Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 2 (1929). Bestand UB Ffm
- Issue
- 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Hilde Hochwald: Erneuerungsbestrebungen und Möglichkeiten in Hort und Kindergarten Die halboffene Fürsorge umiaßt die Tagesheime für Säugling» (Krippe — bis 1% Jahre), Klc nlinder (Krabbelstube — 3 Jahre), Kindergärten (3—6 Jahre) und Horte. Die Tagesheime sind dar Bindeglied und dir Ergänzung zwischen der offenen und geschlossenen Fürsorge einerseits und der Familie andererseits. Die Notwendigkeit iolcher Einrichtungen ist erst in den letzten Jahren im allgemeinen genügend erkannt worden, ihr großer Wert wird aber gerade in jüdischen Kreisen m. E. noch nicht voll gewürdigt, und hier liegt sicher die Ursache der Hauptmängel unserer Arbeit. Die Tagesheime sind ge'chaffen worden sür all die Kinder, die in der Familie unzureichend versorgt sind, zu deren Schutz vor Verwahrlosung aber Unierbringung in geschlafener Anstalt nicht erforderlich oder nicht aussührbar ist. Es fallen hierunter sowohl die Tageshe nie der Gvoßstadl als auch auf dem Lande, Heme, die an Fabriken angegliedcrt oder in Arbeiterviertel» eingerichiet sind, als auch solche in Sicdluiigsbauien (z. 58. Montessori in Rom) und in modernen Gemeinschastssiedlungcn, wie wir sie In Palästina finden. Die Heime müssen den örtlichen Zuständen und individuellen Be- »ingungen ongepaßt den ganzen Tag geöffnet sein. Dir Kinder müssen gu' und ausreichend möglichst an allen Mahlzeiten verpflegt werden. Diese Grundsbrderung beweist bereits die absolute Notwendigkeit jüdischer Tagesstälten mit ritueller Verpflegung und Sonnabendruhr. Außerdem sind die Verhältnisse in den ostjüdischcn Kreisen, aus denen unsere Kinder wenigstens in Berlin größtenteils stammen, sehr verschieden in Lebenshaltung und Hiljsbedürstigkeit vom entsprechenden Proletaricrmilleu des deutschen Bolkskinde» gartens. Diesen Gesichtspunkt gilt es für alle unsere Überlegungen sestzuhalten. Die Eigenart des Milieu« beflimmi unsere Arbeit, und wir müssen versuchen, von vornherein hieraus den Schwierigleilen der Ausgabe in Verständnis und Anerkennung der gegebenen Zustände gerecht zu werden. Die Mütter unserer Kinder ernähre» oft die ganze Familie, es sind Händler, die überall handeln — auch bei uns. Eie sind ost unpünktlich, an'pvuchsvoll, unordentlich und durch private unorganisierte Wohltätigkeit durch das „gute jüdische Herz" zu Schnorrerri und Unzuverlässigkeit erzogen Doch woher kommt dies alles? Weil sie nur zu häufig ein Leben in Hetze und Not führen, vielleicht aus ihre Heimat in Armut und Gefahr haben fliehen und überall in den elendsten, verkommensten Löchern hausen müssen, die Sorge um viele Kinder haben und jedes Jahr wieder eines gebären, früh verbraucht und alt werden nnd ein schweres Leben streng nach lern Gesetz im fremden Land, ohne eigentlichen Schutz, immer ins Ungewiffr hinein leben. Teils sind die dann froh, uns Verantwortung und Last sür ihre Kinder übergeben zu kclnnen, teils sind sie durch die Not gegen ihren Willen dazu gezwungen und werden aus übergroßer Sorge und Unkenntnis der Heime ungerecht und anspruchsvoll und erschweren unsere Arbeit 1b