Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 253 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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die Größe der residualen Geburtenrate, d. h. der „derart korrigierten rohen Geburtenrate, daß sie die Zahl der Uberlebenden nach einem Jahre darstellt" (E. Czuber. Mathematische Bevölkerungstheorie. Verl. Teubner. Leipzig. 1923), ermittelt werden. Erst dann werden wir in der Lage sein, einen Überblick zu gewinnen über die zukünftigen Wandlungen in Bestand und Aufbau der Bevölkerung und über die Dynamik derjenigen Bevölkerungsmasse, die in den nächsten Jahren die Tragfläche des ostjüdischen Arbeitsmarktes belasten wird. Die Folgen der gegenwärtigen Entwicklungstendenz der osteuropäischen jüdischen Bevölkerung, soweit volkswirtschaftliche und bevölkerungspolitische Fragen in Betracht kommen, sind zunächst dreierlei Art. Erstens: Die demographische Wandlung des osteuropäischen Judentums wird in den nächsten 10—15 Jahren im Zeichen eines starken Anwachsens der produktiven Altersgruppen stehen. Die theoretisch begründete Voraussage der Dynamik der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion*) sieht für das Jahr 1941 eine Zunahme der absoluten Zahl der im Alter von 25 bis 59 Jahren stehenden Juden um 43% gegenüber dem Jahre 1927 voraus. Der Anteil dieser Altersgruppe an der jüdischen Gesamteinwohnerschaft der Union dürfte von 40,2 °/o im Jahre 1927 auf fast 50°/o im Jahre 1941 ansteigen. Ähnliche Verhältnisse dürfen in allen anderen osteuropäischen Ländern erwartet werden. Bei der äußerst beschränkten Aufnahmefähigkeit des städtischen Arbeitsmarktes der osteuropäischen Länder für jüdische Kräfte bereitet sich somit ein Zustand permanenter wirtschaftlicher Krise für die jüdische Bevölkerung vor, die sich um so stärker auswirken wird, je mehr die Konkurrenz der anderen Bevölkerungsteile erstarkt. Zweitens: Die starke Zunahme der Geburtenzahl, im Verein mit der fortwährenden Abnahme der Sterblichkeit der Säuglinge und Kleinkinder, darf in den nächsten 10—15 Jahren das Anwachsen einer großen Zahl Jugendlicher erwarten lassen, die, um Beschäftigungen zu finden, gezwungen sein werden, ihr Glück in den ohnedies schon überfüllten und gesättigten Arbeitsgebieten der Kleinfabrikation, des Kleinhandels und des Handwerks zu suchen. Drittens: Die große Zahl der Lebendgeborenen, die in der Periode 1924—1928 allein schon ein Kontingent von rund 700 000 Menschen ausmachte, bedeutet für das zerrüttete osteuropäische Judentum eine dermaßen starke Belastung, daß seine Kräfte in der nächsten Zukunft dem nicht gewachsen sein werden. *) L. Minz: Trudovje ressursi jewrejskawo nasselenia SSSR i ich ispolsowanie. — Sammelschrift „Jewrei w Rossji (Die Juden in Rußland). Herausgegeben von der Statistischen Kommission der Gesellschaft ORT in Moskau 1929 (russisch). 253