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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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Seite 11.0. I e f ch u r u n. Nr. 10. Mr Dilchrii Gemkin-mahleii in Knlin. Von M. A. Klausner. 11. Hätte die planvolle Absicht obgewaltet, in der jüdischen Gemeinde Berlin das religiöse und überhaupt das jüdische Geistesleben zu ersticken, man hätte nicht anders verfahren dürfen, als geschehen. Daß der Anschlag, der sicher mehr ans bemitleidenswerter Unkenntnis, denn aus bösem Willen hervorgegangen, nicht ganz gelungen, ist allein der unsterblichen Zähigkeit des Judentums zu danken, das noch immer verstanden hat, selbst vor grausamsten Verfolgungen seine inneren Schütze in irgend einen Winkel zu retten, dessen Verborgenheit sich dem Späherauge entzog. Doch mir getrauen uns zu behaupten, daß noch niemals fanatischer Haß dem Judentnme so schwere Wunden geschlagen, wie es in Berlin die geschäftige Vernachlässigung einer büreaukratisch wohlgeordneten Verwaltung gethan hat. Diese Verwaltung Hütte es dahin gebracht, daß das neue in Berlin geborene Geschlecht der Juden nichts mehr wußte von Glauben und Brauch der Väter, wenn nicht die Tradition lebendig erhalten worden wäre in den kleinen Svndergeineinden, die troh materieller Mühsal sich angelegen sei» ließen, die Pflicht und Schuldigkeit der Grvßgemeinde zu erfüllen. Sie konnten es bei der Unzulänglichkeit der Mittel nicht ganz, und klaffende, nur schwer wieder auszufüllende Lücken sind dadurch in unsere Reihen gerissen. Für Religionslehre und für Religionslebe» hat eine Gemeinde zu sorgen. Dazu sind Männer nötig, die die Lehre vermitteln, und Einrichtungen, die den, Kultus dienen. Wie steht es damit in der Gemeinde Berlin? Wir haben ein Rabbinat; das heißt: es sind fünf Wanderprediger angestellt, die kontraktlich gehalten sind, in bestimmteni Turnus in allen Gemeindesynagogen zu predigen. Da die einzelnen Gotteshäuser einen festen Stamm von Besuchern haben, so lernt zwar die gesamte synagogen besuchende Gemeinde Berlins alle Rabbiner kennen, aber kein Rabbiner lernt die Gemeinde kennen, keiner vermag -zu seinen Hörern in ein Vertrauensverhältnis zu kommen. Wie sollte auch ein solches Vertrauen entstehen? Die verschiedenen Gemeindesynagogen haben voneinander abweichende liturgische Einrichtungen. In der einen ist an alten Bräuchen und Ordnungen festgehalten, in der anderen hat ein zuweilen recht wunderlicher Geschmack, gestützt auf ein mehr denn lückenhaftes Verständnis, Reformen eingeführt, die an sich nicht sehr bedeutungsvoll sein mögen — außer in den Augen ihrer klugen Urheber — die aber von großer symptomatischer Bedeutung sind, weil sie die Stellung zur Tradition kennzeichnen. In der Heidcreutergasse beten die Anhänger alten Brauches, in der Oranienbnrgerstraße lauschen die Modernen dem Klange der Orgel. Die eine Richtung hat ans gleiche Geltung Anspruch wie die andere. Aber die gleiche Geltung basiert nicht und darf nicht basieren auf Gleichgiltigkeit. Wein der Gottesdienst mehr ist als Konvention, wem er nicht eine salbungsvolle Komödie ist, der verlangt eine bestimmte Ordnung nach seinem Sinne, nach seinem Herzen, und die Andacht versagt sich ihm, wo er dem begegnet, was ihm fremd ist oder ihm unschön erscheint. Der Besucher des Gottesdienstes haftet darum an einer bestimmten Synagoge nicht um des gepachteten Platzes willen, denn bis ans wenige Tage des Jahres findet er überall Raum, sonder» um der gewohnten gottesdienstlichen Ordnung nullen. die allein