Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 255 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der praktischen Arbeit Mütterschulkurse. Die in der Jüdischen Wohlfahrts- und Frauenarbeit seit Jahren gemachte Erfahrung, daß einem großen Teil der heutigen Genera'tion die einfachsten und notwendigsten Kenntnisse zur Erfüllung ihres Mutterberufes fehlen, hat die Jüdische Kinderhilfe, Berlin, veranlaßt, neben der täglichen Belehrung! und Beratung in den Sprechstunden Mütterschulkurse einzurichten. Dieser Weg zur systematischen Vermittlung und Verbreitung von hygienischem und pädagogischem Wissen wurde von der allgemeinen Gesundheitspflege schon seit langem mit Erfolg benutzt; die jüdische Arbeit hat ihn bisher aber m. W. nicht beschritten. Die Anregung zur Einführung von Schulungskursen für junge und werdende Mütter ging in Deutschland zuerst von Professor Schloßmann, Düsseldorf, u. Professor Hugo Neumann, Berlin, aus. Sie fand die weiteste Verbreitung auf dem Lande und in den Kleinstädten durch die Einstellung von Wanderleherinnen für Säuglings- und Kleinkinderpflege, in den Großstädten werden die Kurse in der Hauptsache von den städtischen Jugendämtern eingerichtet. Ein interessantes Beispiel ihres durchdachten Ausbaues zeigt die Mütterschule in Stuttgart. An dem ersten Kursus der Kinderhilfe nahmen zehn Frauen teil: vier der Teilnehmerinnen erwarteten das erste Kind, drei waren Mütter eines Kleinkindes, eine Mutter hatte drei Kinder. Ferner besuchten den Kursus zwei Kinderpflegerinnen, die in einem jüdischen Tagesheim arbeiten. Alle Frauen waren vor ihrer Verheiratung beruflich tätig, und zwar (mit Ausnahme einer Kindergärtnerin) in kaufmännischen und gewerblichen Betrieben. Der Kursus umfaßte sechs Abende Hit je zwei Stunden. Der Unterricht wurde von dem leitenden Arzt der Kinderhilfe sowie den Fürsorgerinnen bzw. Schwestern erteilt. Im theoretischen Unterricht wurde die normale körperliche Entwicklung des Säuglings und Kleinkindes geschildert. Es wurde die sachgemäße Ernährung und Körperpflege genau besprochen und auf häufig vorkommende Fehler und die hierdurch hervorgerufenen Schädigungen des Kindes hingewiesen. Die Notwendigkeit der Beachtung und ärztlichen Behandlung von Rachitis, Ernährungsstörungen und Infektionskrankheiten wurde besonders betont. Die" Wiederholungen gaben den Teilnehmerinnen Gelegenheit, Fragen zu stellen und dienten zur Festigung und Vertiefung der erworbenen Kenntnisse. Als Anschauungsmaterial für den theoretischen Unterricht stand uns der Atlas der Hygiene des Kindes von Prof. Langstein mit seinen Beispielen und Gegenbeispielen zur Verfügung. Die praktischen Unterweisungen (Bad, Bett, Herstellung der Mahlzeiten usw.) erfolgten durch die Schwester und wurden von den Teilnehmerinnen geübt. Einzelnen Müttern, die den Wunsch hatten, größere Übung in der praktischen Pflege zu erlangen, wurde gestattet in unserem Tagesheim für Säuglinge zu arbeiten. Ein besonderer Abend war der Erziehung des Kleinkindes mit dem Thema „Spiel und Strafe" gewidmet. Eine Stunde wurde zur Besprechung der gesetzlichen Leistungen der Wochenhilfe und Wochenfürsorge, sowie der Zusatzleistungen des Jüdischen Wohlfahrtsamtes benutzt. Das Interesse der Mütter, das sich in dem regelmäßigen Besuch der Abende, sowie in ihrem freudigen Mitdenken und Mitarbeiten zeigte, hat uns bewiesen, daß wir mit der Einführung dieses Kurses eine neue 255