen Ehebrecher und Reichstagsabgeordneten Leuß nebst Vorgängern und mutmaßlichen Nachfolgern — gegenüberzustellen. Auch wollen wir nicht über den Wert der Taufe streiten, welche die christlichen Herren stets dann leugnen, wenn der Täufling nicht mit in ihr Horn bläst, denn das verstehen wir nicht; wir wollen aber nicht verabsäumen, die unverfälschten teutonischen Nasen auf den bekannten Prozeß Manche- — des angeblichen JudensprößlingS — etwas unsanft zu stoßen, weil daselbst auch von Provisionen die Rede war, welche an nichtjüdische Ehrenmänner bis zu 8000 Mark bezahlt wurden, die den dunklen Drang verspürten, ihren Nebenmenschen hilfreich unter die .Knopflöcher zu greifen sie gehören sogar der sozialen Reformpartei an, wenn sie nicht inzwischen an die Luft befördert wurden, da das liebe Pack sich nicht immer vertrügt, sondern bei Judenmangel sich auch schlägt. Ja, ja da sitzen zuweilen nicht nur „feine", sondern sogar „hochfeine" und „pickfeine" Genossen drin, wie Herr Jakobstöter diejenigen nannte, welche einmal, bez. 2- oder drei Mal „Pleite" gemacht haben. Wie er diejenigen bezeichnet, welche manifestierten, bis zu 77 Pfändungsbefehle auf dem Buckel haben und die, wenn sie auf einem Baume sitzen, jede Daseinsberechtigung auf Erden verloren haben, das wissen wir nicht, wie wir bescheiden eingestehen, hoffen aber, daß in den Radauversammlungen über diese sehr dringende Frage bald Klarheit geschaffen wird, — natürlich nur zur Verwendung gegen Juden, denn brave Antisemiten fallen immer auf die Füße. Von Interesse ist auch das Antrags-Bouquet, welches, nachdem es von den Intimen durchgekaut worden war, in seiner ganzen widerwärtigen Gestalt dem Reichstage vorgesetzt wurde, und aus dem an Stelle der Namensvüter die Paten am 27. Februar eine „Blume" abgeflttckt haben, den Antrag nämlich, ausländischen Juden die Einwanderung und den Einzelstaaten deren Naturalisierung zu verbieten, der ebensowenig den Reiz der Neuheit für sich beanspruchen darf als der noch kommende, welcher den Erlaß eines Schächtverbotes für Deutschland begehrt. O welch staatsrechtliches Tohuwabohu malt sich in diesen Köpfen! Daß der Erlaß eines Schächtverbotes nicht der Kompetenz des Reiches untersteht, geht schon daraus hervor, daß das „gemütliche" Sachsen selbständig damit vorging, ohne daß die von Reichswegen gewährleistete freie Religionsübung angeblich davon berührt wurde. Ebenso gehört die Naturalisation eines Ausländers zu den Sonderrechten der Einzelstaaten; ein besonderes Jndigxnat als „deutscher" Staatsbürger existiert nach der Verfassung nicht, sondern jeder in einein deutschen Staate aufgenommene Unterthan wird dadurch so ipso gleichzeitig deutscher Reichsangehöriger. Jede andere Rechtsauffassung ist in dem aus einzelnen Bundesstaaten zusammengesetzten Deutschen Reiche völlig ausgeschlossen und eine Beeinflussung der einzelnen Staaten durch die Reichsgesetzgebung wäre in dieser Richtung ein Verfassungsbruch. Diesen Standpunkt nahmen die Antragsteller vor kurzem gelegentlich des Antrages Pachnicke, dem Mecklenburgischen Staate eine Verfassung aufzuzwingeu ein. - Nun kommen dieselben Herren und verlangen ein Schüchtverbot und das Verbot der Naturalisation ausländischer Israeliten in den Einzelstaaten, somit also einen Eingriff in deren Sonderrecht, jedem das Jndigenat zu erteilen, wem sic Lust haben. Erkläret mir Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! Und wo bleiben diese Herren v. Hammerstein-Woßu und v. Manteuffel, welche diesen kulturspitzigen Antrag unterschrieben haben? Die Ehre, den ersten Ansturm abzufangen, überließen sie mutig ihren Genossen von der bürgerlichen Kanaille, sich selbst reservierten sie für die Rolle, den Siegeslorbeer auf die edle Stirn sich zu drücken. Aber sie irrten sich, auf dieses vorgeworfcne Kanonenfutter reagierten die gutbeivehrten Gegner noch nicht, welche sich begnügen, sich einmal über den blinden Eifer köstlich zu amüsiren, welche Erholungspause ihnen von Herzen zu gönnen ist — beim Hauvttreffen werden sie nicht fehlen. Und wo blieb Ahlwardt, der doch nirgends fehlt, wo es Gelegenheit gilt, sich zu blamieren. Er war ausnahmsweise zur Stelle, blieb aber seiner Gewohnheit treu, sich etwas zu spät zu Worte zu melden; der Hanptgenuß steht uns also noch bevor, wenn dieser Aktenmann es nicht, wie schon früher, vorzieht, bei der Weiterberatung durch Abwesenheit zu glänzen. „Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual." Wir werden ja sehen was herauskommt; inzwischen ahmen wir das Beispiel des Herrn Reichskanzlers nach, welcher, als man ihm unverschämte Zumutungen stellte und A. auf de». Plane erschien, dieser Gesellschaft den Rücken zukehrte - wir machen es vorläufig ebenso.!K. Um — schmigt! 8 Wien, t. Mörz. Die einen erwarteten, die andern fürchteten, daß die Mission des Kardinals Schönborn beim päpstlicheil Stuhle irgend ein Resultat haben werde, welches aus die Entwicklung herrschender politischer und sozialpolitischer Strömungen von Einfluß sein könnte. Die Unterredung, welche der Kardinal- Erzbischof von Prag mit dem Papste geführt hat, entzieht sich der Oesfentlichkeit. Allein so viel kann gesagt werden, daß in hiesigen informierten Kreisen ein besonders entscheidungsvolles Resultat von der Intervention des Kardinals Schönborn nicht erwartet wird. Wenn aber auch der Natur der Sache nach die Vorstellungen, die Graf Schönborn beim Heiligen Vater erhoben hat, kein unmittelbar greifbares Resultat nach sich ziehen werden, so ist der Zweck der Reise dennoch außerordentlich bemerkenswert und er ist ein Symptom für die Erscheinungen, welche auf dem Gebiete unseres politischen Lebens deutlich hervortreten; es zeigt sich daraus, daß man den Zersetzungsprozeß, welchen man früher mit Schadenfreude betrachtet hat, endlich richtig zu erkennen und zu fürchten gelernt hat. Schon vor mehr als INn Jahren hat in den maßgebenden Kreisen des Staates das Treiben des nieder» Klerus von Böhmen und Niederösterreich Mißfallen und Besorgnis erregt. Die jungen czechischen Priester in den Dörfern sind die Führer der christlich-sozialen Bewegung und sie predigen die christlich gefärbte Sozialdemokratie. Wie mir mitgeteilt wird, hat in einer Beziehung die Romfahrt des Kardinals Grafen Schönborn ein vollkommenes Resultat erzielt, und zwar das, daß der Papst keinen Segen mehr spenden wird, wenn das Gesuch nicht von dem Nuntius unterstützt wird. Einen weitergehenden Erfolg der Reise