Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 252 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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ständen des osteuropäischen, namentlich aber des sowjetrussischen und polnischen Judentums während der Periode um das Jahr 1926. Zum großen Teil darf aber die verringerte Sterblichkeit wohl eben als Folge der Erschütterungen, Seuchen und Hungersnöte, als Resultat natürlicher Auslese angesehen werden. Diese Tendenz der Sterblichkeitsverhältnisse bei dem osteuropäischen Judentum ist von hervorragender Bedeutung für die allgemeine Problematik der Bevölkerungsbewegung. Es läßt sich voraussehen, daß die Sterblichkeitsintensität noch in den nächsten Jahren wohl weiter sinken wird, da aber die Säuglinge jetzt schon nur einejm schwachen Sterblichkeitsrisiko ausgesetzt sind (auf je 100 Lebendgeborene starben bei der jüdischen Bevölkerung des heutigen sowjetrussischen Territoriums im Alter von 0—1 Jahren 13,0 im Jahre 1896/97 gegen 11,9 im Durchschnitt der Jahre 1900—1904 und nur 5,7 im Jahre 1926), so steht für die weitere Senkung der Gesamtsterblichkeit des osteuropäischen Judentums nur eine begrenzte, geringe Fallhöhe zur Verfügung. Berücksichtigen wir, daß die Natalitätsquote in den nächsten Jahren ihre bisherige Senkung langsam fortsetzen wird, so können wir die Hauptzüge der nächsten Entwicklungsphase mit einiger Sicherheit aufzeichnen: die Zuwachsquote wird sich sehr langsam vermindern, unbeschadet der gleichbleibenden oder gar zunehmenden Intensität des absoluten Zuwachses. Durch diese Ergebnisse dürfen die beiden ersten, eingangs aufgeworfenen Fragen als beantwortet gelten. Von einer Anpassung der jüdischen Populationstendenz an die Reichweite der wirtschaftlichen Kräfte kann nicht gesprochen werden. Der Überschuß der Bevölkerung hat vielmehr gar keine Aussicht, durch die vorhandenen wirtschaftlichen Kräfte ausreichend versorgt zu werden. Wir gehen nun zur Frage nach den Auswirkungen dieser Disproportionalität zwischen der Vermehrungsintensität und den wirtschaftlichen Gegebenheiten der jüdischen Bevölkerung über. Die Analyse des Bevölkerungszuwachses gibt uns allein noch bei weitem keine ausreichenden Aufschlüsse über dieses Problem. Bevölkerungspolitisch, volkswirtschaftlich und sozial betrachtet, besitzt dieser Faktor unseres Erachtens durchaus nicht die Bedeutung, die man ihm gewöhnlich beimißt. Dem kritischen Auge erscheint die Ziffer des Bevölkerungsüberschusses als eine rein arithmetische Größe, die keine Aussagen über Fragen nationalökonomischer Natur gestattet. Deshalb nicht, weil sie eine Differenz darstellt zwischen zwei volkswirtschaftlich heterogenen Populationsbereichen: dem Bereich der Neugeborenen und dem der Gestorbenen. Zur Begründung des Problems in unserer Fragestellung ist es zunächst erforderlich, daß die innere Struktur der Sterblichkeit und 252