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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-11-01 · 6 (November-Dezember 1929) · p. Seite 285

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
6 (November-Dezember 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 285 (sequence 3)
Language
German
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Zur Diskussion des Problems des internationalen Madchen- und Frauenhandels (Siehe Heft 4, Seite 181 ff.) I S. Cohen, Generalsekretär der Jewish Association for the Protection of Girls and Women (London); Mitglied des Ständigen Beirats des Völkerbundes für Fragen des Frauen- und Kinderhandels Dr. Kreutzberger hat oft, noch vor Veröffentlichung seines Artikels, seiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß der Mädchen- und Frauenhandel zu unmoralischen Zwecken nicht existiert; bis jetzt habe ich ihn jedoch noch keine Gründe hierfür geben hören. Jetzt gibt er sie. Aber seine Gründe beruhen auf drei sehr fraglichen Voraussetzungen: Erstens auf seiner engen Definition des Mädchenhandels, zweitens — was vielleicht noch wichtiger ist — auf der Feststellung, daß die „Prostitution eine soziale Notwendigkeit" ist, und drittens darauf, daß die ganze Frage eine rein wirtschaftliche ist. Dr. Kreutzberger hat niemals, soweit ich weiß, irgendeine praktische Arbeit in Verbindung mit dem Kampf gegen den Mädchenhandel geleistet, noch hat er irgendwie sich mit einer der verschiedenen Bestrebungen zum Schutze der jüdischen Mädchen und Frauen identifiziert. Es scheint mir, daß er sehr stark durch den Roman von Albert Londres „Der Weg nach Buenos Aires" beeinflußt worden ist. Dieses Buch ist wirklich ein „Roman", es enthält viele Ungenauigkeiten, und die Methoden, deren sich der Autor bedient hat, um sein Material zu beschaffen, waren nicht unbedingt sympathisch. Ueberdies scheint er stark von dem Gedanken der „Notwendigkeit dieses Uebels" erfüllt zu sein. Londres ist bekanntlich Sozialist und, wie alle Sozialisten, möchte er die Verantwortung für alle Nöte und alles Unglück auf die Schultern der Kapitalisten legen. Deshalb ist für ihn die Ursache für all dieses Schlechte das ökonomische Moment. Diejenigen, die in der Arbeit zum Schutz von Frauen und Kindern aktiv tätig sind und den Mädchenhandel bekämpfen, wissen, daß es nicht wahr ist, daß „wirtschaftliche Erwägungen" die einzigen Faktoren sind, die dem „Handel" seine Opfer liefern. Manche menschliche Schwäche und manche menschliche Leidenschaft müssen in Betracht gezogen werden, und — so weit es sich um Juden aus Osteuropa handelt — die traditionelle Angst, unverheiratet zu bleiben oder eine unverheiratete Tochter zu haben. Ich habe auf diesem Gebiet intensiv gearbeitet, 25 Jahre lang viele Stunden täglich, und hatte Gelegenheit, mit vielen Hunderten von Mädchen 285

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