ihm zusagt und seiner religiösen Richtung entspricht Jedes Gemeindemitglied hat das Recht, nach seiner Neigung, nicht nach seiner Willkür, die Andachtsgemeinschaft sich zu wählen - nur die Rabbiner haben dieses Recht nicht. Die Rabbiner sind kontraktlich gehalten, heute vor einer orthodoren, morgen vor einer religiösliberalen Zuhörerschaft zu predigen, hier die Gebete zu verrichten, die dort als „veraltet" beseitigt sind. Ferne der Verdacht, daß die Rabbiner ans den verschiedenen Kanzeln dem wechselnden ^ovink in dem In halt ihrer Predigten bewußt Konzessionen machen. Das wäre charakterlos. Wenn sie es aber thatsächlich nicht thun, was sagt dann die Gebetsversammlung zu der Predigt? Muß sic nicht im regelmäßigen, vom Vorstand bestimmten Turnus an der Predigt Anstoß nehmen? Wird sie nicht in dem nämlichen bestimmten Turnus in ihren religiösen Anschauungen durch den Vortrag des Predigers, der nicht der Prediger ihrer Wahl ist, verletzt? Freilich ist es nicht möglich, in einer Gemeinde von der Seelenzahl der unseren einheitliche religiöse Anschauungen zu schassen, so daß Uebereinstimmnng zwischen allen Rabbinern und allen Gemeindemitgliedern herrschte. Freilich ist es ein Gebot der Gerechtigkeit, allen Richtungen Vertretung zu gönnen; und deshalb ist nichts dagegen einzuivcnden, daß das Berliner Rabbinat ungefähr so viele Achtungen wie Mitglieder in sich vereinigt. Doch wenn ein Gefühl von Gerechtigkeit, wenn die Anerkennung der gleichen Geltung, aller positiven religiösen Anschauungen die bunte Zusammensetzung des Rabbinats herbeigeführt hat, so hat Gleichgiltigkeit gegenüber jeder religiösen Ueberzcugnng, so Hut Koketterie mit dem Schein der Gerechtigkeit die Einrichtung geschaffen, die jeden Rabbiner jeder Gebetsversammlung aufzwingt. Noch einmal: Ferne der Verdacht, daß die Rabbiner auf den verschiedenen Kanzeln dem wechselnden tz'vnttm lom in dem Inhalt ihrer Predigten bewußt Konzessionen machen. Das verbietet ihnen der eigene Eharakter — das haben sie auch gar nicht nötig, denn in allen Dingen, welche die Gemeindemitglieder angehen, werden die Gcmeindemitglieder nicht gefragt. Gefällt es ihnen nicht, so dürfen sie aus der Synagoge sortbleiben und sich den Sondergemeinden zuwenden, in denen ihre Stimme noch etwas gilt, ihre Wünsche Berücksichtigung finden. Welche Wirkung aber muß es auf den Prediger haben, der sich immer im regelmäßigen Turnus — zu seinen Hörern im Gegensatz weiß? Wird die Pflege und Betonung dieses Gegensatzes allmählich zum Sport bei ihm werden? Oder wird er mit der Zeit, von Resignation zerinorscht, die Kanzelobliegenheiten wie ein Kanzlist, nach Stunde und Minute, erfüllen? Jedenfalls ist seine Beredsamkeit mindestens zur Hälfte von vornherein mit dem Fluch der Unfruchtbarkeit geschlagen, und es müßte mit Wundern zugehen, sollte nicht auch die andere Hälfte zum leeren Schall werden, wenn nicht gar zur komödiantischen Phrase. So sieht es in der jüdischen Gemeinde in Berlin mit den Einrichtungen aus, die dem Kultus dienen, und mit den Männern, die die Religionslehre vermitteln sollen. Der Predigt ist ihr innerster Kern genommen, ohne den auf eine gedeihliche Wirkung nicht zu hoffen ist, und in raffinierter Weise ist den Rabbinern die Möglichkeit genommen, von den Kanzeln zur Gemeinde eine Brücke innigen Verständnisses zu schlagen. Es lebt kein Mensch, der zu hunderttausend reden, zu hunderttausend in gedanklichen und seelischen Austausch, in Beziehungen des Gemüts treten könnte. Jeder einzelne

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